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Wirt Kari, welcher sich an Katharina vergeht.

Für die anderen Frauen im Dorf ist sie lediglich Abschaum. Im Bild: Katharina Walser im Dorfladen.

Dorfpolizist Riegendinger

Film-Interview: «Das Decklbad»

Elektroschocks und Deckelbäder waren während vielen Jahre anerkannte Behandlungsmethoden in der Psychiatrie. Besonders aufgeregte Patienten steckte man ins Deckelbad bis der Kreislauf zusammenbrach und sie ruhig wurden. Regisseur Kuno Bont nimmt sich diesem Thema nun in einem Spielfilm an.

Als ich das Café betrat, in dem wir uns zum Interview verabredet hatten, strahlte mich eine fröhliche Simona Specker im hübschen Kleidchen und ein gutmütig wirkender Kuno Bont an. Das kann ja nur gut gehen mit dem Interview. So war es dann auch. Die beiden kennen sich gut, man spürt es und sie geben nicht lediglich vorgefertigte Standartantworten. Nein! Ihre Antworten zeigen, dass Ihnen dieses Filmprojekt sehr am Herzen liegt. Nun genug der Anfangsworte.

Coopzeitung: Was war die Hintergrundidee, über dieses Einzelschicksal einen Film zu drehen?
Kuno Bont: Es spielten verschiedene Faktoren mit. Zum einen faszinierte mich die Geschichte wie es einer einzelnen Frau möglich war all das zu erdulden. Zum anderen beschäftigt mich das Thema dass jeder Mensch als Individuum selbst über sich bestimmen kann. Sprich, dass niemand darüber bestimmen sollte/kann, wie man ist. Zugleich soll es auch ein Mahnmal für uns sein.

In wie fern?
Kuno Bont: Ich sehe einfach klare Parallelen. Auch heute wird einem der Wille anderer aufgezwungen. Sei dies in der Mode, dem Freizeitangebot oder der Gesellschaft allgemein. Jeder hat die Freiheit, über sich selbst zu bestimmen.

Konnten Sie für den Film von Ihren persönlichen Erfahrungen oder von Ihrem privaten Umfeld profitieren?
Kuno Bont: Die Geschichte spielt in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Ich kannte jedoch weder die Hauptfigur Katharina oder Ihre Nachkommen persönlich, bevor ich mich mit diesem Film beschäftigte. Ich musste mich gedanklich und emotional jedoch sehr stark in die damaligen Umstände zurückversetzen, um ein klares Gespür zu bekommen, wie es damals tatsächlich war. Das gilt zum Beispiel auch für den Dialekt und die Ausdrucksweise welche sehr klar und deutlich war. Kein Wort wurde zu viel gesprochen.

Hatten Sie die Gelegenheit mit den Betroffenen selbst zu sprechen?
Kuno Bont: Ja! Ich hatte sehr intensiven Kontakt mit den Kindern von Katharina Walser, welche beide immer noch in der Nähe wohnen. Sie waren sehr an diesem Projekt interessiert, da für sie, wie für viele andere auch, die ganzen Vorkommnisse nicht abgeschlossen sind und sie weiterhin auf Antworten und Entschuldigungen warten. Für mich war es trotzdem nicht ganz klar, wie die beiden reagieren würden, wenn eine Schauspielerin ihre Mutter in einem Kinofilm spielt. Doch ich habe nur gute Reaktionen dazu erhalten, was ich auch der grossartigen Schauspielleistung von Simona Specker zuzuschreiben habe.

Wen möchten Sie mit dieser Geschichte, diesem Film, ansprechen?
Kuno Bont: Zum einen die Menschen, die einfach so in den Tag hineinleben und oft erst zu spät realisieren, wie ihnen der Wille anderer aufgedrängt wurde. Zum Leute, die andere aus persönlichen Ansichten oder total abstrusen Erklärungen nicht leiden können und diese deshalb ins Abseits stellen. Wenn ich dies kurz erwähnen dürfte: Ich hatte die Möglichkeit, in gewisse Akten der Psychiatrien von damals zu sehen und dort war z.B. eine Frau eingewiesen worden mit der Begründung: Tanzte mit offenen Haaren durch die Strasse. Also total absurd und nicht nachvollziehbar. Aber weil es jemanden störte, der die Macht innehatte, wurden solche Leute willkürlich eingeliefert. 

Das Dorf-Original Turli (Kevin Oeler)

Das Dorf-Original Turli (Kevin Oeler)
Das Dorf-Original Turli (Kevin Oeler)

Nun konkreter zum Gezeigten. Die Figur des Behinderten Arthur (Turli) ist sehr präsent im Film. Hat dies einen bestimmten Grund?

Kuno Bont: Das ist tatsächlich Absicht. Diese Figur stellt ein echtes Original dar, welches zu meiner Kindheit im selben Dorf wie ich lebte. Heute sieht man solche Originale viel seltener. Sie «laufen nicht frei rum», sondern werden oft von der Strasse genommen.

Bei der Beerdigung ist zu sehen, wie sehr die Leute an Symbolen wie dem Kreuz oder dem Rosenkranz hängen und ihre Gesichter zeugen von lauter Trauer. Zudem passt Katharina nicht ins Sitten- und Moralbild der Gemeinde. Gleichzeitig sind Ehebruch, Lästerei und Intrigen an der Tagesordnung. Wieso ist dieser Wiederspruch so deutlich zu sehen?
Kuno Bont: Pure Absicht. Dieses Scheinheilige wollte ich aufzeigen. Zum einen eben bei dem Trauerzug dieses geheuchelte Mitgefühl, das Klammern an religiösen Gegenständen und zum anderen die von Ihnen erwähnten Ungereimtheiten. Man muss dazu erwähnen, dass uns die äusseren Wetterbedingungen bei dieser Szene in die Karten spielten. Der Wind half diese Scheinheiligkeit zu untermauern. Sprich: Man sieht die Leute mit traurigem Blicke, den zusammengefalteten Händen aber der Wind weht dieses Trugbild weg. Sehr eindrücklich!

Gerade bei Kapitel 3 fällt auf, dass nicht detailliert gezeigt wird, wie der Psychiatrie-Alltag aussieht, was alles an Katharina «rumgedoktort» wurde.
Kuno Bont: Das ist auch nicht notwendig. Solche hässlichen Bilder wollte ich nicht zeigen. Es genügt ein Einblick. Dies ruft im Menschen sofort Erinnerungen oder Emotionen hervor. Z.B. was die Sterilisation angeht. Zu dieser Zeit wurde dies an sehr vielen Frauen durchgeführt und somit genügt bereits die Erwähnung und schon werden diese schrecklichen Bilder im Kopf hervorgerufen. Zudem steht im ganzen Film der Mensch im Vordergrund. Ich muss dazu sagen, dass das Drehbuch zuerst anders aussah. Ich habe mir zu Beginn diesen Psychiatrieaufenthalt anders vorgestellt. Doch ich musste feststellen, dass die ganzen Abläufe mit den Patienten unter ständiger Beaufsichtigung standen und sehr strukturiert und fast mechanisch abliefen.

Tres, der seine Frau Katharina in der Klink besucht.

Tres, der seine Frau Katharina in der Klink besucht.
Tres, der seine Frau Katharina in der Klink besucht.

Zu Ihnen, Frau Specker. Eine Szene habe ich noch klar vor Augen: Wo Sie als Katharina Ihrem Mann sagen, dass Sie nicht mehr auf dem Hof leben möchten und von einer Sekunde auf die andere anfangen wie wild um sich zu brüllen. Diesen Irrsinn in Ihren Augen machte mir fast angst.

Simona Specker: Mir ehrlich gesagt auch! Bei dieser Szene kamen Töne aus mir heraus, die ich von mir selbst nicht gewohnt war und ich fragte mich, woher kommen diese? Wieso kann ich dies so zum Ausdruck bringen?

Und, wie schwer war es, Katharina im Zustand der Verrückten zu spielen?
Simona Specker: Ich muss dazu sagen, dass ich mich praktisch ein ganzes Jahr lang mit dieser Rolle beschäftigt habe. Wenn man so in der Rolle ist, dann kann man diese Gefühle, Emotionen und Regungen abrufen wenn man muss.

Kuno Bont:
Das ist für mich der Hauptauslöser, was einen guten Schauspieler ausmacht. Wenn man diese Emotionen genau rüberbringen kann, obwohl man sie selbst noch nicht erlebt hat.

Eine Szene hat mich als Frau selbstverständlich sehr berührt. Die Szene der Vergewaltigung. Wie konnten Sie diese Szene so spielen?
Simona Specker: Solche Szenen sind nie schön, Sexszenen allgemein. Aber am Ende sind es Szenen wie alle anderen auch. Vorgängig habe ich mit dem Regisseur und dem Schauspielkollegen abgesprochen, wo die Grenzen sind, was man alles sehen darf etc.

Kuno Bont: Beim Dreh zu dieser Szene ist die Kamera auf das Gesicht von Katharina gerichtet. Man sieht also die Vergewaltigung an sich nicht, denn wie bereits erwähnt, genügt ein Einblick, man muss nicht im Detail zeigen, wie und wie lange Sie vergewaltigt wurde.

Simona Specker: Das Umfeld in welchem diese Szene gedreht wurde, trug ihren Teil dazu bei, dass ich diese Szene so spielen konnte. Es war in einem Keller, dunkel, kalt und somit nicht gerade wohnlich. Im Film sind Sie nicht gerade topgestylt und immer wunderschön anzuschauen. In einer Szene sind Sie zudem nackt zu sehen.

Haben Sie Mühe damit sich so zu sehen?
Simona Specker: Eigentlich überhaupt nicht, denn das bin ja nicht ich. Ich verkörpere in dem Film Katharina Walser und nicht Simona Specker.

Kuno Bont: Gerade diese Szene in der Psychiatrie, als sie dann ins Deckelbad eingesperrt wird zeigt, wie menschenentwürdigend das war. Man gibt so zu sagen alles was man hat, bis man komplett nackt ist und dies unter Augenzeugen, um anschliessend auch seinen eigenen Willen herzugeben und als lebende Hülle zu enden.

Abschliessend möchte ich von Ihnen beiden wissen, was Sie sich von den Zuschauern und für sich selbst von diesem Film erwarten.
Kuno Bont: Zum einen möchte ich, dass dem Zuschauer der Grund für diesen Film bewusst wird. Er soll schockieren und aufrütteln. Leider braucht es heute viel, bis das Gedankengut der Menschen sich ändert. Ausserdem möchte ich, dass sich das enorme Engagement auszahlt. Der Dreh wurde ohne grosse Unterstützung und mit sehr geringen Ressourcen durchgeführt.

Simona Specker: Ich kann mich diesem Punkt nur anschliessen. Ich hoffe, dass sich die grosse Mühe, das enorme Engagement aller auszahlt. Es versteht sich von selbst, dass ich mich über weitere Rollenangebote freuen würde, zumal dies meine erste Hauptrolle in einem Kinofilm war.

Kuno Bont: Einen kleinen Aspekt möchte ich noch anfügen. Die gesamte Geschichte ist authentisch. Doch bei einem Punkt wurde gelogen! Im echten Leben der Katharina Walser gab es weder den gutmütigen Schneider, noch die helfende Freundin. Diese Frau hatte niemanden, der auf ihrer Seite war. Doch ich konnte den Film nicht so gestalten. Ich dachte mir: So schlecht kann die Menschheit einfach nicht sein. Der Film wäre ohne diese „Guten Feen“ einfach unerträglich geworden.

 

Die Story

Katharina Walser, die Geliebte des Tannbühlers, entspricht nicht den ortsüblichen Vorstellungen von Sitte und Moral. Zudem ist sie eine Ausländerin. Deshalb wird sie im Dorf ausgegrenzt. Die Behörden nehmen ihr die Kinder weg, versorgen ihren Mann im Gefängnis und sie in der Irrenanstalt. Ein herzergreifendes Frauenschicksal inmitten versteinerter Herzen.

 

Credits:
Filmstart: 23. April 2015
Produktionsland: Schweiz, 2014
Länge: 96 Minuten
Regie: Kuno Bont
Produktion: Ascot Elite

Darsteller
Katharina Walser - Simona Specker
Tres, der Tannbühler - Gian Rupf
Gemeindeammann Lukas Gantenbein - Hans-Peter Ulli

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Loredana Steiner

Mediamatikerin / Onlineredaktion

Foto:
Fotos: TmDb, zVg
Veröffentlicht:
Montag 20.04.2015, 14:01 Uhr

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