Ist der Herd aus?

Sie: Während ich rohe Randen in dünne Scheiben schneide, um sie fürs Mittagessen knusprig anzubraten, klingelt mein Handy. Nein, jetzt kann ich nicht dran mit meinen blutroten Fingern. Zuerst fertig schnippeln, dann fertig anbraten und dann ab in die Saxofonstunde. Es macht mir total Spass, in mein uraltes Sax zu tröten. Endlich kommt es zum Einsatz. Ich hatte es mir schon als Jugendliche gekauft, um in München einem Musikstudenten Eindruck zu machen. Gelang mir aber nicht, weil ich das Instrument nur durch die Gegend trug und nie darauf spielte. 

«

Mist! Schon zwanzig nach elf.»

Jetzt aber schon. Ich kann bereits «Bruder Jakob» spielen und «Fuchs, du hast die Gans gestohlen», bin also noch weit entfernt von Candy Dulfer. Aber egal, denn ich habe für mich a) den weltbesten Lehrer gefunden und b) liegt die Musikschule um die Ecke, so kann ich vorher das Mittagessen zubereiten und dann zackig in die Stunde radeln. Denn die Lektion fängt um Viertel nach elf an. Randen brutzeln im Öl, da piept das Handy schon wieder, ich schau kurz nach, eine SMS von meinem Saxofonlehrer: «Kommst du noch?» Blick auf die Uhr: zwanzig nach elf! Mist, mir bleibt die Puste weg! Keine gute Voraussetzung für eine Saxofonstunde.

Er: Mein Handy klingelt. Die Nummer von meinem Chorleiter? Wieso ruft mich der an? Nun ja, er gehört ja praktisch zur Familie, wir alle nehmen bei ihm Unterricht. Gesang, Chor und neuerdings auch Saxofon. Schreiber hat zu spielen angefangen und trötet begeistert ins Blech.Ich hebe ab. «Jörg, was gibts?» Doch statt Jörg höre ich Schreiber atemlos japsen: «Du, ich bin in der Saxstunde, Handy daheim gelassen, drum Jörgs Telefon.» Sie holt Luft: «Ich glaube, zu Hause ist der Herd noch an, kannst du rasch nachsehen?» Ich seufze. Nah von daheim zu arbeiten hat Vorteile. Mein Arbeitsweg beträgt 300 Meter und deshalb kann ich über Mittag mit unseren Kindern essen. Der Nachteil: Schreiber glaubt, ich könne immer mal rasch nach Hause, zum Beispiel, wenn sie meint, sie hätte den Herd nicht ausgemacht.

«

Sie meint, ich könne immer rasch nach Hause. »

Ich bin mir zwar 100-prozentig sicher, dass sie ihn ausgeschaltet hat. Aber 100-prozentige Sicherheit gibts auch wieder nicht, und ich will keine Brandruine, sondern ein leckeres Mittagessen. Also lass ich den Schreibtisch, schwinge mich mich aufs Velo, rase in einer Minuten nach Hause, stürme rein, hechte in die Küche, und dies alles, um zu sehen, dass der Herd natürlich aus ist.

 (Coopzeitung Nr. 48/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 23.11.2015, 16:08 Uhr

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