Die Maestra und die Bambini: Carmela Fronterré und ihre Schüler im Italienisch-Unterricht.

Italienisch: Die Heimatsprache pflegen

In Kursen, die Italien mitfinanziert, pflegen in der Schweiz 10 000 Kinder mit italienischen Wurzeln die Sprache und die Kultur ihrer Eltern und Grosseltern.

Es war ein Wutanfall, der es bis in die deutsche Umgangssprache geschafft hat: Giovanni Trapattonis «ich habe fertig» an seiner legendären Pressekonferenz als FC-Bayern-Trainer 1998. Damit Ähnliches den Nachkommen italienischer Auswanderer in ihrem Heimatland nicht passiert, finanziert der italienische Staat Italienischkurse in der Schweiz.
Schulhaus Erlen, Glarus, Mittwochnachmittag. 13 Kinder sitzen an diesem Nachmittag im Klassenzimmer. Das Ritual ist immer gleich: Vor der Tür steht die Lehrerin, Carmela Fronterré (46). Sie klopft an und wartet, bis von drinnen aus einem guten Dutzend Kinderstimmen ein «Avanti» ertönt. Dann öffnet sie die Tür, tritt ein und begrüsst die Kinder: «Buongiorno bambini.» Die Antwort kommt etwas lasch zurück: «Buongiorno.» Carmela Fronterré ist nicht zufrieden. Sie schüttelt den Kopf, geht nochmals raus, macht die Tür zu und klopft erneut an. Dieses Mal ist sie mit der Begrüssung zufrieden, denn die Kinder rufen ein erfrischendes «Buongiorno maestra!» ins Klassenzimmer.

Carmela Fronterré (l.)

Carmela Fronterré (l.)
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Freiwillig in die Schule

Die Kinder, die sie hier für den Italienisch-Unterricht etwas aufwecken musste, kommen alle freiwillig. In Glarus ist der Mittwochnachmittag schul-frei – wie andernorts auch. Daniele, Laura, Delia, Giovanni und ihre Gspänli sind Nachkommen der zweiten und dritten Generation italienischer Einwanderer und besuchen die «corsi di lingua e cultura italiana», wie rund 10 000 Kinder in der ganzen Schweiz. Sie sollen hier die «Sprache, die sie sprechen, systematischer lernen, die Grammatik verstehen und mit italienischer Literatur in Kontakt kommen», sagt Lehrerin Carmela Fronterré. Und sie sollen Italienisch korrekt beherrschen, denn auch sie machen klassische Fehler, verwechseln «caldo» (für warm) mit dem deutschen kalt oder beenden ihre Aufgabe mit «sono finito» (ich bin fertig) statt richtigerweise«ho finito» (ich habe abgeschlossen).
Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur, HSK genannt, gibt es in rund 40 Sprachen – nicht alle in allen Kantonen, aber die wichtigsten Sprachen wie Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Türkisch, Tamilisch, Serbisch, Kroatisch und Albanisch können Kinder fast überall besuchen. Im Kanton Waadt zum Beispiel gibt es sogar Kurse für Farsi und Bantusprachen. «Die meisten kleineren Organisationen, die Unterricht anbieten, müssen einen Verein gründen und sich finanziell selber organisieren», erklärt Silvia Bollhalder, Fachexpertin für HSK in Basel. Einzelne Staaten beteiligen sich daran und stellen sogar selber Lehrpersonen ein. Ab 1964 sprach zum Beispiel das italienische Aussenministerium den Vereinen finanzielle Unterstützung zu. Heute zahlen die italienischen Eltern in den meisten Kantonen 200 Franken pro Jahr an die Kurskosten.
Die italienischen Einwanderer waren die ersten, die sich organisiert haben. In den 1930er-Jahren entstanden im Kanton Zürich Kurse in heimatlicher Sprache und Kultur. Die Italiener sollten ihre Sprache und Kultur pflegen, damit sie später ohne Probleme in ihre Heimat zurückkehren können. Davon ist heute nicht mehr die Rede. In den 60er- und 70er-Jahren entwickelten auch Elternvereine anderer Nationen Angebote. Die Schweizer Erziehungsdirektorenkonferenz fördert den HSK-Unterricht, weil damit mehrsprachige und interkulturelle Kompetenzen gefördert werden.

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Übergangsloser Sprachwechsel

An diesem Nachmittag in Glarus geht es um den Wortschatz. Carmela Fronterré erzählt die Geschichte eines Buben, der vor nichts Angst hat. «Habt ihr auch vor gar nichts Angst?», fragt sie. Es hagelt Antworten: «Ho paura dei serpenti», meint eines der Kinder, das Angst vor Schlangen hat. «Del (...)», studiert das nächste, «del Gewitter.» – Carmela Fronterré fragt in die Runde: «Come si dice Gewitter in italiano?» So funktioniert ihr Unterricht: Wer etwas weiss, erklärt es jenen, die das Wort nicht kennen.
Die meisten der Kinder dieser Klasse sprechen zu Hause italienisch. Einige ziehen Deutsch jedoch vor, wie etwa Delia (12): «Meine Mutter spricht Italienisch mit mir, und ich antworte auf Deutsch.» Daniele (10) erklärt, «mit dem Vater spreche ich eher deutsch, mit der Mutter italienisch.» Und Iris (9) braucht ihr Italienisch nur noch bei den Grosseltern, zu Hause werde deutsch gesprochen. Dennoch wechselt sie übergangslos zwischen den Sprachen hin und her. Aber das tun praktisch alle Kinder. So konsequent Carmela Fronterré im Unterricht beim Italienisch bleibt, so schnell wechseln die Kinder ins Deutsche, sobald sie unter sich sind: «Vor was hesch du Angscht?»

«

Zwei- oder sogar Drittsprachig?»

Sind sie wichtig? Wie gerne verwenden Sie Sprachen, die nicht Ihre Muttersprache sind?

Ein Land von Emigranten

2013 lebten mehr als 4,3 Millionen Italiener ausserhalb der italienischen Staatsgrenzen. Dies entspricht rund 7 Prozent der in Italien lebenden Bevölkerung. 53 Prozent der Italiener im Ausland stammen aus Süditalien, 32 Prozent aus dem Norden und 15 Prozent aus dem mittleren Teil Italiens.

Die erste grosse Welle von italienischen Einwanderern erlebte die Schweiz vor dem Ersten Weltkrieg. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte diese Emigration ihren Höhepunkt: Zwischen 1945 und 1975 kamen rund zwei Millionen italienische «Fremdarbeiter», später Gastarbeiter genannt, in die Schweiz. Der Grossteil blieb nur wenige Jahre. Als Folge dieser Migration bilden die Italiener bis heute die grösste Ausländergemeinschaft. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung, 1975, lebten mehr als 570 000 Italiener in der Schweiz. Heute sind rund 300 000 Italiener in der Schweiz.

HSK Unterricht in Basel
HSK Unterricht in Zürich
Corsi di lingua e cultura italiana Zurigo
HSK-Info für Elternvereine

Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Visualimpact.ch/Rainer Eder
Veröffentlicht:
Montag 09.05.2016, 10:00 Uhr

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