Vor den Auftritten bei «Art on Ice»: James Gruntz in seiner neuen Wahlheimat Olten.

James Gruntz: «Aus Langeweile Musik gemacht»

Verwandlung Als Teenager traute er sich kaum, vor Freunden zu spielen. Nun tritt er im Hallenstadion auf und arbeitet an seinem fünften Album.

Er ist eines der grössten Talente der Schweizer Popmusik, und dabei schafft er den Spagat zwischen Kunst und Kommerz wie kaum ein anderer. Bevor er die Arbeit an seiner nächsten CD beginnt, überwindet James Gruntz (28) nun wieder einmal seine Bühnenangst für die Auftritte bei «Art On Ice» (ab 4. Februar). Zuvor haben wir ihn in der Oltner «Galicia-Bar» des Schriftstellers Alex Capus getroffen.

Weshalb sind Sie hierher umgezogen?
Ich fühlte mich in Zürich wohl, aber mein Vermieter kündigte wegen Eigenbedarfs. Da ich zu Hause Musik machen will und nicht über ein unendliches Budget verfüge, suchte ich überall zwischen Biel und Zürich. Fündig wurde ich in einem Vorort von Olten – ein idealer Rückzugsort zum Schreiben, da ich nicht den Eindruck habe, dort etwas zu verpassen. Wenn ich doch etwas unternehmen will, ist Olten mit seiner lebendigen Bar- und Beizenkultur nicht weit.

Wann sind Sie zum letzten Mal Schlittschuh gelaufen?
Das ist eine Ewigkeit her! Als Kind ging ich auf die Kunsteisbahn, weil das in Biel der einzige Ort war, an dem es süsses Popcorn gab. Nachdem es mich dort ein paar Mal aufs Steissbein und den Hinterkopf gehauen hatte, musste ich darauf verzichten!

Sind Sie als Bieler wenigstens Eishockey-Fan?
Nein, jemand anderem bei sportlichen Aktivitäten zuzuschauen, fand ich immer langweilig - vielleicht, weil wir zuhause keinen Fernseher hatten. Lieber gehe ich ab und zu joggen, fahre Velo oder rudere zuhause auf dem Ergometer, um fit zu bleiben.

Welche Beziehung haben Sie zu den anderen «Art On Ice»-Musikstars?
Vor den Jacksons habe ich riesigen Respekt – mit ihrem Bruder Michael haben sie Musikgeschichte geschrieben. Von Jessie J kenne ich alles, was sie veröffentlicht hat – eine krasse Stimme, die mich fasziniert. Sie wirkte auch sehr sympathisch, als wir uns bei der Pressekonferenz kurz unterhalten konnten.

Sein Lieblingsmikrofon – uralt, aber schön.

Sein Lieblingsmikrofon – uralt, aber schön.
Sein Lieblingsmikrofon – uralt, aber schön.

Als Teenager extrem scheu, treten Sie nun im Hallenstadion auf – was ist da passiert?
Ich frage mich selbst, wie ich mich immer wieder überwinden konnte, auf die Bühne zu treten und vor Publikum zu singen, obwohl das für mich ganz schwer war. Vielleicht, weil ich doch so etwas wie Routine bekommen habe – im positiven Sinne. Geholfen hat sicher auch, dass das Publikum mir immer wohlgesinnt war. Ich musste nie Bierflaschen oder Tomaten ausweichen, sondern nur die eigenen Hemmungen überwinden.

Woher rührten diese?
Musikalische Bedenken hatte ich eigentlich nie. Ich wusste, dass meine Songs mindestens für mich so stimmen, wie sie sind. Aber sobald ich auf einer Bühne stehe, bin ich in Unterzahl. Je grösser das Publikum ist, desto bedrohlicher kann es wirken. Zudem bin ich niemand, der will, dass die Leute ihn bemerken. Ich präsentiere mich in keinem Lebensbereich gerne. Auch mit Lob kann ich nicht gut umgehen – es wird mir schnell unangenehm.

Wieso haben Sie dann überhaupt begonnen Musik zu machen?
In unserer Familie war klar: Jeder lernt ein Instrument. Bei mir fing es damit an, dass ich auf dem Cembalo meiner Eltern einen Blues nachspielte, den ich oft bei ihnen hörte. Dann lernte ich Trompete, bis ich schliesslich das Schlagzeug bekam, das ich mir immer gewünscht hatte. Da meine drei Geschwister und ich sonntags nie mit Kollegen abmachen durften, war mir oft langweilig – dann machte ich Musik.

Zusammen mit Ihren Geschwistern?
Nein, allein im stillen Kämmerlein. Ich habe die Aufnahmen am Anfang auch niemandem gezeigt. Ich hatte vor allem Freude am Entstehungsprozess – wenn ein Song fertig war, legte ich ihn weg und schrieb einen neuen. Ähnlich wie bei einem Puzzle. Insgeheim träumte ich natürlich schon davon, dass meine Songs einmal im Radio laufen würden und ich von der Musik leben könnte. Als ich etwa 15 Jahre alt war, spielte ich einem Kollegen einige Aufnahmen vor. Als er nicht glaubte, dass ich das sei, sagte ich ihm, er müsse aus dem Zimmer gehen und an der Tür lauschen – sonst hätte ich mich nicht zu singen und spielen getraut. Das war mein erstes Publikum!


Dartpfeil für die Pinnwand mit Song-Ideen.

Dartpfeil für die Pinnwand mit Song-Ideen.
Dartpfeil für die Pinnwand mit Song-Ideen.

Was geschah dann?
Mir war es total peinlich, wie toll er das fand, obwohl es mich zugleich freute. Den Ärmel reingenommen hat es mir dann, als eines meiner Lieder, die ich auf dem Internetportal mx3.ch hochgeladen hatte, plötzlich auf DRS3 lief. Da merkte ich, dass sich damit sogar etwas Taschengeld verdienen lässt. Von der ersten CD, die zugleich meine Maturarbeit war, sind zum Glück nur 40 Exemplare im Umlauf! (lacht) Vom zweiten Album liess ich 1000 Stück herstellen. Dann fuhr ich mit dem Velo zu einem Fachmarkt in Basel und fragte den Chef, ob er einen Teil davon in den Verkauf nehmen würde. Er hat mich dann sogar auf sein Plakat gesetzt. So habe ich mich Schritt für Schritt weiterentwickelt – bis zum aktuellen Album «Belvedere».

Wie gut haben Sie den bedeutenden Jazz-Musiker George Gruntz gekannt?
Er war der Cousin meines Vaters. Ich meiner Jugend haben wir seine Big-Band-Konzerte besucht. Ich fand sie enorm faszinierend. Richtig kennen lernte ich ihn aber erst, als wir vor acht Jahren bei einem Suisa-Nachtessen am gleichen Tisch sassen. George freute sich, mich endlich kennenzulernen, nachdem er schon gehört hatte, dass es in der Verwandtschaft jemanden gibt, der ebenfalls Musik macht, und ich fand es enorm schön, dass es vor seinem Tod noch zu einem gemeinsamen Konzert kam und er für seine letzte CD einen Song von mir aufgenommen hat.  

Nun haben Sie bereits die Arbeit an Ihrem fünften Album aufgenommen?
Ich sammle laufend Ideen, ob Melodien oder Textzeilen. Aber Songs zu schreiben beginne ich erst, wenn die aktuelle Tournee mit den Konzerten bei «Art On Ice» und in Basel abgeschlossen ist. Dann werde ich auf die grosse Pinnwand in meiner neuen Wohnung keine Dart-pfeile mehr werfen, sondern dort meine Notizen aufhängen. Wenn ich dann lese, was mir in den letzten beiden Jahren so alles in den Sinn gekommen ist, dann empfinde ich das, als ob ich einen Schatz heben würde.


Vier Daten im Leben von James Gruntz

2001 «D’Angelo bringt ‹Voodoo› – für mich das beste Album aller Zeiten.»
2005 «Von der CD, die ich als Matura-Arbeit mache, gibt es glücklicherweise nur 40 Exemplare.»
2013 «Gemeinsames Konzert mit Jazz-Koryphäe George Gruntz – ein Cousin meines Vaters.»
2015 «Meine aktuelle CD ‹Belvedere› wird bei den Swiss Music Awards gleich zweimal ausgezeichnet.»

Zur Homepage von James Gruntz »

Sein bislang grösster Hit:«Heart Keeps Dancing»

James Gruntz bei «Art on Ice» 2016

4. bis 7. Februar: Zürich, Hallenstadion

9. und 10. Februar: Lausanne, Patinoire de Malley

12. und 13. Februar: Davos, Eisstadion

Infos und Tickets »

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Stefan Bohrer
Veröffentlicht:
Montag 01.02.2016, 17:01 Uhr

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