Jede Sekunde zählt

Er: Sport ist gesund. Aber zu viel davon kann, wie immer wenn man massiv überdosiert, ungesund sein. Darum schaue ich keine Tennis-Übertragungen – und Fussball  grundsätzlich nur dann, wenn Schweizer beteiligt sind. Die Tour de France lasse ich links liegen, da mir das Suchtpotenzial zu gross ist. Schreiber hätte kein Verständnis dafür, wenn ich im Sommer drei Wochen lang Pedaleuren auf dem Bildschirm folgen würde. Aus diesem Grund konzentriere ich mich auf die Formel 1 und Skirennen.

«

Sport begleitet mich das ganze Jahr.»

Natürlich ist es kein Zufall, dass ich mir eine Sommer- und eine Wintersportart ausgesucht habe; so begleitet mich der Sport nämlich über das ganze Jahr. Wohldosiert. Familienpolitisch ist das wiederum eine Gratwanderung. Denn ich bin technisch nicht so versiert, dass ich die Rennen speichern und dann nachts schauen könnte, wenn meine drei Mädels schlafen. Will ich auch nicht. «Es geht nichts über das Live-Erlebnis», sage ich jeweils zu Schreiber. «Weisst du, nur dann ist man mittendrin und voll dabei.» «Auf dem Sofa liegend?» «Unterschätze das mal nicht! Ich gehe jede Welle mit», kläre ich Schreiber auf, die mir jedoch misstraut, sonst würde sie nicht entgegnen: «Das will ich sehen. Live!»

Sie: Es ist erst Mittag und Schneider fläzt auf dem Sofa rum. Er schaut sich eine Skiabfahrt an und tut so, als wäre Sport zu gucken dasselbe wie Sport zu treiben. Dabei täte es ihm nach den Schlemmerwochen gut, sich mehr zu bewegen. «Komm», sage ich, «beim nächsten Fahrer gehen auch wir in die Hocke.» Schneider brummt, dann stellt er sich doch neben mich und sagt: «Das schaffst du nie!» Es piept einige Male, ein Fahrer stürzt sich aus dem Starterhäuschen und wir gehen in die Abfahrtsposition. «Runter mit dem Hintern», sagt Schneider und plaudert locker von einer Bekannten, die einst Weltcup gefahren ist. Die Zeit beginnt sich zu dehnen. Mein Nacken verkrampft sich, und irgendwann merke ich: Jede einzelne Sekunde zählt.

«

Er tut so, als wäre Sportgucken wie Sporttreiben.»

Schneider sagt schon lange nichts mehr. Ich beisse auf die Zähne, meine Oberschenkel brennen wie Feuer, mein Rücken schmerzt – da kippt Schneider neben mir auf einmal um. «Bindung aufgegangen», stöhnt er und keucht. Ich schaffe es knapp ins Ziel und sehe Sterne – oder sind es Goldmedaillen? «Deine Hocke ..., nicht sauber», japst er kreidebleich, sein Atem rasselt. Und jetzt ist mir klar: Für Schneider ist es definitiv gesünder, auf dem Sofa liegend Ski zu fahren.

 (Coopzeitung Nr. 03/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 18.01.2016, 17:00 Uhr

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