Jenseits

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Schreiber: Herbstausflug. Vorbei an üppigen Bauerngärten, auf einem Hügel eine schmucke Kirche, da sagt Schneider plötzlich: «Du, ich glaube, hier haben meine Eltern geheiratet.»

«Hier? Wieso das denn? Die haben doch damals im Tessin gelebt.»

«Ja, aber nicht dort geheiratet. Ich glaube, das war hier, so siehts auf den alten Fotos aus.»

«Dann frag’ doch schnell deinen Vater», sage ich. Schneider bleibt stehen und kramt nach seinem Handy.

«

Zufall? Oder ein Gruss aus dem Himmel?»

Ich spaziere weiter und sehe meine Schwiegermutter auf ihrem Hochzeitsfoto, das sie mir vor langer Zeit mal gezeigt hat: wie Audrey Hepburn. So jung, so glücklich, so lange her.

Plötzlich piepst mein Handy in der Tasche. Die Kinder? Ich hole es raus, schau drauf: Ein Whatsapp von Nonna. Von Nonna? Unmöglich! Sie fragt, ob sie Geschenke auf dem Markt für uns kaufen könne. Ich blicke auf das Datum: Die Nachricht wurde letztes Jahr abgeschickt. Auf ihrer letzten Reise nach Italien. Jetzt höre ich von ihr, obschon sie seit Monaten nicht mehr lebt.

Ich blicke zu Schneider, der mir winkt und den Daumen in die Höhe hebt.

Zufall? Oder ein Gruss aus dem Himmel? Einmal mehr frage ich mich: Wohin gehen all die Menschen, die nicht mehr da, aber doch immer bei uns sind?

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Schneider: «Sag nur, du hättest das nicht gewusst», meint mein Vater am Telefon. Muss man wissen, wo die eigenen Eltern geheiratet haben? Ich kann mich nur an die Schwarz-Weiss-Fotos von ihrer Hochzeit erinnern – und darauf war auch diese Kirche, vor deren Eingang ich jetzt zum ersten Mal in meinem Leben stehe: in Flüeli-Ranft.

Blutjung war meine Mutter auf den Fotos, feingliedrig, mit mädchenhaftem Gesicht, Krönchen im toupierten Haar, das Leben vor sich. Sie sah glücklich und zart aus.

Schreiber eilt auf mich zu: «Das glaubst du nicht!»

«

Ein Zufall? Ein Zeichen? Wer weiss.»

Ich nicke: «Doch, das ist genau die Kirche.»

«Nein. Hier! Deine Mutter hat gerade ein Whatsapp geschickt.»

«Was?»

«Ja, ein Whatsapp! Sie hat es vor über zehn Monaten geschrieben! Und es kommt genau jetzt an, als wir an jenem Ort sind, wo sie geheiratet hat. Unglaublich, oder?»

Ich schlucke. Seit einigen Wochen wird mir immer mehr bewusst, wie riesig die Lücke ist, die sie hinterlassen hat. Und ausgerechnet ein Whatsapp füllt diese Lücke für einen magischen Moment aus.

«Was für ein unglaublicher Zufall», sage ich.

«Das ist kein Zufall», sagt Schreiber langsam, «das ist ein Zeichen.» Ein Zeichen? Wer weiss. Auf jeden Fall ein unerwartetes Treffen mit dem Jenseits.

Die Kolumnisten live mit ihrem Programm «Mein Leben als Paar»: 21. September Dinnerlesung in Aeschi SO. Infos auf der Website von Schreiber und Schneider.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 18.09.2017, 12:57 Uhr

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