Staunend: Jochen Malmsheimer beschäftigt sich mit den Merkwürdigkeiten der Welt.

Jochen Malmsheimer: «Ohne die Familie bin ich nichts»

Ausgezeichnet Unter den deutschen Kabarettisten ist er einer der grössten, nicht nur von der Statur her. In Olten bekommt er nun das «Cornichon».

Er kann richtig laut werden auf der Bühne. Kein Wunder: Der Mann ist ein wahrer Hüne. Doch ebenso beherrscht er das sprachlose Staunen. In jedem Fall bringt Jochen Malmsheimer (54) die Menschen zum Zuhören – wenn sie sich nicht gerade weglachen. Nun ist er Preisträger an den Oltner Kabarett-Tagen. Zum Gespräch trafen wir ihn am Rande eines Auftritts in Singen (D).

Warum wurden Sie Kabarettist?
Der Auslöser war Hanns Dieter Hüsch – ich habe ihn erlebt und war hingerissen, schon als Kind. Das war zum Schreien komisch und so etwas wollte ich auch machen. Hüsch war eine grosse Inspiration, und das hört man bei mir, auch heute noch.

Also von Anfang an ein Traumberuf?
Nein, das war eher so, wie man als Kind sagt, dass man Lokführer werden will. Ich habe nach der Schule erst ein wenig herumstudiert, das war nicht so toll. Danach lernte ich Buchhändler. Das war ein Traumberuf, aber das stellte sich erst später heraus. Was das angeht, bin ich kein Vorbild. Ich war relativ haltlos …

Ein Suchender?
Ja! Wobei… Suchen ist auch schon zu viel Aktion. Ha! Ich hatte grosses Glück, dass es immer Leute gab, die Ihre Hand über mich gehalten haben, auch ohne dass ich es wusste. Sonst hätte es mit mir übel enden können.

In der Schule war das Unterhaltungstalent noch nicht ausgeprägt?
Schon. Ich war leicht abzulenken, um es mal so zu sagen. Wäre ich 30 Jahre später auf die Welt gekommen, hätte man mir wahrscheinlich Ritalin bis an die Unterkante der Oberlider gespritzt und mich als ADHS abqualifiziert. In Wirklichkeit war ich wie die meisten anderen Kinder nur vielseitig interessiert und schwer ruhig zu stellen.

Wie kam das Kind dann auf die Bühne?
Ich machte immer schon dummes Zeug, spielte auf der Schule Theater, war Sänger in einer Bluesband. Wie bei vielen Anfängerbands wurde mehr gestimmt als Musik gemacht – die Pausen mussten überbrückt werden, und dabei habe ich viel gelernt. Später als Buchhändler war ich unter anderem für die Abteilung «Merkwürdiges» zuständig: sprachlich relevantes Zeug, aber komisch, ein wenig abgedreht, ein wenig schwer. Das nahm ich mit nach Hause, habe auf dem Heimweg in der Kneipe gelesen und dabei oft gelacht. Irgendwann fragte mich der Wirt, ob ich das nicht öffentlich machen wollte. Das habe ich dann auch gemacht und es war super!

Das war der Beginn von «Tresenlesen»?
Genau, diese Reihe ist ab 1992 daraus entstanden  gemeinsam mit einem Kumpel. Texte, vorgelesen mit Talent, also Betonung. 45 Programme mit über 500 Texten – dann war die Wiese gemäht. Aber wir hatten noch Termine – das war dramatisch! Also fingen wir an, Texte selber zu schreiben. Wir wurden entdeckt, ich kündigte meinen Job und seither mache ich das professionell. Wie die Jungfrau zum Kind …

«

Ich machte immer schon dummes Zeug.»

Ihre Statur ist beeindruckend – hat es das einfacher gemacht, sich auf der Bühne durchzusetzen?
Nein. Ich war ja auch nicht immer so. 30 Prozent meiner Substanz sind dazugekommen, als ich mir das Rauchen abgewöhnt habe. Eine bestimmte Präsenz ist natürlich wichtig in dem Geschäft. Das lernt man aber auch. Ich habe das Geschenk einer markanten Stimme, die sehr leistungsfähig ist. Das habe ich auch durch Hanns Dieter Hüsch gelernt, was man mit der Stimme machen kann.  Und der bediene ich mich auch, und zwar in allen ihren Möglichkeiten.

Seit 2000 treten Sie als Solist auf …
Ja, wie ich es so richtig schön auf meine Postkarte schrieb: «Ab jetzt macht Herr Malmsheimer seinen Scheiss alleine». Ha! Das ist bis heute so geblieben, Gott sei’s gepfiffen und getrommelt.

Bereut haben Sie das nie?
Nein, nicht eine Sekunde. Es gibt einem unendlich viel mehr Freiheiten. Es bringt auch Belastungen mit sich, ganz klar – ich habe unter anderem die doppelte Zeit auf der Bühne … Aber es ist natürlich ein Traum. Ich bin ein Kontrollfreak, was meinen Job angeht, und da muss ich mich eben nur mit mir auseinandersetzen. Das ist schon sehr hilfreich.

Und die Familie?
Ich hatte damals noch keine Familie, nur eine wunderbare Frau. Was heisst nur – das ist ja auch schon abendfüllend. Aber das Problematische beim Buchhändler-Dasein ist … Also das werdet Ihr in der Schweiz nicht kennen, aber bei uns gibt es noch Berufe, die werden so bezahlt, dass man davon nicht leben kann. Dazu gehört der Buchhändler. Ich verdiente damals als Abteilungsleiter – mit Prokura, wohlgemerkt! – 1070 D-Mark im Monat, brutto. Da ich eine Wohnung hatte, die 450 D-Mark Miete kostete, einen alten 200er Daimler fuhr – so einen Ölofen, bei dem die Kompression schon nicht mehr so richtig funktionierte – und auch noch geraucht habe… Damit ist die Sache, glaube ich, zu Ende erzählt. Meine Frau hatte, Gott sei Dank, einen Beruf, der ein bisschen was abwarf. Sie hat mich also über Wasser gehalten am Anfang. Mittlerweile kann ich es auch selbst.

Die Familie ist aber wohl mehr nur die ökonomische Basis des Kabarettisten?
Also ohne die Familie bin ich nichts, sie ist das Wichtigste in meinem Leben. Es erfreut mich ungemein zu sehen, wie gross die Jungs geworden sind, was sie tun, was sie für eigene Menschen geworden sind. Der Älteste macht gerade Abitur. Aber wenn wir dann einmal allein in unserem Haus sitzen, das wird schon hart. Darum habe ich einen Defender gekauft, um mit meiner Frau um die Welt zu fahren.

Wenn Sie einen neuen Text schreiben – ist Ihre Frau dann die erste Kontrollinstanz?
Meine Frau bekommt am Vorabend der Premiere das Buch in die Hand – ritualiter – mit dem Satz: «Lies und lach!» Sie hat einen völlig anderen Humor als ich. Das heisst, wenn sie grinst, weiss ich, dass andere mit Möbeln werfen und der Abend ist gerettet. Das ist für uns beide ein furchtbarer Moment, nachdem ich ja vorher schon wochenlang mit dem Text gekreist habe. Sie muss dann den labilen Künstler darüber hinwegtragen, und wenn sie nur schon ein bisschen lächelt weiss ich: Das könnte etwas werden. Und die Kinder kommen immer in die Premiere. Sie lieben ihren Vater auch immer noch vorbehaltlos. Das heisst, sie helfen einem auch über Durststrecken hinweg.

Er legt wert auf Qualität, aus Kanada (Viberg Boots) …

Er legt wert auf Qualität, aus Kanada (Viberg Boots) …
Er legt wert auf Qualität, aus Kanada (Viberg Boots) …

Neben dem «Cornichon» gibt es auch einen privaten Bezug zur Schweiz.
Ja, meine Grossmama väterlicherseits ist Schweizerin. Die hat acht Kinder bekommen, von denen es sieben geschafft haben, und eins davon lebt immer noch in der Schweiz. Deswegen hatten wir als Kinder oft Gelegenheit, die Schweiz zu besuchen.

Auf der Bühne ist Ihre Bochumer Heimat prägend. Was ist das Besondere daran?
Bei uns geht es sehr direkt zu und recht schnörkellos, was ich sehr schätze. Also wenn einer ein Arsch ist, kriegt er das sehr schnell gesagt. Dann ist aber auch die Sache vom Tisch und man kann weiter Bier trinken. Meine Themen beziehen sich aber nicht spezifisch auf das Ruhrgebiet.

… oder aus der Schweiz (Geschenk des Vaters).

… oder aus der Schweiz (Geschenk des Vaters).
… oder aus der Schweiz (Geschenk des Vaters).

Sie spielen oft mit der Sprache, nehmen Begriffe wörtlich. Wie ist das entstanden?
Also bei uns wurde immer viel gesprochen, schon als Kinder, sogar auf nüchternen Magen, um es mit Hanns Dieter Hüsch zu sagen. Aber ich habe das Gefühl, eine wunderbare Muttersprache zu haben, die über einen ungaublichen Varietätenreichtum verfügt. Die Möglichkeiten bietet für diffizilste Äusserungen und um die Dinge feinst zu beschreiben – das ist herrlich. Das muss man sich nur gefügig machen, sich dieses Inventar zugängig machen. Dazu hilft lesen, lesen, lesen. Lesen hilft immer, auch dabei. Und wenn man das gemacht hat, dann ist das ein grosser Spass. Eigentlich bin ich ein Genusssprecher. Ich spreche gerne. Wäre doch schade, wenn wir nur mit Wimpelchen und Täfelchen und so – wusch, wusch, Flaggenalphabet – das wäre ja grauenhaft. Und mit der Wörtlichversteherei, sagen wir mal so: Dadurch, dass die Sprache diesen Varietätenreichtum besitzt, ist es angebracht, die Dinge so zu verstehen, wie sie gesagt sind. Wenn man das dann korrigieren möchte, kann man ja etwas nachschieben. Und deswegen heisst es: Gut zuhören! Das ist immer schon wichtig gewesen.

Nun bekommen Sie den Kabarettpreis in Olten – was bedeutet Ihnen das?
Grundsätzlich ist jede Art von Preis etwas Schönes, weil es ein Indiz für Aufmerksamkeit ist. Dass ich als Deutscher einen Schweizer Preis bekomme, finde ich auch schön: Das bedeutet, dass wir uns zumindest in Grundzügen verstehen. Ich habe mich in der Schweiz immer wohl gefühlt und dort ein wohlwollendes Publikum vorgefunden. Wenn das Ganze in so einer Sache gipfelt, bin ich darüber sehr glücklich, ja, durchaus!

Gibt es auch Verbindungen zur Schweizer Kabarettszene, oder gar Vorbilder?
Ich habe sehr gelacht über Lorenz Keiser. Er hat wunderbare kleine Geschichten geschrieben, und eine von ihm hatten  wir damals im Duo sogar auf der Bühne, «Der Blusenkauf» – den haben wir mit verteilten Rollen gelesen, und danach musste die Kneipe feucht durchgewischt werden, weil die Leute unter sich gemacht haben. Das ist wirklich grandios, muss man sagen. Der war wirklich pfiffig, sprachlich grossartig und hatte eben auch den Blick für diese irrsinnige Situation, ganz toll. Also den verfolge ich bisweilen.

Sie bringen Ihr Publikum zum Lachen. Gibt es dahinter auch eine Botschaft? Wollen Sie die Menschen zu etwas ermuntern, etwa zum aufrechten Gang?
Ich fände es toll, sie zum Zuhören zu ermuntern, das möchte ich in jedem Fall. Ich hatte übrigens zum ersten Mal in meiner Karriere einen Zwischenfall in einem Publikum, wo ein offensichtlich aber auch unter Substanzen stehender stark Rechter pöbelnd den Saal verliess. Und das war in der Schweiz, erstaunlicherweise, und nicht in Deutschland. Da war ich ganz vom Strumpf. Mir liegt jede Art von Patriotismus fern, grundsätzlich. Ich halte das für sehr schädlich und schlecht. Deswegen möchte ich die Leute ermuntern, sich zuzuhören und jenseits aller Denkmuster, -formen und -grenzen sich auf das Gegenüber einzulassen. Wenn das gelänge, dann wären diese ganzen Probleme nicht existent. Wenn man jemand so nimmt, wie er ist, anstatt sich zu fragen, wo er herkommt, wie er aussieht, was er tut. Sondern: Sprich mit ihm, hör ihm zu, wenn er dann Scheisse redet, gibst Du ihm eins vors Brett, okay. Aber bis dahin muss man erst mal hinhören. Das fände ich schon schön. Das ist natürlich utopisch. Kabarett kann, wenn es überhaupt etwas schafft, für 90 Minuten unterhalten. Das ist schon genug. Wenn man den Anspruch im Griff hat, dann hat man schon jede Menge geleistet. Und das Andere ist dann Wunschdenken.

Machen Sie irgendwann mit dem Kabarett Schluss?
Ich würde sagen, das Kabarett macht mit mir Schluss. Also solange mir was einfällt, werde ich es aufschreiben und auch bestimmt vorlesen. Ich finde es ganz furchtbar, wenn einem nahelegt wird, es doch mal sein zu lassen. Ich begegne meinem Werk grundsätzlich mit allergrösstem Misstrauen. Mit allergrösstem Misstrauen! Ich stelle mich nur vor Leute hin, wenn ich das Gefühl habe, es könnte wirklich … es müsste eigentlich … es ist schon … es sollte schon raus. Wenn ich das Gefühl einmal nicht mehr habe, höre ich sofort auf. Und ich werde mich bestimmt nicht irgendwie siech von drei Arbeitersamariterbund-Helfern auf die Bühne schleifen lassen und dann anschrauben, damit der Onkel seine Gedichte vorlesen kann. Also soweit wird es nicht kommen. Im Gegentum: Ich möchte mit meiner Frau im Landrover die Welt entdecken. Ich möchte nach Norden fahren, und zwar ohne darüber nachzudenken, wann die Fähre zurückgeht. Ich habe auch noch Pläne jenseits des Kabaretts.

Machen Sie noch Musik? Malen oder andere Formen von Kreativität, ausser Schreiben?
Ich zeichne viel, ich mache meine Cover alle selber. Fotografieren mache ich auch. Und ich schnitze: Im Sommer schnitze ich immer Löffel, das kann man nicht oft genug machen. Ich mache viel mit den Händen. Und dadurch auch mit dem Kopf.

Vier Daten im Leben von Jochen Malmsheimer

1982 Mit 21 begegnet er Heide. Die beiden heiraten nach reiflicher Überlegung 1996.

1997 Die Geburt des ersten Sohns Jakob gehört zu den wichtigsten Ereignissen in seinem Leben.

2000 Ebenso die Geburt des zweiten, Aaron. Zudem ist Malmsheimer ab jetzt als Solo-Kabarettist unterwegs.

2018 Hammerfest: Wenn die Jungs erwachsen sind, geht es im Geländewagen nach Norden, versprochen!

Mehr über Jochen Malmsheimer auf seiner Internet-Seite

Klassiker: «Das Wurstbrot» (ZDF, Neues aus der Anstalt, Juni 2010):

Ausschnitt aus dem aktuellen Programm «Ermpftschnuggn trødå! - hinterm Staunen kauert die Frappanz»:

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Martin Winkel

Redaktor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 27.04.2015, 18:56 Uhr

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