Auf der Bühne zu Hause: Joël von Mutzenbecher im Basler Balz-Club, wo regelmässig der von ihm ins Leben gerufene «Comedy-Club» stattfindet.

Joël von Mutzenbecher: «Privat sitze ich gern in der zweiten Reihe»

Er gilt als eines der grössten Comedy-Talente der Schweiz. Nun hat er bei der Vergabe der Swiss Comedy Awards den Publikumspreis erhalten.

2015 war ein umtriebiges Jahr für Sie. Wie läuft es gerade?
Sehr gut! Anders kann man es fast nicht sagen. In den letzten Jahren habe ich immer wieder gedacht, es läuft nicht schlecht. Es freut mich daher umso mehr, dass in allen Bereichen, in denen ich arbeite, noch eine deutliche Steigerung möglich war.

Haben Sie immer gewusst, dass da noch Luft nach oben ist?
Konstant, und das ist auch jetzt noch so. Ich glaube, das ist der Antrieb eines kreativen Menschen. Man setzt sich kurzfristige Ziele und sobald man diese erreicht, setzt man sich schon die nächsten. Ein definitives Ankommen gibt es nicht.

Ist das nicht anstrengend?
Nein, das ist im Gegenteil sehr befreiend. Ich wäre in Unruhe, wenn ich ein Ziel erreichen würde, und dann nicht weiter wüsste.

Worüber haben Sie sich 2015 am meisten gefreut?
Das ist eigentlich sehr simpel. Enorm gefreut habe ich mich über das Soloprogramm und die Entwicklung, die es mit mir und ich mit ihm durchmachen musste. Ein weiteres grosses Highlight war meine Weltreise. Ich habe mir eine viermonatige Auszeit genommen und bin quasi einmal um die Welt gereist, mit dem Ziel, das neue Programm zu schreiben.

Wann haben Sie geschrieben?
Mehrheitlich, wenn ich in Städten unterwegs war. Dann habe ich einfach mein Notebook hervorgenommen und stundenlang geschrieben. Sobald ich aber am Strand war, zum Beispiel in Hawaii, habe ich gebadet oder gesurft und konnte keine Zeile schreiben.

Worüber haben Sie sich 2015 am meisten geärgert?
(überlegt) Darüber, dass ich mir zu wenig Pausen gegönnt habe. Das habe ich auch vor und während meiner Weltreise deutlich gespürt. Ich war komplett erschöpft.


Man nennt Sie gerne ein Allroundtalent. Wie viel davon ist harte Arbeit?
Sehr viel. Es gibt unzählige Menschen, die talentierter sind als ich, aber ihr Ding nicht durchgezogen haben. Dennoch nehme ich es gern an, wenn man mich ein Allroundtalent nennt. Es bedeutet, dass ich etwas richtig gemacht habe. Allgemein denke ich aber, dass Talent stark überbewertet wird.

Ist es nicht trotzdem bewundernswert, wenn jemand über ein aussergewöhnliches Talent verfügt?
Das frage ich mich eben! Was bedeutet Talent schon? Ich war zum Beispiel kein untalentierter Schüler, aber ein fauler Sack. Ich bin sogar von der Schule geflogen. Während ich Klassen wiederholt habe, sind viele Mitschüler an mir vorbeigezogen. Die haben wirklich fleissig für Ihren Abschluss gearbeitet und ihn darum auch absolut verdient. Ich dagegen nicht, da ich zwar in einigen Schulfächern gut war, aber nichts dafür geleistet habe. Mit dem was ich jetzt mache, ist es genau gleich. Angefangen beim Radio: Eine tolle Stimme macht noch keinen tollen Moderator. So sehe ich das.

Gab es eine Phase in Ihrem Leben,  in der Sie mit Ihrer abgebrochenen Schulausbildung gehadert haben?
Nein, überhaupt nicht. Aber das ist bestimmt auch so, weil es nie einen Grund gab. Ich weiss beispielsweise nicht, wann ich zuletzt einen Lebenslauf abgeben musste. Solche Sachen sind in meiner Branche nicht entscheidend. Allerdings gab es Situationen in denen ich plötzlich nicht mehr genau wusste, wohin mein Weg führen soll. Dennoch wäre die akademische Laufbahn nicht die Lösung gewesen. Nie.

Sie sind nebst Ihrer Tätigkeit als Comedian auch noch Schauspieler und Moderator. Was machen Sie am liebsten?
Comedy, ganz klar. Nur der Zuschauer macht hier einen Unterschied, für mich führt alles zusammen. In anderen Ländern ist es selbstverständlich, dass ein Komiker moderiert oder in einem Film mitspielt. In der Schweiz unterscheidet man das gerne noch. Alles, was ich tue hat mit Comedy zu tun.

Dennoch mussten Sie sich rantasten. Als Sie 2013 Ihr erstes Soloprogramm auf die Bühne brachten, waren Sie schon lange als Moderator tätig.
Ich wusste, «das machst du einmal, und zwar richtig» und hatte daher Respekt vor der Sache. Ganz grundsätzlich ging es aber darum, meinen Namen bekannter zu machen, um dann als Komiker anzufangen. Vor sieben Jahren wäre es noch undenkbar gewesen, einfach mit einem Soloprogramm aufzutauchen.

Also sind Sie kreativ mit Kalkül?
Das muss man wahrscheinlich auch sein. Wobei ich ja nicht glaube, dass es Kalkül ist – ich habe das ja nie so geplant. Das hat mehr mit dem eigenen Gefühl zu tun. Man muss wissen, wann man bereit dafür ist. Ich bin auch sehr froh, dass es erst jetzt so richtig gut läuft, nachdem ich schon zwei Jahre Comedy gemacht und etwas Erfahrung gesammelt habe. Es ist also einfach Gespür. Zum Glück funktioniert das momentan (lacht.)

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein neues Programm entwickeln?
Extrem unterschiedlich. Das erste Programm war so ein pubertärer Rundumschlag. Was sich in rund 25 Jahren angestaut hatte musste einfach mal raus. Das war zwar  ziemlich chaotisch, aber dennoch gut und wichtiger Teil eines Prozesses. Beim zweiten Programm war eine strukturiertere Arbeitsweise zu erkennen. Ich habe mir auch nur halb so viel Zeit gegeben wie beim ersten und einen verbindlichen Rahmen gesteckt.

Für Ihr neues Programm haben Sie sich unter die Cervelatprominenz gemischt. Was gefällt Ihnen an diesem Mikrokosmos?
Die Absurdität des Ganzen. Ich sehe mich nicht unbedingt als Teil davon, auch wenn das ein bisschen abgehoben klingt. Es ist ein punktuelles Eintauchen in diese Welt. Solche Anlässe können aber sehr spassig sein, weil man mit der Zeit immer mehr Leute kennt und sich auf einige wirklich freut. Dadurch entsteht eine Art Klassentreffen-Stimmung. Es ist ein grosser Pausenplatz. Man darf es aber nicht zu ernst nehmen.

War die Bühne immer ein Thema für Sie?
Ich habe schon als Kind Otto-CDs nachgespielt. Mit 12 Jahren hatte ich dann erstmals Theater als Freiwahlfach. Da ist mir klar geworden, das könnte sogar mein Beruf werden. Also ja, dieses Gen war wohl schon bei meiner Geburt da.

Das Rampensau-Gen also. Können Sie anderen denn auch mal den Vortritt lassen, gerade privat?
Inzwischen schon. Seit dem ersten Tag beim Fernsehen habe ich in dieser Hinsicht eine Wandlung bemerkt. Davor war ich wohl unerträglich. Ab und zu lasse ich diesem Charakterzug freien Lauf, es muss aber nicht immer sein. Privat kann ich sehr wohl in der zweiten Reihe sitzen – nicht ganz hinten, das nicht. So, dass ich noch etwas mitreden kann, aber nicht gleich auf die Bühne muss.

Dennoch heisst es auf Ihrer Webseite unbescheiden: «Mein Lieblingskomiker ist Joël von Mutzenbecher.» Das Zitat stammt von Ihnen.
(Lacht) Das ist ein ganz einfacher Gag aus meiner frühsten Comedy-Zeit. Mich hat dieser ganze Zitate-Zirkus schon immer genervt. Schliesslich lobt kein Prominenter einfach so einen Komiker. Das ist meist abgesprochen.

Haben Sie manchmal Existenzängste? Sie sind ja von der Nachfrage seitens Publikum abhängig.
Das ist so. Existenzängste habe ich aber irgendwie nicht, sonst könnte ich meinen Beruf gar nicht ausüben. Das war schon immer so. Auch in Zeiten, in denen ich hätte Existenzängste haben können, wusste ich immer, dass es schon irgendwie klappt. Ich behaupte felsenfest, dass man solche Ängste ausstrahlt und diese dann wieder auf einen zurück fallen. Daher denke ich in der Regel positiv.

In der Schweiz sind Sie sehr erfolgreich. Denken Sie auch über die Grenzen hinaus?
Ich tue das in sehr ambitioniertem Mass. Mein Ziel ist es, irgendwann Comedy auf Englisch zu machen. Hier kommt wieder der Faktor vom richtigen Zeitpunkt ins Spiel. Ich kann selber noch nicht genau sagen, wann das sein soll, habe aber eine ungefähre Ahnung.

Gibt es Ereignisse, Situationen oder Menschen, über die Sie keine Witze machen?
Jein. Ich finde, man sollte über alles Witze machen, da Lachen oft befreiend ist. Man kann eine herrliche Nummer schreiben über eine Bekanntschaft mit einem behinderten Menschen, ohne sich über ihn persönlich lustig zu machen, sondern über die Situation oder die Vorurteile. Bei Menschen, die nichts für ihre Situation können, versuche ich mich zurückzuhalten. Gerade beim Stand-up ist das aber schwierig.  

Was glauben Sie, wer sind Ihre Fans?
Der Satiriker und ehemalige TV-Moderator Frank Baumann hat einmal behauptet, es seien vorwiegend Wirtschaftsstudentinnen. Ich habe keine Ahnung warum, aber ich finde, es tönt gut (lacht).

Sie tragen einen adligen Namen. Mit einem deutschen Pass wären Sie Baron. Wo liegt die Baronie „von Mutzenbecher“?
Es ist so lustig, das wurde ich in der letzten Zeit von mehreren Journalisten gefragt. Ich weiss nur, dass unsere Familie zwei Schlösser besitzen würde – mit Betonung auf „würde“. Das eine ist mittlerweile in Polen, das andere irgendwo nahe Berlin. Darauf hätte man aber bis 1954 Anspruch erheben sollen. Das hätte wohl mein Grossvater machen müssen, hat er aber nicht. Es ist wohl ein Glück, sonst hätten wir bestimmt Schulden ohne Ende (lacht.) Ich habe zwei Riesenbände über meine Familiengeschichte. Mein Ziel ist es, diese einmal weiterzuführen und zu erweitern. Leider habe ich im Moment zu viel zu tun.

Was nehmen Sie sich beruflich und privat für das nächste Jahr vor?
Natürlich möchte ich das neue Programm so oft wie möglich spielen. Privat zügle ich endlich in eine grössere Wohnung, wo ich zum ersten Mal einen eigenen Garten haben werde und sogar ein Esszimmer. Darauf freue ich mich sehr.

Wie feiern Sie Silvester?
In London! Viele Jahre habe ich an Silvester immer gearbeitet, weil das ja der Theatertag schlechthin ist. Nun fahre ich in diesem Jahr endlich mal weg. Ob ich es krachen lasse, weiss ich noch nicht. Es ist auf alle Fälle ein toller Moment, um nach Weihnachten und vor Beginn des neuen Jahres ein bisschen runterzufahren und gemütlich zu feiern.

Mit seinem neuen abendfüllenden Programm «Wienerlipromi» sorgt Joël von Mutzenbecher seit November für ausverkaufte Häuser. Der Basler ist bei Kritikern und Publikum gleichermassen beliebt. Dabei hat der 28-Jährige erst vor rund zwei Jahren auf die Karte «Comedy» gesetzt. Zuvor machte er sich als Radio- und TV-Moderator und als Schauspieler («20 Regeln für Sylvie») einen Namen.

 
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Auf Ihrer Webseite heisst es: «Mein Lieblingskomiker ist Joël von Mutzenbecher.» Das Zitat stammt von Ihnen.
(Lacht) Das ist ein ganz einfacher Gag aus meiner frühsten Comedy-Zeit. Mich hat dieser ganze Zitate-Zirkus schon immer mehr amüsiert als beeindruckt. Schliesslich lobt kein Prominenter einfach so einen Komiker. Das ist meist abgeprochen.

Man nennt Sie gerne ein Allroundtalent. Wie viel davon ist harte Arbeit?
Sehr viel. Es gibt unzählige Menschen, die talentierter sind als ich, aber ihr Ding nicht durchgezogen haben. Talent wird stark überbewertet. Dennoch nehme ich es gern an, wenn man mich ein Allroundtalent nennt. Es bedeutet, dass ich etwas richtig gemacht habe.

Sie sind auch noch Schauspieler und Moderator. Was machen Sie am liebsten?
Comedy, ganz klar. Nur der Zuschauer macht hier einen Unterschied. In anderen Ländern ist es selbstverständlich, dass ein Komiker moderiert oder in einem Film mitspielt. In der Schweiz unterscheidet man das gerne noch. Alles, was ich tue, hat mit Comedy zu tun.

Dennoch mussten Sie sich rantasten.
Als Sie 2013 Ihr erstes Soloprogramm auf die Bühne brachten, waren Sie schon lange als Moderator tätig. Ich wusste, «das machst du einmal, und zwar richtig» und hatte daher Respekt vor der Sache. Ganz grundsätzlich ging es aber darum, meinen Namen bekannter zu machen, um dann als Komiker anzufangen. Vor sieben Jahren wäre es noch undenkbar gewesen, einfach mit einem Soloprogramm aufzutauchen.

Ohne Mikrofon läuft gar nichts.

Ohne Mikrofon läuft gar nichts.
Ohne Mikrofon läuft gar nichts.

War die Bühne immer ein Thema für Sie?
Ich habe schon als Kind Otto-CDs nachgespielt. Mit 12 Jahren hatte ich dann erstmals Theater als Freiwahlfach. Da ist mir klar geworden, das könnte sogar mein Beruf werden. Also ja, dieses Gen war wohl schon bei meiner Geburt da.

Das Rampensau-Gen also. Können Sie anderen denn auch mal den Vortritt lassen, gerade privat?
Inzwischen schon. Seit dem ersten Tag beim Fernsehen habe ich in dieser Hinsicht eine Wandlung bemerkt. Davor war ich wohl unerträglich. Ab und zu lasse ich diesem Charakterzug freien Lauf, es muss aber nicht immer sein. Privat kann ich sehr wohl in der zweiten Reihe sitzen – nicht ganz hinten, das nicht. So, dass ich noch etwas mitreden kann, aber nicht gleich auf die Bühne muss.

Für Ihr neues Programm haben Sie sich unter die Cervelatprominenz gemischt. Was gefällt Ihnen an diesem Mikrokosmos?
Die Absurdität des Ganzen. Ich sehe mich nicht unbedingt als Teil davon, auch wenn das ein bisschen abgehoben klingt. Es ist ein punktuelles Eintauchen in diese Welt. Solche Anlässe können aber sehr spassig sein, weil man mit der Zeit immer mehr Leute kennt und sich auf einige wirklich freut. Dadurch entsteht eine Art Klassentreffen-Stimmung. Es ist ein grosser Pausenplatz. Man darf es aber nicht zu ernst nehmen.

«

Berührt hat mich die Gastfreundschaft der Afghanen.»

Das erste Notizbuch für seine Ideen.

Das erste Notizbuch für seine Ideen.
Das erste Notizbuch für seine Ideen.

Gibt es Ereignisse, Situationen oder Menschen, über die Sie keine Witze machen?
Jein. Ich finde, man sollte über alles Witze machen, da Lachen oft befreiend ist. Man kann eine herrliche Nummer schreiben über eine Bekanntschaft mit einem behinderten Menschen, ohne sich über ihn persönlich lustig zu machen, sondern über die Situation oder die Vorurteile. Bei Menschen, die nichts für ihre Situation können, versuche ich mich zurückzuhalten. Gerade beim Stand-up ist das aber schwierig.

Was glauben Sie, wer sind Ihre Fans?
Der Satiriker und ehemalige TV-Moderator Frank Baumann hat einmal behauptet, es seien vorwiegend Wirtschaftsstudentinnen. Ich habe keine Ahnung warum, aber ich finde, es tönt gut. (lacht)

Joël von Mutzenbecher als Vujo Gavric

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Vier Daten im Leben von Joël von Mutzenbecher

2000 Im Freiwahlfach Theater wird ihm klar, dass er später auf der Bühne stehen will.

2004 Mit 16 Jahren moderiert er das Jugendmagazin «Mash» auf dem Lokalsender Telebasel.

2010 Start der eigenen Comedy-Talkshow «Primetime-Show» im Häbse-Theater in Basel.

2013 Die Erfüllung eines Traumes: Premiere des ersten Soloprogramms «Multitalentfrei».

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Text:
Maša Diethelm
Foto:
Lucian Hunziker
Veröffentlicht:
Montag 28.12.2015, 13:00 Uhr

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