Lorenzo Cherubini alias Jovanotti: «Das Wichtigste im Leben ist die wahre, grosse Liebe. Und die Kinder, die daraus entstehen.»

Jovanotti: «Vieles geschieht bei mir instinktiv»

Musiker und Sänger Jovanotti ist zurück mit einem neuen Album: «Oh, vita!». Ein Gespräch über das Leben, den ultimativen Song und Silvio Berlusconi.

Es gibt nicht viele Stars, die so ungezwungen die Fragen eines Interviewers beantworten wie Jovanotti (51). Der italienische Hip-Hop-Sänger und Rapper, der mit richtigem Namen Lorenzo Cherubini heisst, ist umgeben von einer Schar persönlicher Assistentinnen, Managerinnen, PR-Frauen und einigen mehr – und lässt sich, obwohl doch so ausgestellt (alle lauschen seinen Antworten), kein bisschen aus der Ruhe bringen. Er lacht viel, berührt sein Gegenüber immer wieder an der Schulter und gibt ihm das Gefühl, ein alter Bekannter von ihm zu sein.

Jovanotti, reden wir …
… wir haben uns schon gesehen, oder nicht?

Ja, vor zehn Jahren und zuvor Ende des alten Jahrtausends.
Das ist lange her, aber ich habe ein fotografisches Gedächtnis.

Wie hat sich Ihr Leben in all diesen Jahren verändert?
Also, ich habe mich gar nicht so sehr verändert. Vor 20 Jahren war ich ja schon erwachsen. Da waren die wichtigsten Metamorphosen, die du als Jugendlicher durchläufst, längst abgeschlossen. Ich weiss aber nicht, ob das gut ist, dass ich mich nicht mehr gross verändert habe. Manchmal gibt es Momente, in denen ich denke: Jetzt steckst du wieder in derselben Situation, weil du nochmals die gleichen Fehler gemacht  hast. Gleichzeitig weiss ich, dass das auch mit meiner Art zu tun hat, wie ich an die Dinge herangehe: Vieles geschieht bei mir instinktiv. Was auch wieder gut sein kann.

Und wie hat sich das Leben auf dieser Erde verändert?
Auch hier kann ich Ihnen keine knackige Antwort geben. Die Welt ist immer dieselbe. Okay, vielleicht gibt es ganz objektive Fakten und Zahlen, weshalb sie heute anders ist als vor 20 Jahren. Das ist aber eher etwas für die Statistiker. Für den ganz gewöhnlichen Erdenbürger ist unsere Welt nicht schlechter geworden, aber auch nicht besser. Was sich laufend verändert, ist einzig unsere Wahrnehmung. Es gibt genügend Ereignisse, die uns euphorisch stimmen können. Wer will, findet auch viel Trauriges.

«Italien ist ein fantastisches Land, aber auch hysterisch.»

«Italien ist ein fantastisches Land, aber auch hysterisch.»
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Was ist wichtig im Leben?
Natürlich die Liebe. Die wahre, grosse Liebe. Und die Kinder, die irgendwann aus ihr entstehen.

Was kommt nach dem Leben?
Wir wissen ja nicht einmal, weshalb es wie lange dauert! Anders als bei einem Jogurt, wo das genaue Ablaufdatum genau feststeht. Was uns das Jogurt übrigens mehr und bewusster geniessen lässt. Ich bin ein bisschen eifersüchtig auf die religiösen Menschen, die genau wissen, was nach dem Ende ansteht, und die fest daran glauben. Ich hingegen bin nur Teilzeit-religiös – zwischendurch gibt es auch bei mir diese magischen Momente, in denen ich mir sage: Es wird etwas nach dem Leben kommen, und dieses Etwas wird fantastisch werden.

Was wird das Leben uns in Zukunft bringen?
Auch da denke ich, dass es fantastische Überraschungen geben wird. Wir wissen noch so wenig über das Leben, da gibt es noch so viel zu entdecken. Niemand weiss das besser als ihr Schweizer, die ihr intensiv physikalische Grundlagenforschung betreibt. Auch in der Medizin stehen wir noch ganz am Anfang. Wir haben keine Ahnung, wie das Gehirn funktioniert, um nur ein Beispiel zu nennen. Es ist verrückt, was wir noch alles entdecken werden. Und fantastisch.

«Fantastisch» scheint Ihr Lieblingswort zu sein. Es zeigt, dass Sie optimistisch gestimmt sind, was unsere Zukunft anbelangt.
Für die junge Generation, die sogenannten Millenials, bin ich das. Sie sind mitten in eine Welt hinein geboren worden, die eine rasante Umwälzung erfährt. Ich sehe da viel Enthusiasmus über die grossen Möglichkeiten, welche die Digitalisierung bietet. Bei uns Älteren sieht das ein bisschen anders aus. Das hohe Tempo, mit dem sich die Welt verändert, fordert uns in höchstem Masse. Viele überfordert es. Für sie ist es eine traumatische Veränderung. Wenn Sie nur denken, wie viele Berufe innert kürzester Zeit verschwinden! Auch früher gab es Veränderungen, aber es dauerte alles viel länger, manchmal Jahrzehnte.

«

Es wird etwas nach dem Leben kommen – dieses Etwas wird fantastisch werden.»

Nehmen wir an, Sie dürften noch einen letzten Song spielen – welchen würden Sie wählen?
Keinen.

Keinen?
Genau. Es ist dieselbe Frage, die der Produzent Sam Phillips im Film «Walk the Line» dem noch unbekannten Johnny Cash stellt: «Wählen Sie einen letzten Song, bevor Sie vom Lastwagen überkarrt werden …»

Cash entscheidet sich für ein Lied, das Phillips vom Hocker reisst.
Mich hingegen würde der Lastwagen überfahren, ohne dass ich einen Song zum Besten gegeben hätte. Weil ich mich nicht entscheiden könnte. Ich habe mindestens 15 Lieder, die ich unbedingt ein letztes Mal singen möchte, wenn die letzte Stunde schlägt.

Und wenn ich doch auf einem einzigen Lied beharre?
Dann mache ich es mir einfach und wähle das letzte: «Oh, vita!»

Was hat dieses «Oh» zu bedeuten?
Dieses «Oh» ist wichtig, genauso wie das Komma. Zusammen entsteht vor dem «vita» eine Kunstpause, die dem Ganzen eine andere Bedeutung gibt. Ohne Komma würde einfach nur das schöne Leben besungen, mit Komma steckt mehr Tiefgang drin: Wer will, kann darin einen tiefen Seufzer, die Glückseligkeit oder aber einen Fluch erkennen. Das hängt ganz vom Betrachter ab. Ich bin übrigens überrascht, dass das Lied so gut ankommt. In Italien führt es die Charts an. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Weshalb nicht?
Das ganze Lied besteht praktisch aus zwei Tönen. Es hat keine Arrangements, ist eigentlich ein extrem simples, rohes Stück Musik. Ich habe deshalb gescherzt: Die Leute finden den Song nur so toll, weil sie mich lieben. (Lacht.) Hätte ihn beispielsweise MC Jack veröffentlicht, hätte sich kein Schwein dafür interessiert.

Dann können Sie veröffentlichen, was Sie wollen. Es spielt eigentlich gar keine Rolle mehr.
Ja, aber das ist ja nichts Negatives. Im Gegenteil: Ich sehe es positiv.

Aber ist es für Sie als Musiker befriedigend?
Es ist sogar super befriedigend. Das heisst, dass du bei den Menschen viel Kredit hast. Und diesen Kredit musst du unbedingt ausnützen, indem du etwas riskierst, etwas Neues wagst. Wenn du das Erreichte bloss bewahren willst, geht es früher oder später schief.

Letztes Jahr radelten Sie einen Monat lang durch Neuseeland. Weshalb ganz alleine?
Das war nichts Ungewöhnliches. Ich war schon vorher immer wieder alleine zu längeren Reisen aufgebrochen. Nur habe ich es dieses Mal erzählt, deshalb ist es nun ein Thema. Mir gefällt die Abwechslung, die Kälte, die Hitze, die Einsamkeit. Punkt. Ich muss da gar nicht philosophisch werden. Ich mache es, weil es mir gefällt.

Hat Sie jemand erkannt?
Nein, niemand. Das war sehr entspannend.

Wenn wir übers Leben reden, gehört auch diese Frage dazu: Wie lebt es sich in Italien?
Italien ist immer noch ein fantastisches Land. Aber auch hysterisch. Gerade jetzt, da wieder Wahlen anstehen. Was aber auch verständlich ist. Es gibt Fernsehsender, die 24 Stunden lang Nachrichten senden müssen. Da ist doch klar, dass sie sich vieles aus den Fingern saugen oder jede Banalität aufbauschen müssen. Ganz ehrlich, sie sind nicht zu beneiden. 365 Tage senden sie 24 Stunden lang Nachrichten. Da habe ich es direkt gemütlich, wenn ich alle zwei, drei Jahre ein Album herausgeben muss.

Und Silvio Berlusconi mischt ja erneut bei den Wahlen mit!
Was soll ich zu ihm sagen? Wir haben vorhin von der analogen und digitalisierten Welt gesprochen. Es ist doch klar, wo Berlusconi anzusiedeln ist. (Lacht.)

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