Massimo Martino im Schnee: Er geniesst, was für andere eine Tortur wäre. Seine Partnerin Michelle Sabatini ist in Sachen Kälte (noch) zurückhaltender.

Eiseskälte

Gegen das Frieren helfen nicht nur Mäntel und Mützen, sondern auch aktives Kältetraining. Aber aufgepasst: Sie könnten damit Ihr Leben verändern.

Die Atmung spielt eine wichtige Rolle beim Umgang mit Kälte.

Die Atmung spielt eine wichtige Rolle beim Umgang mit Kälte.
Die Atmung spielt eine wichtige Rolle beim Umgang mit Kälte.

Meine Grenzen ausloten», das war das Ziel des in Zürich wohnhaften Tessiners Massimo Martino (43). «Die Kälte schien mir dabei eine bezwingbare Feindin.» Sein Entscheid, den Kampf gegen sie aufzunehmen, fiel im letzten Oktober. Damals entdeckte er die Videos des Holländers Wim Hof, der rund zwanzig Kälte-Weltrekorde hält. Und so begann der Shiatsu-Therapeut, seine Dusche jeweils mit einem eiskalten Wasserstrahl abzuschliessen – und verzichtete schliesslich ganz auf Warmwasser. Aber im Ernst, ist das nicht gefährlich? Kaum, sagt der Walliser Arzt Jacques Richon, solange man nicht schon am ersten Tag in einen eiskalten See springt. «Der Körper benötigt eine gewisse Angewöhnungszeit.» Der Experte betont, dass die mentale Vorbereitung entscheidend ist.

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Die Kälte hat mein leben verändert, ich fühle mich lebendiger.»

Massimo Martino (43), Shiatsu Therapeut

Mit Schaudern erinnert sich Massimo Martino daran, wie seine Mutter ihn im Winter zwang, mehrere Kleiderschichten zu tragen. «Wir sind überhaupt nicht mehr an die Kälte gewohnt», stellt der Heilpraktiker fest: «Mit den geheizten Räumen und den dicken Wintermänteln müssen wir ohnehin nicht mehr dagegen ankämpfen.» Martino wundert sich selbst über seine bereits erzielten Erfolge. Nicht nur, dass seine sportliche Leistungsfähigkeit gestiegen ist: Kürzlich sei er vor der Sauna ins eisige Wasser gesprungen und habe dort eine Minute lang ausgeharrt. «Ich war zwar gezwungen, sehr konzentriert zu atmen. Aber als ich aus dem Wasser gestiegen bin, sah ich die bewundernden Blicke», erzählt er. Und vor allem: «Ich fühle mich viel lebendiger.»
Mit seiner Begeisterung hat er auch seine Partnerin Michelle Sabatini (42) angesteckt, die zu Beginn sehr skeptisch war. «Ich bin ein ‹Gfrörli›, aber ich habe festgestellt, dass ich die Kälte nicht mehr als Angriff empfinde», erzählt sie. Es ist jedoch unvorstellbar für sie, in einem gefrorenen See zu schwimmen, wie das ihr Partner tut.

Duschen als Vorbereitung 

Die Methode von Massimo Martinos grossem Vorbild, dem Kälte-Weltmeister Wim Hof (56), besteht in erster Linie darin, rund 20 Minuten ganz bewusst zu atmen. Wichtig dabei: Die Ausatmung ist doppelt so lang wie die Einatmung. Erst danach geht der auch «Iceman» genannte Kälte-Rekordhalter zur Sache: Hof duscht seine Füsse erst 15 und dann 30 Sekunden mit eiskaltem Wasser. Danach ist der ganze Körper dran, auch das mit zunehmender Dauer.
«Gemäss dem physikalischen Prinzip fangen die kleinen Muskeln rund um die Venen an, effizienter zu arbeiten und das Blut besser zu schützen», erklärt der Holländer via Skype. Durch dieses Training des Gefässsystems würden die Glieder gut mit Sauerstoff versorgt. «Ich kann so mein Nerven-, Gefäss- und Immunsystem beeinflussen», sagt der ehemalige Briefträger, der weltweit Seminare abhält und Überlebenscamps organisiert. Zur Kälte kam der Kälteprofi mit 17. «Ich war auf der Suche nach einem Nervenkitzel». Mitten im Winter sprang er daher in einen Fluss, harrte dort eine Minute lang aus. «Ich fühlte mich gut dabei», erinnert er sich.

Rätsel für die Wissenschaft

Wim «Iceman» Hof (56), Kälte-Rekordhalter

Wim «Iceman» Hof (56), Kälte-Rekordhalter
Wim «Iceman» Hof (56), Kälte-Rekordhalter

Im Laufe der Jahre stellte Hof fest, dass er nie erkältet war. Daher wandte er seine Grundsätze auch auf seine fünf Kinder an. Doch ein Mann, der seine Kinder mitten in Amsterdam in den Kanal wirft, bleibt nicht unbemerkt: Schon bald wurde das Fernsehen auf ihn aufmerksam. Prompt meldeten sich Wissenschaftler, die sich für den «Iceman» interessierten. Und sie bekamen etwas geliefert: Bei einer Studie 2007 in New York zeigte Wim Hofs Körper keinerlei Lebenszeichen mehr an: Nach zweieinhalb Minuten ohne Atmen war auf dem Monitor nur noch eine Linie zu sehen.
«Meine Technik erlaubt es mir tatsächlich, einige Minuten ohne Luft auszukommen», amüsiert sich Wim Hof, denn laut Ärzten ist eine derartige Widerstandskraft für einen Menschen physiologisch unmöglich. Hof ist dies ziemlich egal: Bei einer Show in Holland blieb er 80 Minuten in einer mit Eis gefüllten Kiste sitzen und lieferte den Beweis, dass er seine Körpertemperatur ohne zu zittern konstant halten kann.

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Ich war auf der Suche nach einem Nervenkitzel.»

Wim «Iceman» Hof

Seinen Seminarteilnehmern bläut Wim Hof jedoch ein, dass die positive Wirkung des Eiswassers nach drei Minuten nachlässt: «Wenn Sie sich langsam schwer fühlen, müssen Sie raus! Das ist ein Zeichen, dass das Blut anfängt, sich abzukühlen.» Auch er selbst blieb nicht von den Gefahren der Kälte verschont: Bei einem Bad unter dem Eis begann die Hornhaut seiner Augen zu gefrieren, erst in letzter Sekunde konnte er gerettet werden. Ein anderes Mal, als er 2007 in Finnland mit nackten Füssen einen Halbmarathon lief, riskierte er Erfrierungen. «Bei Kilometer 18 waren meine Beine hart wie Holz, aber ich wollte das Rennen unbedingt beenden.»

Eine reine Männersache?

Fanny Smith (23), Skicross-Weltmeisterin

Fanny Smith (23), Skicross-Weltmeisterin
Fanny Smith (23), Skicross-Weltmeisterin

Bei Kälte-Workshops sind weibliche Teilnehmer seltener: «Aber ihre Leistungen sind absolut vergleichbar», betont Wim Hof. Dennoch bezeichnet sich etwa die Waadtländer Skicross-Weltmeisterin Fanny Smith (derzeit verletzt) als «absoluten Gfrörli». «Bis vor Kurzem trug ich bei jedem Wetter lange Thermounterhosen», so die 23-Jährige. Inzwischen verzichtet sie jedoch oft darauf, um ihren Körper wieder an die Kälte zu gewöhnen. «Klar, ich friere dann ein bisschen, aber das ist nicht weiter schlimm.» 

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Im Rennen vergisst man die Kälte. Trotz Tempi von 90 km/h.»

Fanny Smith (23)

Der «Iceman» träumt von der Wärme

Wim Hof, der sich derzeit zusammen mit einer Gruppe Gleichgesinnter auf dem Kilimandscharo auf 5895 m ü. M. befindet (in Shorts natürlich), träumt hingegen von der Wärme: «In Tat und Wahrheit mag ich es viel lieber warm. Einmal lief ich sogar einen Marathon in der Namib-Wüste, ohne einen Schluck Wasser zu trinken …» So ist er nun mal, der Holländer – Hauptsache extrem.

Hoffen auf die Kälte

Die tiefste Temperatur (–273,15 °C) wird von den Forschern als «absoluter Nullpunkt» oder auch 0 K (Kelvin-Einheit) bezeichnet. Bei dieser Temperatur gibt es keine Teilchenbewegung, kein Lebenszeichen mehr.
Für die sogenannte Kryokonservierung, die die Entwicklung von Zellen unterbricht, ohne sie zu töten, wird flüssiger Stickstoff (zwischen –195 und –210 °C) verwendet. Die Methode wird längst von Medizin, Sport und Industrie genutzt. Doch die in Filmen wie «Hibernatus», «Austin Power» oder «Forever Young» kolportierte Idee, seinen Körper einzufrieren, um ewiges Leben zu erlangen, hat ihr Versprechen noch nicht eingelöst. Dennoch haben sich bis heute rund 200 Menschen nach ihrem Tod einfrieren lassen – in der Hoffnung auf bahnbrechende Forschungsentwicklungen.

Jacques Richon Chirurg, Notfallarzt und Bergführer, Sitten

Jacques Richon Chirurg, Notfallarzt und Bergführer, Sitten
Jacques Richon Chirurg, Notfallarzt und Bergführer, Sitten

Wie reagiert unser Körper auf Minustemperaturen?
Wir sind homöotherme Wesen: Das heisst, unser Körper hat eine konstante Körpertemperatur und gleicht Wärmegewinn und -verlust aus. Bei Kälte ziehen sich die Blutgefässe zusammen und die Muskeln zittern, um Wärme zu erzeugen. Gelingt dies nicht mehr, wird es gefährlich und es kommt zu Unterkühlung. Lokal kommt es an Händen, Füssen, Ohren, Nase und sogar Wangen zu Erfrierungen; die Haut wird weiss.

Was bietet Schutz vor Kälte?
Es gibt drei Möglichkeiten: Man kann sich mit Kleidung, die Feuchtigkeit und Wind abhält, vor dem Wärmeverlust schützen. Man bewegt sich, da so Wärme erzeugt wird – oder man bereitet sich mental darauf vor.

Und rein körperlich?
Man sollte Kalorien in Form von Fett zu sich nehmen und etwas Warmes trinken. Eine optimale Feuchtigkeitsversorgung hilft zudem, Erfrierungen vorzubeugen.

Gibt es Menschen, die Kälte besser vertragen?
In Untersuchungen wurde dies nicht festgestellt. Man muss sich einfach richtig verhalten und im Vorfeld gut aufwärmen. Schlecht sind auch Tabak und Alkohol, beides wirkt gefässerweiternd.

Kann man sich an extrem tiefe Temperaturen gewöhnen?
Das kann man! Die Akklimatisierung geschieht mit mentaler Vorbereitung. In meiner ersten Nacht im Zelt bei –35 °C glaubte ich zu sterben. Bevor ich in die Antarktis reiste, schlief ich mehrere Wochen auf dem Balkon, dann setzten wir uns bei –7 °C im T-Shirt nach draussen. Aber es ermüdet, ständig gegen die Kälte zu kämpfen, man wird apathisch, das Denken verlangsamt sich.

Helfen Muskeln gegen Kälte?
Muskelmasse erlaubt, Kälte länger auszuhalten. Doch nur Fett – vor allem Bauchfett – schützt wirklich.

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Kälte ermüdet den Körper»

Was ist der Unterschied zwischen Erfrierungen und Frostbeulen?
Unter Erfrierung versteht man eine irreparable Schädigung des Gewebes. Dies ist noch Jahre später spürbar: Die betroffene Stelle bleibt empfindlich. Will man die Wunde zu rasch aufwärmen, besteht zudem das Risiko einer Verbrennung. Aber man muss auch aufpassen, dass der betroffene Körperteil nicht wieder gefriert. Frostbeulen sind eine lokale entzündliche Reaktion, meist schwillt die Haut an. Die beste Vorbeugung besteht darin, sich gegenseitig zu beobachten, denn oft merkt man die Gefahr selber nicht sofort.

Ab welcher Temperatur spricht man von Unterkühlung?
Man schätzt, dass der Körper unter 35 °C unterkühlt ist. Aber die Temperatur entspricht nicht immer den Symptomen: Die «kälteste» Person, die ich reanimieren musste, hatte eine Körpertemperatur von 17 °C und kam ohne wesentliche Schädigungen davon.

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Text: Mélanie Haab

Foto:
Heiner H. Schmitt, Sedrik Nemeth, zVg
Veröffentlicht:
Freitag 22.01.2016, 10:11 Uhr

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