Faszinierend, so eine Tasse. Nicht nur für Hunde, sondern auch für Kaffeetrinker.

Kaffee trinken, abwarten

Wenn ein Notfall in die Praxis gebracht wird, müssen sich alle anderen Kunden gedulden. Ein Kaffee verkürzt dabei die Zeit, doch einer der Wartenden benimmt sich merkwürdig.

Es war ein Notfall. Als ich sah, dass sich mindestens eine Stunde Verspätung ergeben würde, boten meine Assistentinnen den anderen Kunden einen Kaffee an. Die einen gingen noch einmal spazieren, die anderen ins nahe gelegene Restaurant. Es gab auch welche, die sich einen neuen Termin geben liessen. Ein Kunde aber blieb im Wartezimmer sitzen und liess sich den Kaffee servieren. Während ich den Notfall operierte, meldete eine Assistentin, der Kunde zeige ein seltsames Verhalten. Immer wieder schaue er unter die Tasse. Auch drehe er den Unterteller immer wieder um.

«Habt ihr etwa die Tasse mit dem Sprung genommen?», fragte ich. Doch die Assistentin schüttelte den Kopf. «Nein, es war die schönste Tasse im Set, die mit dem kräftigsten Goldrand.» Ich hatte bei der Auflösung der Wohnung meiner Grossmutter deren Teeservice in die Praxis genommen. Es war nicht mehr vollständig und man sah dem Service das Alter an, doch ich mochte es gerne und genoss jede Tasse Kaffee daraus doppelt.

Endlich war die Wunde vernäht und der unglückliche Hund wachte langsam auf. Halb benommen wollte er sich immer wieder im Kreis drehen, doch ich hielt ihn fest, bis er ganz ruhig war. Sollte ich den Verband verstärken? Brauchte der Hund einen Halskragen oder liess er seine Naht in Ruhe? Waren diese Blutstropfen noch vom Unfall oder blutete eine Wunde nach?

«Der Kunde hat den Kaffee ausgetrunken. Ich habe die Tasse kontrolliert. Mit ihr ist alles in Ordnung. Vielleicht war der Kaffee nicht gut?», sagte die Assistentin zu mir. Aber ich war zu sehr mit dem Hund beschäftigt, als dass ich die Sorgen um den Kaffee hätte verstehen können.

Dann ging der Betrieb weiter. Die Kunden strömten wieder herein und als Erster kam der Kaffeetrinker dran. Ganz am Schluss der Konsultation meinte er: «Sie haben echtes Langenthal-Geschirr! Ich habe das seit meiner Jugend nicht mehr gesehen. Ich komme aus dieser Stadt und meine Familie war eng mit dieser Manufaktur verbunden. Ich habe seit Jahrzehnten nicht mehr aus solchem Geschirr getrunken!»

Der Hund war erwacht und die Verspätung aufgearbeitet. Jetzt brauchte ich einen Kaffee. Beim Trinken hob ich die Tasse und schaute darunter. Dann drehte ich die Untertasse um. Eine Kundin, die gerade hereingekommen war, fragte: «Ist der Kaffee nicht gut?»

(Coopzeitung Nr. 28/2013)

Tiergeschichten: Alles was Tierhalter von Hunden und Katzen wissen und erfahren sollten. Hier gehts zu den Geschichten

Kommentare (1)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Fotolia
Veröffentlicht:
Montag 08.07.2013, 08:50 Uhr

Mehr zum Thema:

Mehr Geschichten aus der Tierarztpraxis

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:


Die neuesten Kommentare zu den Geschichten aus der Tierarztpraxis:

Ursula antwortet vor 2 Wochen
Eins, zwei – ganz viele
Vielen Dank, mir gefallen alle ... 
Smithc477 antwortet vor 2 Monaten
Mein Hund, dein Hund
Awesome article post.Thanks Ag ... 
Sonja Tschudin antwortet vor 2 Monaten
Noro wahrt die Haltung
Für ältere Hunde, die plötzlic ... 


Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?