Kein Aufhebens!

Steven Schneider: «Also, ich gehe dann mal!», rufe ich Schreiber zu, kurz bevor ich auf meine übliche Morgenrunde mit dem Hund aufbreche. Ich habe eine schöne Auswahl: dem Rhein entlang auf einem Kiesweg mit Blick aufs Wasser und hohe Pappeln – oder auf Waldstrassen hinauf zum Aussichtspunkt Hörndli. Ich freu mich auf die ungestörte Zeit im Freien. «Du, ich habe Lust, mitzukommen. Welche Runde machst du?», trällert Schreiber.

«

Mit ihr zu spazieren ist manchmal etwas nervig.»

Damit habe ich nicht gerechnet. Mit Schreiber spazieren ist manchmal etwas nervig. Denn sie ist ein Entsorgungswesen auf zwei Beinen, die Müllsammlerin vom Hochrhein, die Güsel-Pickerin im Zurzibiet. Schreiber geht an keinem unaufgeräumten Picknickplatz, an keiner schlampig zurückgelassenen Feuerstelle vorbei, ohne die Abfälle zusammenzulesen und falls kein Abfallkübel in der Nähe sein sollte, alles in Robidog-Säcklein zu stopfen und mit nach Hause zu schleppen. «Heute will ich in den Wald», antworte ich, was gar nicht stimmt. Das sage ich nur deshalb, weil am Vorabend die Sonne schien und ich deshalb vermute, dass die chaotischen Feuerstellen eher am Fluss als im Wald auf Schreiber lauern. Schliesslich will ich nur spazieren und nicht die Welt aufräumen.»

Sybil Schreiber: «Wer sagt denn, dass es bei uns keine Bären gibt?», rufe ich, als wir zur Feuerstelle kommen, an der unser Hund schon wild herumschnuppert. Wir finden halb volle und zertrümmerte Bierflaschen, zerrissenen Karton, zerknülltes Wurstpapier, Alufolie, Plastikgabeln, Zigarettenkippen. Ich kann nicht anders, ich muss die halb volle Flasche ausleeren und aufräumen. «Dreckbären», schimpfe ich, als ich mir aus Versehen die Brühe über die Schuhe kippe. «Frau Saubermann im Einsatz», seufzt Schneider. Ich ärgere mich: «Hätte ich nur eine grössere Tüte mitgenommen.» «Wenn du den Abfall immer wegräumst, lernen das diese Typen nie.»  «Herumliegender Dreck zieht neuen Dreck an.» «Ich habe aber keine Lust, den Mist anderer einzusammeln», brummt Schneider. – «Pack lieber mit an, dann gehts schneller.» 

«

Ich kann nicht anders. Ich muss aufräumen.»

«Ach, wären wir doch bloss an den Fluss», murmelt er. Dann hellt sich seine Miene auf: «Du könntest hier ein Zwischenlager einrichten und am Abend wieder kommen. Mit einem Riesensack und Handschuhen. Und dann machst du den Wald sauber und dich glücklich.» Ich stutze: «Wieso nur ich? Wir machen ein Familienprojekt draus!» Schneider grinst ironisch: «Wieso nicht gleich eine Weltbewegung?» 

 (Coopzeitung Nr. 36/2014)

«Soll man Dreck von anderen aufheben?»

Sybil und Steven im Duell. Wer hat die besseren Argumente? Stimmen Sie ab.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 01.09.2014, 12:00 Uhr

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