Keine Kunst?

Sie: Was für ein Kunstwerk! Venedig ist eine Skulptur, ein Meisterwerk, ein Opus! Das beste Ziel für eine Hochzeitsreise! Und was die Stadt noch spannender macht, ist die Biennale. Eine Kunstausstellung mit vorwiegend postmodernen Werken. Das tut meinem Schneider gut, der sich auf Rennstrecken besser auskennt als in Kunsthäusern. Die beste Gelegenheit, seinen Horizont zu erweitern. Und meinen auch, denn ich war noch nie an der Biennale. 

 
Jede Woche die neusten Themen im Newsletter! Hier abonnieren »
 

Wir zahlen je 25 Euro Eintritt und nach meinem Motto «Kunst ist, was mir Kraft schenkt» führe ich Schneider durch die einzelnen Länderpavillons. Während bei den Skandinaviern ein Haufen Scherben herumliegt, bei den Österreichern beim besten Willen nichts zu sehen ist und im englischen Haus Gipsfiguren herumstehen, denen im Hintern Zigaretten stecken, werde ich immer kraftloser. Künstler haben eine Meise, denke ich, während Schneider noch immer von den Zigaretten faselt: «Was meinst du, was ist da die symbolische Aussage?»

«

Künstler haben eine Meise, denke ich. »

Hä? Höre ich richtig? «Das ist keine Kunst, sondern Verarschung», entgegne ich und will grad vorschlagen, dass wir die Biennale verlassen, als er sagt: «Jetzt freue ich mich so richtig auf den Schweizer Pavillon.»

Er: Kaum in Venedig angekommen, nötigt mich Schreiber, die Biennale zu besuchen. Ich habe nie den Wunsch verspürt, mir diese anzusehen. Ich fürchte, mir sagt moderne Kunst rein gar nichts. Jetzt, im Schweizer Pavillon, starre ich aber fasziniert auf hautfarbenes Wasser. Schreiber hingegen verdreht die Augen und zerrt mich genervt raus. Ich schnappe mir im Hinausgehen den Handzettel zur Kunstinstallation und lese: «Während das grüne Kunstlicht im Patio die architektonische Unterteilung zwischen dem Innen- und Aussenraum ineinander überfliessen lässt, löst die speziell definierte Wandfarbe die Trennung von Natur und Kultur weiter auf. Ein synthetisches Wassergeräusch breitet sich aus und ein Duft, der den Geruch von frischer Babyhaut evoziert, strömt durch den Pavillon. Diese, alle Sinne des Besuchers unterwandernde, Installation wirkt ästhetisch anziehend, ist jedoch intellektuell verstörend.»

«

Ich fürchte, mir sagt moderne Kunst gar nichts.»

Ich verstehe in der Tat nichts, finde aber alles interessant und frage Schreiber: «Bist du intellektuell verstört?» Sie schüttelt den Kopf. «Warum wolltest du dann so schnell raus?» «Weil ich jetzt Shopping brauche.» «Ah, ja? Geh nur, ich bleibe noch und schau mir noch die anderen Pavillons an.»

 (Coopzeitung Nr. 44/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 26.10.2015, 16:00 Uhr

Die neuesten Kommentare zu Schreiber vs. Schneider:

Mägert Andrea antwortet vor 2 Monaten
Die Kündigung
Hiermit Kündige ich meine Coop ... 
Miguel de Antony y Maura antwortet vor 2 Monaten
Der längste Tag
Wie schon oft irrt sich Frau S ... 
Die Kroatin antwortet vor 2 Monaten
Schweizer Hymnen
Numme e so näbebii... die kroa ... 

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:


Finde uns auf Facebook:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?