Filmszene aus «Virgin Tales» – ein «Reinheitsball»

Keusch in die Ehe: Sex kann warten

Die Bienen tun es, die Löwen und die Menschen auch: Sex. Doch manche legen ein Keuschheitsgelübde ab – auch in der Schweiz, nach amerikanischem Vorbild.

Das Aussergewöhnliche fasziniert: In den 60er-Jahren war es die freie Liebe, später war es das Outing von Schwulen und Lesben. Heute erregt Verwunderung, wer sich als Jungfrau, als in der körperlichen Liebe unerfahren, deklariert. Vor Kurzem tat dies etwa der brasilianische Fussballstar David Luis (28), Innenverteidiger von Paris Saint-Germain. Auch der einst schönste Mann der Schweiz, Mister Schweiz 2000 Claudio Minder (35), bekannte 2010, seine Sexualität für seine Ehefrau aufzusparen. Minder ist heute verheiratet.

 
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Die aus den USA nach Europa importierte Keuschheitsbewegung ist unter verschiedenen Namen bekannt. «True love waits» heisst das Original in den USA, das in den 1990er-Jahren entstand. Im deutschen Sprachraum wurde es bald übersetzt in «wahre Liebe wartet». In der Schweiz heisst die momentan grösste Keuschheits-Bewegung «Young and Precious». 
Der Kerngedanke ist immer gleich: «Die Sexualität, körperliche Liebe ist etwas dermassen Wertvolles, dass ich das für meinen künftigen Mann aufspare», sagt etwa Seraina Messmer (25) von Young and Precious. Die angehende Primarlehrerin hat sich vor einigen Jahren für den Weg der Keuschheit entschieden. Sex, Zärtlichkeit, Nähe gibt es nur mit dem Ehemann. Wie erkennt sie diesen? «Gott wird es mir zeigen», sagt die gläubige Christin, die in einer freien evangelischen Gemeinde aufgewachsen ist.

Debora (18)
«

Ich warte, weil ich meinem zukünftigen Ehemann vor und nach der Hochzeit treu bleiben will.»

Debora (18)

Young and Precious ist kein Verein. «Wir haben keine Mitglieder, wir sind eine Organisation, die junge Menschen dazu ermutigen will, sich für moralische Werte einzusetzen», sagt Seraina Messmer. Wer sich der Bewegung anschliesst, muss in der Schweiz keine Erklärung unterschreiben und sich auch nirgendwo registrieren. Umgekehrt sind nicht alle, die bis zur Ehe keusch leben, Anhänger von Young and Precious. Das Keuschheitsgebot gilt in den katholischen und in den freien evangelischen Gemeinden, aber auch bei Muslimen, Juden und Hindus. Christoph Casetti (72), Bischofsvikar im Bistum Chur, bestätigt dies: «Vom biblischen Menschenbild her, wie die katholische Kirche und viele jüdische Gläubige es verstehen, ist die Sexualität so kostbar, dass sie des Schutzes der Ehe bedarf.» Empirische Untersuchungen zeigten, dass Ehen eher gelingen, wenn mit intimen Beziehungen bis zur Heirat gewartet werde.  «Es ist gut, dass Bewegungen wie ‹Young and Precious› diese Gesichtspunkte in Erinnerung rufen», so Casetti.

Was sagt die Bibel dazu?

In der Bibel wird vorehelicher Geschlechtsverkehr nicht explizit untersagt und das Gebot der Jungfräulichkeit vor der Ehe lässt sich theologisch nicht eindeutig herleiten, erklärt Professor Georg Schmid von der evangelischen Informationsstelle Relinfo. Im Alten Testament habe der Vollzug des Geschlechtsverkehrs die Ehe überhaupt erst konstituiert – das Neue Testament sei an solchen rechtlichen Fragen nicht interessiert und mache deshalb keine Angaben dazu. «Die ersten Christen haben ganz einfach die bestehenden Rechtsformen der Gesellschaft übernommen, in der sie lebten. Sex vor der Ehe findet man historisch in keiner traditionellen Gesellschaft», sagt Schmid. 

David (20)
«

Die Geduld, zu warten, ist für mich wie die Selbstbeherrschung, Geschenke erst an Weihnachten zu öffnen.»

David (20)

Was ist denn nun verboten, was erlaubt? Seraina Messmer: «Young and Precious gibt keine Verhaltensregeln vor.» Jeder müsse selbst festlegen, was ihm helfe, sein Ziel, die Keuschheit, zu erlangen. In den USA werden Reinheitsbälle, sogenannte «Purity Balls» gefeiert. In einem feierlichen Akt versprechen die jungen Mädchen, keusch zu bleiben, bis sie ein Mann ehelicht. Knaben wird das Versprechen mit einer Art Ritterschlag abgenommen. Purity Balls gehen auch Seraina Messmer zu weit. «Da wird die Jungfräulichkeit auch für meinen Geschmack zu übertrieben zelebriert.»
Dennoch hat sie für sich strikte Grenzen definiert: Sie probiere, «jeden Blick, jedes Wort, jeden Gedanken und jede Berührung, die auf eine Beziehung abzielen», zu vermeiden. Ein Rendezvous? «Nein, das zielt eindeutig auf eine lll lll Beziehung ab.» Flirten? «Nein, das kann schon erotische Gefühle auslösen.» Eine zufällige Berührung? «Vermeiden, wenn es etwas forcieren oder provozieren könnte.» Warum so streng? Seraina Messmer: «Alles, was ich nicht bereits anderen Männern verschenkt habe, macht das ‹Geschenk›, das ich meinem zukünftigen Mann gebe, kostbarer.» Diese Haltung erwartet Seraina Messmer auch von einem Mann: «Die Überzeugung, dass es richtig ist, keusch in die Ehe zu gehen, beschränkt sich nicht auf Mädchen oder Frauen.» Ob es diesen Mann einmal geben wird, lässt die junge Frau offen: «Gott wird das regeln.» Das Leben als Ehefrau ist für sie nicht die einzig denkbare Lebensperspektive.

Jiska (31)
«

Weil ich keinen Sex vor der Ehe hatte, war ich nicht ‹Secondhand› an meiner Hochzeit!»

Jiska (31)

Lernen gehört zur Entwicklung

Nur bedingt Verständnis für eine solch rigide Haltung hat die Luzerner Psychologin Margarethe Letzel (58). Sexualität habe heute eine gewisse Beliebigkeit erreicht, sei fast zu einer Art Lifestyle-Produkt geworden. Dass daraus ein Bedürfnis entstehe, wieder etwas ganz Besonderes daraus zu machen, verstehe sie. Auf der andern Seite werde ihr «wind und weh» beim Gedanken an solch strenge Keuschheit. Diese Haltung erschwere das sexuelle Lernen, das bei jungen Menschen auch zur Entwicklung gehöre, sehr.

Link zu Young and Precious

So denkt die Regisseurin 

Mirjam von Arx 

Mirjam von Arx 
http://www.coopzeitung.ch/Keusch+in+die+Ehe Mirjam von Arx 

Eines von acht Mädchen zwischen 8 und 18 Jahren legt heute in den USA ein Keuschheitsgelübde ab. Die evangelikale Lehre, die die Bibel wörtlich nimmt und das Gebot der Jungfräulichkeit bis zur Ehe, ist verbreitet. Die Zürcher Dokumentarfilmerin Mirjam von Arx (49) hat eine amerikanische Familie zwei Jahre begleitet. Der Film «Virgin Tales» dokumentiert, wie die religiösen Rechte eine junge Generation darauf vorbereitet, eine evangelikale Utopie zu verwirklichen (Filmbeschrieb).

Die Mehrheit bei uns reagiert verständnislos auf ein Keuschheitsgebot. Wie denken Sie?
Meine Welt – meine Philosophie, Religion und mein Umgang mit Sexualität – ist eine ganz andere als diejenige der Wilsons. Aber ich respektiere die Familie und ihre Art zu leben, auch wenn ich diese für mich nicht akzeptieren kann.

Sie nennen den Film «Tales», was man mit Märchen übersetzen kann. Sind diese Leute weltfremd?
Sie leben in meinen Augen schon ein Märchen. Die Mädchen sind die Prinzessinnen, und die warten nun auf ihren Prinzen. Sie glauben, Gott habe den perfekten Partner für jeden bestimmt, und zwar in dem Moment, in dem man geboren wird. Wenn jetzt keiner kommt, heisst das wohl, Gott hat vorbestimmt, dass man den Rest des Lebens allein bleiben muss. Für mich ist das keine erstrebenswerte Vorstellung, und für die Mädchen ist es eine riesige Belastung. Sie dürfen aber auch nicht suchen, denn der Mann soll sie ja finden, das ist so vorbestimmt.

Hat der Film, der Kontakt mit der Filmcrew, auch bei der Familie etwas ausgelöst?
Schwer zu sagen. Ich erinnere mich an den Moment, als wir – ein reines Frauen-Filmteam – sie erstmals trafen. Die zweitjüngste Tochter staunte nur und meinte, sie hätte gar nicht gewusst, dass eine Frau auch eine Kamerafrau sein könne. Da dachte ich für mich im Stillen: Yesss!

Ausführliches Interview mit Mirjam von Arx
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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
iStockphoto, zVg
Veröffentlicht:
Montag 18.05.2015, 00:00 Uhr

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