Kleine Schritte

Sie moralisiert, er aktualisiert.

Steven Schneider: «Jetzt tu nicht so», entgegne ich Schreiber, die mich scharf angezischt hat – und gleich weiter zischt: «Das weiss doch jeder: Thunfisch darf man nicht kaufen!» «Ach, und weshalb kann man ihn dann noch kaufen?» Sie blickt streng: «Was man tut ist unwichtig, wichtig ist, was wir tun!» Schreiber, die Retterin der Weltmeere!

«

Schreiber, die Retterin der Weltmeere!»

Während ich meinen Einkauf auspacke, tischt sie ihre Moralpredigt auf. Ihre Logik ist simpel: Kauft sie keinen Thunfisch, erholen sich die Thunfischbestände der Weltmeere. Wenn nur alles so einfach wäre. «Glaubst du etwa, der Fisch wäre wieder lebendig geworden, wenn ich ihn im Kühlregal hätte liegen lassen?» Schreiber erwidert: «Ich bin beim WWF. Ich weiss, wovon ich rede. Veränderungen passieren in kleinen Schritten.» Mag sein. Ich habe mich ja auch daran gehalten und auf Thunfisch verzichtet. Dem Frieden zuliebe. Aber ich habe nun meine Kenntnisse aktualisiert. «Wusstest du, dass dieser Thunfisch aus einem WWF-Förderungsprojekt stammt?» «Vom WWF?», fragt sie ungläubig. «Genau. Vielleicht liest du mal nach, was der WWF mit deinem Mitgliederbeitrag so macht. Ist zwar nur ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein grosser für dich.»

Sybil Schreiber: Ich esse wahnsinnig gerne Thunfisch, aber diese Meerestiere sind gefährdet. Darum verzichte ich. Meistens jedenfalls. Eine Ausnahme mache ich, wenn wir meinen Bruder in München besuchen. Er bereitet oft frischen Thunfisch mit einer würzigen Pestosauce im Ofen zu. Was für ein Festessen! Ich geniesse es im Zeitlupentempo. Und mit schlechtem Gewissen. Aber ich will mich dort nicht als Moral-apostel aufspielen. Das tu ich nur daheim bei Schneider.

«

Moralapostel? Das bin ich nur daheim bei Schneider.»

Nach unserem Disput – er hat delikaten Thunfisch nach Hause gebracht – zeigt mir Schneider auf dem Computer einen archivierten Artikel aus dieser Zeitung. Es geht um Gelbflossenthunfische, die von philippinischen Fischern einzeln gefangen werden. Ein WWF-Förderungsprojekt. Interessant. Wusste ich gar nicht. «Grossartig!» Ich spüre Appetit. Schneider geht rasch in die Küche und kommt mit einem Cappuccino zurück: «Frieden?» – «Ja, Frieden», sage ich lächelnd und nehme einen Schluck. Hoppla! «Du, da fehlt Zucker!»

Schneider grinst: «Ist doch bekannt, dass weisser Zucker ungesund ist. Und du isst wirklich zu viel davon. Ausserdem sagst du selbst: Veränderungen passieren in kleinen Schritten.»

(Coopzeitung Nr 03/2014)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 13.01.2014, 08:04 Uhr

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