Kriminelles unterm Bäumchen

Von A wie Ani bis Z wie Zehnder: Acht aktuelle Krimis, die Sie sich gerne schenken lassen oder selber verschenken können. Aber Vorsicht: Verpassen Sie ob der spannenden Lektüre nicht die Weihnachtsfeiern!

Die vielen Frauen des Justus Greve

Friedrich Ani: Der einsame Engel

Der Tod ihres Kollegen Leonhard Kreutzer setzt den drei verbliebenen Mitarbeitenden des Detektivbüros Liebergesell hart zu. Wie weiter, fragen sich Tabor Süden, Patrizia Roos und Chefin Edith Liebergesell. Ihre Beziehung untereinander, aber auch ihre ganz persönlichen Selbstfindungstrips nehmen einen grossen Teil des mit 200 Seiten gewohnt schlanken Ani-Buches ein. Da gerät der eigentliche Fall fast etwas in den Hintergrund. Der Fall um den Gemüsehändler Justus Greve, der spurlos verschwunden ist. Anfänglich ist Süden der Überzeugung, wieder einmal nach einem Menschen zu suchen, der schlicht und ergreifend aus seinem Leben ausbrechen wollte. Als er dann aber entdeckt, dass Greve offenbar mehrere Frauengeschichten gleichzeitig am Laufen hatte, beginnt er, an der eigenen These zu zweifeln. Süden, schon zu seiner Polizistenzeit auf das Auffinden vermisster Personen spezialisiert, stösst bei seinen Recherchen auf ein Geflecht von Unstimmigkeiten und Lügen. Und auf Menschen, die kaum Probleme damit haben, wegzuschauen und zu schweigen.

Misstrauensvotum in Bern

Danielle Baumgartner: Käfigland

Wir schreiben das Jahr 2021. Seit vier Jahren regiert eine Rechtskoalition unter Premierminister Bracher die Schweiz. Sie hat getan, wovon auch heutige rechtsbürgerliche Politiker träumen: Sozialleistungen runter, Ausländer raus. Doch nun ist das Mass voll: Ein Oppositionsbündnis unter SP-Präsidentin Niederbaum hat das Misstrauensvotum gestellt, Neuwahlen stehen an. Bracher gibt sich unbeeindruckt. Er kann auf finanzkräftige Unterstützer zählen. Weit im Hintergrund zieht Heinrich Tüllinger die Fäden: So hat er mit seinem Spitzelnetz Politik und Wirtschaft infiltriert. Oder er lässt die wenig berauschenden Wirtschaftszahlen des Landes schönen. Als ein ebenso begabter wie unbedarfter junger Mathematiker die Ungereimtheiten entdeckt, gerät das System ins Wanken. Eine sprachliche Offenbarung ist Danielle Baumgartners Krimi-Erstling kaum. Vielmehr besticht die Autorin mit ihren durchaus vorstellbaren Szenarien nach einem Wechsel des Regierungssystems. Auch wenn es die darauf aufbauende Handlung etwas an Überraschungen vermissen lässt.

Die Gauner jagen Entführer

Maurizio de Giovanni: Der dunkle Ritter

Das Kommissariat von Pizzofalcone in der Stadt Neapel ist ein «versprengtes Häuflein gefallener Gesetzeshüter». Allesamt tragen sie die Bürde einer speziellen Vergangenheit mit sich. Sie tun es mit Würde. Selber nennen sie sich bezeichnenderweise die «Gauner von Pizzofalcone». Als Dodo, der Enkel eines steinreichen Industriellen, entführt wird, kann das Team um Kommissar Palma und Inspektor Lojacono zeigen, was es draufhat. Die Verhältnisse in der Familie sind schwierig, gegenseitiger Respekt scheint ein Fremdwort. Mutter und Vater sind geschieden und verkracht, der Grossvater ein erbarmungsloser Machtmensch, seine Haushälterin eine frustrierte Giftnudel, der Neue der Mutter ein möchtegernkünstlerischer Nichtsnutz und, und, und. An Verdächtigen fehlt es also nicht, obwohl bald klar ist: Die Täter müssen die Gewohnheiten des Jungen genau kennen. Ein tolles Buch: tolle Charaktere, toller Plot und toll auch, wie der Autor immer wieder den Blickwinkel ändert und die Entwicklung aus Sicht der verschiedenen Protagonisten verfolgt.

Ferrari ermittelt im Basler Daig

Anne Gold: Unter den Trümmern verborgen

Noch ist der Neubau von Stararchitekt Yvo Liechti im Basler St.-Johann-Quartier nicht fertiggestellt, da fällt er wie ein Kartenhaus in sich zusammen. So weit, so schlimm. Doch es kommt noch dicker, denn kurz darauf wird der zuständige Baukontrolleur in seiner Wohnung ermordet. Spätestens jetzt müssen sich Kommissär Francesco Ferrari und seine Assistentin Nadine Kupfer eingestehen, dass sie den Fall wegen Befangenheit wohl besser abgeben: Liechti ist Ferraris Schulfreund und Kupfers Geliebter (in spe), und er ist es auch, der vom Tod des Kontrolleurs möglicherweise am ehesten profitieren könnte. Doch der zuständige Staatsanwalt ist dagegen. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil Ferrari in der Basler High Society, dem sogenannten «Daig» der Vischers und Burckhardts, geschätzt und zu den entsprechenden gesellschaftlichen Anlässen eingeladen wird. Bald ist nicht mehr so klar, wer hier wem trauen kann. Eine spannende, beunruhigenderweise durchaus plausible Geschichte, leider in einer zum Teil etwas unbeholfenen Sprache geschildert.

Laurenti jagt ein Phantom

Veit Heinichen: Die Zeitungsfrau

Ein kapitaler Raubzug im Freihafen von Porto Vecchio sorgt in Triest für Schlagzeilen. Und setzt Commissario Proteo Laurenti unter Druck. Was ihn irritiert: Das Vorgehen der Täterschaft erinnert ihn an den Argentinier Diego Colombo – doch dieser ist bei seinem letzten Kunstraub vor über zwanzig Jahren bei der Explosion einer Yacht ums Leben gekommen. Hat Colombo seinen Tod damals nur vorgetäuscht? Seine Leiche jedenfalls wurde nie gefunden. Der Commissario heftet sich an die Fersen von Colombos Witwe, der mit jeder Menge Sexappeal ausgestatteten Zeitungsfrau Teresa Fonda, Mutter von drei Kindern, deren Vater niemand kennt. Immer wieder entzieht sie sich der Überwachung durch die Polizei. Offensichtlich hat sie etwas zu verbergen – aber möglicherweise nicht, was Laurenti vermutet. Schattenwirtschaft, korrupte Beamte, Schmuggel, Steuerhinterziehung, Schmiergeld: Das sind die Zutaten, aus denen Veit Heinichen seine Laurenti-Krimis konstruiert. Spannung ist angesagt, auch wenn diese für einmal phasenweise hinter Heinichens gesellschaftskritischen Botschaften zurückstehen müssen.

Nichts ist, wie es scheint

Petra Ivanov: Täuschung

Auf der Suche nach Spuren ihres Vaters reist Ex-Polizistin Jasmin Meyer mit ihrem Freund Pal Palsuhi nach Thailand. Ist er überhaupt noch am Leben? Die beiden hören sich im Kreis deutschsprachiger Expats um. Hilfsbereitschaft und Auskunftsfreudigkeit schlägt ihnen nicht entgegen. Und offenbar versuchen chinesische Verbrecherbanden, die beiden einzuschüchtern. Und Jasmin trägt mit ihrer direkten Art nicht wirklich zur Beruhigung der Situation bei. Doch nach und nach nähern sich die zwei dem Geheimnis. Logisch argumentierend führt die Autorin den Leser auf falsche Spuren – und vollführt wenige Seiten später absolut glaubhafte Wendungen. Gut möglich, dass dies der beste der mittlerweile rund 20 Krimis aus der Feder von Petra Ivanov ist. Zwei Monate Recherche in Thailand haben sich gelohnt. Obwohl der Stoff durchaus Sozialkritisches beinhaltet, erliegt sie heute kaum mehr der Versuchung, ihre Botschaft allzu explizit, sprich: plump, zu verkünden. Diese kommt zwar immer noch rüber, doch ein unglaublich raffinierter Plot dominiert das Lesevergnügen.

Mordserie in der Bundesstadt

Rolf von Siebenthal: Lange Schatten

Schauplatz Bern. Der Leibwächter von Bundesrätin Kölliker wird im Dienst erschossen, kurz darauf stirbt ein Arzt des Inselspitals eines gewaltsamen Todes. Der Beginn einer Mordserie? Während Bundeskriminalpolizist Alex Vanzetti im Dunkeln tappt, erhält die junge, ebenso gewitzte wie unerschrockene Journalistin Zoe Zwygart reihenweise mysteriöse Botschaften, veröffentlicht eine Exklusivstory nach der andern – und gerät so selber ins Visier der Fahnder. Gut, kann sie sich auf ihre Grossmutter – Journalistin im Ruhestand und zurzeit Mitglied des Wahlkomitees von Ständeratskandidat Oliver Schenk – verlassen, die sich als wandelndes Lexikon der Zeitgeschichte entpuppt. Ein hervorragender Plot: unerwartete und trotzdem keine unrealistischen, an den Haaren herbeigezogene Wendungen, abgründige Motive, schrullige und dennoch glaubhafte Charaktere – was will man mehr? Es ist eines jener Bücher, die man nicht aus der Hand legen möchte, sich aber später darüber ärgert, dass man’s nicht getan hat – dann nämlich, wenn man am Ende angelangt ist.

Der Müller Beni ist wieder da

Raphael Zehnder: Müller und die Ambulanzexplosion

Polizeimann Müller ist nach psychologischer Sache (Schussabgabe mit Todesfolge) wieder im Dienst. Und du mit ihm. Interessanter Fall, pass auf! Ex-Musiker Howard Owen liegt in seiner Wohnung. Halb verfault → tot → Ermittlungen. Auch in der Wohnung, allerdings im Mülleimer und deshalb fast übersehen: Drohbrief mit Posaunenapokalypsezitat. Weitere folgen. Aber von wem und warum? Und der Investor und Lokalpolitiker und Rechtsanwalt Chr. Guggemos, was spielt der eigentlich für eine Rolle? Ja, da kommt das Müllerhirn ins Rotieren. Du merkst schon: Raphaelzehndersprache etwas speziell. Gewöhnungsdingsbums, aber unglaublich amüsant. Und du hast die Wahl: 1. Sprache gefällt dir → Buch kaufen → vergnügte Stunden für dich und/oder Beschenkte oder 2. Sprache abscheulich, vielleicht zu wenig intellektuell (ich weiss ja nicht, wie du oben so drauf bist) → nicht kaufen → in der Altjahrswoche eher Spengler Cup oder Neujahrskonzert oder «Diner for one», solche Sachen. Der Journalist selber jedenfalls hervorragend begeistert. Eventuell Zweitlesung? Mal schauen.

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Fotolia, ZVG
Veröffentlicht:
Mittwoch 07.12.2016, 22:00 Uhr

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