SIE: im Fondue-Caquelon am Fondue-Essen.

Kuhkunst

Schreiber und Schneider sind im Berner Oberland unterwegs. Sie verliebt sich in Kühe aus Papier, Fleisch und Gold, er in den Weissen aus der Region. 

ER: Wusstest du, dass die Spiezer jährlich über 70 000 Flaschen Wein produzieren?

SIE: Hast du das auf deinem Spaziergang durch die Reben erfahren?

ER: Genau. Und auf einer Sitzbank steht der Spruch: «Spiezer – in success you deserve it and in defeat you need it.»

SIE: Zu Deutsch: Du verdienst ihn, wenn du gewinnst, und du brauchst ihn, wenn du verlierst?

ER: Genau. Stammt von Winston Churchill. Und er meinte Champagner. Ich aber finde den Satz genauso treffend für guten Wein.

SIE: Wie passend: Das Zitat eines Engländers zu Beginn unserer Reise. Wir fahren im Zug von Spiez Richtung Gstaad und Engländer sollen es gewesen sein, die der Linie vom Berner Oberland an den Genfersee den Namen «Golden Pass» gegeben haben. Und zwar deshalb, weil sie die Strecke im goldenen Herbst fuhren und dabei offenbar eine «golden time» hatten.

ER: Noch sitzen wir in einem BLS-Zug, erst in Zweisimmen steigen wir auf die MOB um, die Montreux-Berner-Oberland-Bahn. Im Tal fliesst die Simme, die auch den weltberühmten Hausrindern den Namen gab: Simmentaler.

SIE: Ich liebe Kühe und ihre freundlichen Augen. Hier in ihrer Urheimat sollen sie am schönsten sein. Wir nähern uns ihnen zuerst auf Papier. In Zweisimmen treffen wir den Scherenschnittkünstler Ueli Hauswirth. Sein auffälligstes Kunstwerk ist nicht zu übersehen: am Kreisel in Zweisimmen ist seine Schnittkunst im Grossformat verewigt. Was er dann aber in seinem Atelier präsentiert, haut mich um: Mit einer kleinen Schere schnippelt er winzige Tiere, Blätter, Kutschen und weiss nicht, was noch alles. Er sagt, er könne besser schneiden als zeichnen. Auf seinen Bildern verewigt er klassische Bergszenen. Und Kühe. Simmentaler Kühe, selbstverständlich.

ER: Schreiber hält mir ein hauchdünnes, gefaltetes Papier vor die Nase. Es ist aussen weiss und innen schwarz. Damit die Augen der Schnittkünstler nicht überanstrengt werden, sagt Ueli Hauswirth.

SIE: Wir müssen weiter, treffen in der Bahn auf halb Asien. Die Globetrotter schauen gebannt auf ihre Handys, mit denen sie alles fotografieren. Draussen vor den Fenstern rauscht die Bilderbuchlandschaft vorbei. Auf den löwenzahngetupften Weiden grasen Kühe, die wie Karamell-Bonbons aussehen.

SIE: auf der Shoppingmeile in Gstaad.

SIE: auf der Shoppingmeile in Gstaad.
http://www.coopzeitung.ch/Kuhkunst SIE: auf der Shoppingmeile in Gstaad.

ER: Schreiber möchte nun unbedingt eine Kuh persönlich kennenlernen. Wir steigen am Bahnhof Gstaad aus und flanieren an Luxusboutiquen vorbei. Sie guckt sehr verklärt; ich hoffe nur, dass sie vor lauter Klunkern nicht von ihrem Kuh-Kurs abkommt.

SIE: Unglaublich, wie nah hier Luxus und Landleben beisammen liegen: Fünf Minuten hinter der Fussgängerzone mit Preziosen von Gucci und Co. betreten wir den Stall der Familie Michel. Ich darf mit Andri, dem Junior, zu den Kühen. Er kennt sie alle mit Namen: Vita, Kerstin, Fiona, Erna, Jessica, Melina, Romy und viele mehr. Prachttiere mit schwungvollen Hörnern. Andri käme es nie in den Sinn, eine Kuh ihres Kopfschmucks zu berauben. Nie, nie, nie, sagt er ernst.

ER: Mich fasziniert, dass im Sommer die gesamte Familie auf der Alp Turnels lebt. Auf dem Weg dorthin tragen die Kühe Treicheln und Glocken. Es gibt das Zügelglüt, das Weideglüt und das Sunntigsglüt. Die Klänge der Glocken einer Herde sind aufeinander abgestimmt, sozusagen aus einem Guss. Gegossen wurde übrigens hier im Tal: Im 19. Jahrhundert entstand in Schönried die Giesserei Schopfer, die bis 1964 Glocken herstellte. Heute kann man viele im Museum in Saanen bewundern.

SIE: Diese Glocken sind Musikinstrumente und Schmuckstücke in einem.

ER: Willst du mir damit sagen, dass du eine haben möchtest?

SIE: Nicht direkt, eher eine Kuh.

ER: Träum weiter!

SIE: In Klein, habe sie vorher in einem Schaufenster gesehen. Könnte sie mir umhängen. Echt süss. Und echt Gold.

ER: in den Spiezer Reben.

ER: in den Spiezer Reben.
http://www.coopzeitung.ch/Kuhkunst ER: in den Spiezer Reben.

ER: Besser, wir lassen das mit den Luxusläden. Stattdessen steigen wir in das alte Wasserreservoir des Ortes ein. Dieses ist nun zum Käse-Tempel umfunktioniert. 3000 Laibe lagern in der Käse-Grotte, «sozusagen das Gold der Bauern», erklärt uns René Ryser, der Geschäftsführer der Molkereigenossenschaft. Hier empfängt er Gäste bei Kerzenlicht und Alphornklängen. Da ist selbst Schreiber sprachlos.

SIE: Der Hobelkäse, eine der hiesigen Spezialitäten, ist so dünn geschnitten, dass ich fast hindurchsehen kann. Und wie der schmeckt! Nach Sommer und Heu. Bin ganz beglückt.

SIE: mit René Ryser von der Molkerei Genossenschaft Gstaad.

SIE: mit René Ryser von der Molkerei Genossenschaft Gstaad.
http://www.coopzeitung.ch/Kuhkunst SIE: mit René Ryser von der Molkerei Genossenschaft Gstaad.

ER: René Ryser erzählt von der innigen Beziehung der Menschen zu ihren Kühen und meint, für viele junge Frauen hier sei eine Viehschau attraktiver als ein Justin-Bieber-Konzert. Gefällt mir!

SIE: Nach so viel Kühen und Käse gönnen wir uns ein Fondue. Und was für eines! Wir erhalten in der Molkerei einen Fonduerucksack mit allem Drum und Dran, fahren nach Schönried und spazieren vom Bahnhof aus eine Viertelstunde zu einem überdimensionierten Caquelon.

ER: Hier isst man das Fondue mit traumhaftem Blick in die Berge.

SIE: Du rührst übrigens falsch. Du musst eine Acht drehen, keine Kreise, sonst gibt es einen Käseklumpen in der Mitte.

ER: Dann rühr doch du. Ich trinke derweil einen Schluck Weisswein.

SIE: Weil du ihn verdienst – oder weil du jetzt gerade verloren hast?

Saanen

  • Art-Bar mit historischen Möbeln und prachtvoller Sonnenterrasse
  • Museum der Landschaft Saanen mit Ausstellungen zu Glocken und Alpwirtschaft
     

Gstaad

  • Fondue im Rucksack: in der Molkerei tags zuvor vorbestellen

Unsere Kolumnisten Sybil Schreiber und Steven Schneider sind unterwegs in der Schweiz. Sie folgen der Grand Train Tour und berichten über Bekanntes und Unbekanntes.
Heute: Folge 10 von Spiez nach Gstaad. Mit diesem Beitrag schliessen wir die Serie ab.

Links zur zehnten Etappe

Scherenschnittkünstler: Ueli Hauswirth
Restaurant Hüsy mit grosser Schnittkunstausstellung
Art-Bar mit historischen Möbeln und prachtvoller Sonnenterrasse
Museum der Landschaft Saanen
Fondue im Rucksack: In der Molkerei tags zuvor vorbestellen
Schatz zum anbeissen: Käse-Grotte
E-Bike-Miete bei Gstaad Tourismus
Am 2. September 2017 findet der Alpabzug statt
Die ganze Grand Train Tour of Switzerland
Tickets für die Grand Train Tour
Portal zu allen weiteren touristischen Infos

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Sybil Schreiber und Steven Schneider; Karte Loris Succo
Veröffentlicht:
Montag 03.07.2017, 10:00 Uhr

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