Kunstschatz: Uli Siggs Sammlung in Bern

In der kunstlichtdurchfluteten Ausstellungshalle im Zentrum Paul Klee in Bern herrscht gemächliches Gewusel: Kisten werden verrückt, Videoinstallationen justiert und Bilder arrangiert. Vorbereitet wird die Ausstellung «Chinese Whispers», die am Freitag im Zentrum Paul Klee und im Kunstmuseum eröffnet wird. Inmitten der Kisten und Kunstwerke Uli Sigg (69), Ex-Journalist, Manager, Ex-Botschafter und Noch-Besitzer dieser Werke. Zum ersten Mal schaut er sich an, wie seine Schätze hier präsentiert werden. Besonders fasziniert ist er, dass die schwere aus Eisenholz bestehende Installation «Fragments» seines Freundes Ai Weiwei  von nur drei Leuten aufgestellt wurde («in London brauchten sie dafür zwölf!»). «Chinese Whispers» ist die Anknüpfung an die «Mahjong»-Ausstellung über chinesische Gegenwartskunst, die 2005 ebenfalls in Bern stattfand. Gleichzeitig ist die Ausstellung ein Abschied, denn der Grossteil der hier ausgestellten Werke wird zum letzten Mal in der Schweiz gezeigt, bevor sie nach Hongkong ins Museum M+ übersiedelt werden. Diesem Museum, das 2019 eröffnet wird, hat Sigg 1500 Werke seiner über 2000 Werke umfassenden Sammlung geschenkt, zum kleinen Teil verkauft.

Das Interview

Herr Sigg, was fasziniert Sie an der chinesischen Gegenwartskunst?
Sie ist ein Spiegel dieses hochkomplexen Landes. Man kann das nicht erzählen, noch kann man es aufschreiben. Die visuelle Kunst gibt viel besser als jedes andere Medium wieder, was alles in der verrückten Zeit von 1978 (Anm. d. Red.: dem Anfang der Gegenwartskunst in China mit der Politik der offenen Tür von Deng Xiaoping) bis heute passiert ist.

Und die traditionelle chinesische Kunst?
Die hatte die Aufgabe, das Bestehende von Generation zu Generation weiterzu- reichen. Der Konflikt hat sich erst über die letzten Jahrzehnte aufgetan, zwischen der traditionellen und einer anderen Kunst, die in China gemacht wurde. Früher war das alles ein Strom und die Künstler haben darin das Erbe bewusst weitergetragen. Etwas, das uns in Europa absolut fremd ist.

Wann haben Sie diese neue Kunstrichtung für sich entdeckt?
Als ich 1979 nach China gekommen bin, um das erste Joint-Venture für die Firma Schindler zu organisieren, habe ich mich schon dafür interessiert. Ich erhoffte mir von der zeitgenössischen Kunst einen anderen Zugang zur chinesischen Kultur, als er mir vom offiziellen China vermittelt wurde. Mit dem Sammeln begonnen habe ich aber erst in den 90er-Jahren.

In den Anfängen waren diese Künstler sehr politisch und bewegten sich im Untergrund. Wie kamen Sie in Kontakt mit dieser Szene?
Ich konnte am Anfang nicht persönlich zu den Künstlern gehen. Ich hätte sonst meinen Arbeitgeber und die Künstler selbst gefährdet. Durch Mittelsleute erhielt ich viele Fotos von Werken, konnte sie so anschauen, diskutieren und mich damit vertraut machen.

Waren die Künstler dieser Szene sehr zersplittert?
Die meisten waren in grösseren Städten: in Peking, Schanghai und fünf, sechs anderen. Untereinander kannten sich aber viele. Früher sassen sie ja quasi alle im gleichen Boot – im Untergrund und bedrängt – und waren sich im Endeffekt viel näher als heute.

Wie kam es dazu, dass Sie nicht nur privat sammeln wollten, sondern eine ganze Dokumentation über diese Stilrichtung zusammenstellten?
Ich habe sehr schnell festgestellt, dass das ausser mir niemand macht. Weil ich deshalb wie eine Institution sammeln wollte, war es mir wichtig, alles vertreten zu haben, was die Künstler inhaltlich beschäftigt sowie die verschiedenen Stil-Richtungen und die verschiedenen Medien.

Wann hatten Sie die Stellung in China inne, dass es nicht mehr gefährlich war, diese Kunst zu sammeln?
Mitte 1995 konnte ich mich ziemlich frei bewegen. Aber ich wollte es nicht an die grosse Glocke hängen. Gerade weil ich Botschafter war und nicht den Eindruck erwecken wollte, dass ich nur meinem privaten Hobby fröne.  

Während Ihrer Zeit  als Botschafter (1995 bis 1998) haben Sie in der Schweizer Botschaft zeitgenössische chinesische Werke ausgestellt. War dies angesichts der Skepsis der chinesischen Regierung gegenüber dieser Kunst nicht riskant?
Mich nahm es halt sehr wunder, wie die chinesischen Besucher darauf reagieren werden, wobei ich natürlich nicht die provokativsten Stücke
ausstellte. Sondern eher abstrakte Kunst. Die hohen Kaderleute schenkten den Werken jedoch keine Beachtung. Am meisten Reaktionen löste ein Bild aus, das ein von Fliegern bedrängtes Kriegsschiff zeigte.

Sind Sie ein Provokateur?
Ich habe es eigentlich nie darauf angelegt, aber im Resultat war ich das für viele Chinesen wohl schon.

Was hat sich am meisten zwischen der Ausstellung 2005 und dieser verändert?
2005 konnte man eine Art «Jetlag» wahrnehmen – die Kunst war verglichen mit dem Westen ein paar Jahre zurück. Jetzt nicht mehr. Auch werden heute  noch mehr verschiedene Medien benutzt. Ein weiterer Punkt ist, dass weniger Künstler hochpolitisch sind. Dies hat bei einigen mit der politischen Verfolgung zu tun, aber auch damit, dass es in der Gesellschaft mehr andere Themen gibt.

Werden die Künstler heute weniger verfolgt?
Es hat sich sicher was getan. Die Künstler leben heute nicht mehr im Untergrund. Früher hatte man schon als Gegenwartskünstler ein Problem. Heute nur, wenn man sehr politische Kunst macht.

Bald machen sich Ihre Kunstwerke auf den Weg nach Hongkong. Haben Sie Mühe, diese ziehen zu lassen?
Das eine oder andere Kunstwerk macht mir schon Mühe, besonders auch meiner Frau. Aber es geht darum, dass im neuen Museum die Geschichte dieser Kunstrichtung kohärent erzählt werden soll. Da kann man nicht einfach wegen persönlicher Gefühle ein Werk weglassen.

Sie haben sich schon im Journalismus, in der Privatwirtschaft, in der Politik und in der Kunst verdient gemacht. In welcher Welt fühlen Sie sich am wohlsten?
In allen. Als Journalist dachte ich eigentlich, dass es nichts Besseres gibt. In der Aufzugwelt bei Schindler merkte ich, dass dieser scheinbare Mikrokosmos genauso interessant ist. Das Gleiche gilt für Politik und Kunst. Wichtig ist, dass man in jeder Welt den richtigen Fokus für sich legt.

Die Ausstellung «Chinese Whispers» ist vom 19. Februar bis 19. Juni im Zentrum Paul Klee sowie im Kunstmuseum Bern zu sehen.

Trailer

Mehr über den Film: the chinese lives of uli sigg

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Michaela Schlegel

Redaktorin

Foto:
Joel Schweizer
Veröffentlicht:
Montag 15.02.2016, 00:00 Uhr

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