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Hier ist sie daheim: Lauriane Sallin am Tinguely-Brunnen in Freiburg.



Lauriane Sallin: «Jedes Privileg ist eine Verpflichtung»

Dass sie Miss Schweiz ist, hat mit der Tragik des Lebens zu tun. Die Zuversicht, die sie daraus schöpft, möchte sie weitergeben.

Sie ist 22, hat nach der Matura angefangen, Kunstgeschichte und Französisch zu studieren. Eher spontan – den erhofften Vertrag als Flight Attendant hatte sie nicht bekommen. Sie wollte reisen, die Welt entdecken. Gefunden hat sie nun ihre Leidenschaft für die Archäologie. Lauriane Sallin ist eine begeisterungsfähige Frau mit vielen Ideen, die weiss, was in ihr steckt. Und eine Miss Schweiz, die anderen Hoffnung machen möchte.

Was hat Sie dazu gebracht, an einer Miss-Schweiz-Wahl teilzunehmen?
Ehrlich gesagt hätte ich mir das früher nie vorstellen können. Die Teilnahme war die Folge einer sehr schweren Zeit. Meine ältere Schwester hatte Krebs und ist diesen Frühling gestorben. In dieser Umbruchphase habe ich mir zentrale Fragen gestellt. Einerseits war ich reif genug, um mit dem umzugehen, was mit meiner Schwester passiert war. Andererseits fühlte ich mich auf die Rolle der Frau reduziert. Ich sagte mir dann, dass das Frausein keine Einschränkung ist und dass ich meine Möglichkeiten im Leben ausschöpfen sollte. Eine Freundin machte mir Mut und erzählte von der Miss-Schweiz-Wahl. Erst war ich skeptisch. Dann schauten wir uns zusammen im Internet die neue Philosophie der Veranstalter an – eine Botschaft verbreiten, ein Projekt unterstützen, sich wirklich für Themen engagieren, die einem am Herzen liegen. Ich ging zum ersten Casting und danach nahmen die Dinge ihren Lauf.

Kann eine Miss Schweiz denn wirklich etwas bewegen?
Es ist in vielerlei Hinsicht eine Chance. Zunächst einmal bekommt eine junge Frau so die Möglichkeit, auf sich und ihre Ideen aufmerksam zu machen, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Es ist schon erstaunlich: Manche Leute zweifeln an meinen Fähigkeiten. Aber man hält mir ein Mikrofon hin und hört mir zu. Also kann ich etwas weitergeben. Und vielleicht kann meine Erfahrung anderen Menschen helfen zu verstehen, dass auch in schwierigen Lebensphasen immer eine Wahl bleibt. Selbst wenn man glaubt, alles sei verloren, und wenn man vollkommen blockiert ist, kann man sich entscheiden – ob man hier sein und die anderen unterstützen will oder ob man weggeht.

Immer dabei: Album mit Familienfotos.

Hat Ihre Schwester Sie zu dieser Freiheit ermuntert? War das ihr Vermächtnis?
Es war wohl eher all das, was ihr während ihrer Krankheit widerfahren war. Ich, die ich noch nie im Spital und auch noch nie richtig krank gewesen war, sah meine Schwester und stellte dabei fest, was für ein Glück ich hatte. Ich kam dadurch zur Einsicht, dass jedes Privileg zugleich auch eine Verpflichtung bedeutet: Engagiere dich! Gib etwas zurück von dem, das man dir gegeben hat, indem du versuchst, auf die anderen zuzugehen! Wenn sich eine Gelegenheit dazu ergibt, jemandem nur ein klein wenig Hoffnung zu machen, muss ich sie nutzen.

Sie studieren Kunstgeschichte. Gibt es da jemanden, der sie besonders berührt?
Niki de Saint Phalle! Sie musste in ihrem Leben extrem schwierige Zeiten durchmachen. In ihrer Kindheit wurde sie missbraucht. Und diese Wut, die sie in sich hatte, brachte sie in ihren Werken zum Ausdruck. Vor allem in ihren «Nanas», diese riesigen Frauenfiguren – das ist wie eine Art Ventil. Was sie erlebt hatte, war schrecklich, und sie machte daraus starke Frauen mit betont üppigen, runden Formen. Das ist der beste Beweis dafür, dass der Mensch durch die Kunst etwas erschaffen kann – selbst wenn wir meinen, dass alles verloren sei – und so eine Art Befreiung erlangen kann.

Ihr Ohrring erinnert sie an Griechenland.

Ihr Ohrring erinnert sie an Griechenland.
Ihr Ohrring erinnert sie an Griechenland.

Ein neues Jahr hat begonnen – was sind Ihre Wünsche für 2016?
Vor allem Optimismus. Natürlich für meine Familie, damit wir nach dem, was geschehen ist, auf gutem Wege weiter- gehen, dass wir Hoffnung und Lebensfreude behalten. Aber auch für die ganze Welt. Wir leben angesichts des Terrorismus in recht turbulenten Zeiten. Wenn es uns gelingt, optimistisch zu bleiben, ist dies vermutlich das beste Mittel, um dagegen anzukämpfen – dem Terror keinen Platz geben und sich nicht zu Hause verbarrikadieren.

Und wie sehen Sie sich in zehn Jahren?
Ich wünsche mir, dass ich dann noch genauso viele Interessen habe wie heute, denn derzeit kann ich mich für Tausende Dinge begeistern! Ich hoffe auch, dass ich bis dann etwas zum Reisen gekommen bin. Aber zehn Jahre sind eine lange Zeit – praktisch die Hälfte meines bisherigen Lebens! Ich weiss nicht, ob ich schon Kinder haben werde … Ich möchte dann Kinder haben, wenn ich bereit bin, sie zu begleiten. Um Kinder zu haben, braucht es einige Lebenserfahrung. Im Moment denke ich, dass ich noch nicht dafür bereit bin.

Vier Daten im Leben von Lauriane Sallin 

1993: Sie ist in Freiburg geboren als zweites von drei Geschwistern.

2011: Zur Vorbereitung der Matura verbringt sie fünf Monate in Deutschland.

2015: Im Rahmen ihres Studiums besucht sie einen Archäologiekurs in Athen.

2015: Am 7. November wird sie in Basel zur Miss Schweiz 2016 gewählt.

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Text:
Jean-Dominique Humbert
Foto:
Charly Rappo
Veröffentlicht:
Montag 04.01.2016, 00:00 Uhr

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