Laute Nacht

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Schreiber: Die Saxophonstunden machen mir mächtig Spass, auch wenn ich zuweilen vor Luftmangel Sternchen sehe. Manchmal platzt mir schier der Schädel, denn statt einem Ton zur melodischen Freiheit zu verhelfen, quetscht sich meine Puste nur mit Ach und Krach durchs Mundstück. Der Klang bleibt stecken. Klingt alles andere als nach süssen Glocken. Aber ich bleib dran. Immerhin tröte ich mittlerweile ganz passabel «I am sailing» und «Auf der Mauer auf der Lauer». Passend zum Advent übe ich zurzeit «Stille Nacht» ein, um damit meine Liebsten an Heiligabend zu beglücken.

«

Ich bleib dran, hauch meinem Saxophon neues Leben ein.»

Als ich meinen Saxophonkoffer öffne, verzieht sich unser Hund in die Stube. Am Küchentisch sitzt unsere Jüngere an den Hausaufgaben. Sie ruft: «Mama, ich sollte mich konzentrieren!» Also gut, dann gehe ich eben ins Schlafzimmer, schliesse die Tür und spiele die Tonleiter. Da kommt Schneider vom Arbeitszimmer hoch: «Kannst du das auch leise? Ich muss telefonieren.»

Bitte? Wo bleibt da die moralische Unterstützung, die Begeisterung? Immerhin bin ich dabei, meinem Saxophon neues Leben einzuhauchen und etwas für meinen inneren Einklang zu tun. Aber wenn ich nirgends üben kann, wird das nie etwas mit stiller Nacht unterm Christbaum.

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Schneider: Schreiber hängt das Saxophon um den Hals, als würde ihr der Bändel die Luft abschnüren. «Hör mal!», sagt sie, und trötet los. Volle Kanne. Ich rätsle, was für ein Lied das sein könnte. Aha! «Stille Nacht». Allerdings eher in der Version «Stille kracht». Die Fensterscheiben vibrieren, die Deckenlampe wackelt und meine Gehirnmasse ist erschüttert; so stelle ich mir ein mittleres Erdbeben vor. «Versuche es mit mehr Gelassenheit», schreie ich. «Hä?», brüllt sie mit hochrotem Kopf.

«Musst eben mehr üben!» «Wie denn? Ihr beschwert euch ja dauernd.» Stimmt. Mir geht es ja auch ein bisschen auf die Nerven, wenn ich ihrem durchdringenden Täterä ausgeliefert bin. «Übe, wenn wir dich nicht hören können.»

«

‹Stille Nacht›? Tönt eher wie ‹Stille kracht›.»

Sie blickt mich ernst an. Ist sie etwa beleidigt? Nein, denn auf einmal lächelt sie: «Du, ich hab’ da noch eine Idee. Ein Duett mit dir. Ich spiele, du singst.» «Was?» «Mein Sax-Lehrer hat schon die Noten beschafft. Ein Welthit aus dem Film ‹Titanic›.» Sie summt los: «My Heart will go on».

«Gott! Und ich wäre dann Céline Dion?» «Nein, du müsstest bloss singen wie sie.»

Weswegen ist die Titanic gesunken? Schreibers musikalische Pläne haben zwar nichts von einem Eisberg. Aber etwas von Untergang.

 (Coopzeitung Nr. 51/2016) 

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 19.12.2016, 16:00 Uhr

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