Ludovic Roh und Pascal Fumeaux treffen sich zwei Monate nach dem Unfall zum ersten Mal. Ein sehr emotionaler Moment.

Lebensrettung: Ein Moment, der alles verändert

Vier Menschen erzählen, wie sie in einer Notfallsituation instinktiv und richtig reagiert haben. Hand aufs Herz: Wüssten auch Sie, wie man Erste Hilfe leistet?

Ludovic Roh (32) arbeitet bei der Kantonspolizei Wallis. Er hat daher einen umfangreicheren Erste-Hilfe-Kurs absolviert als der Durchschnittsbürger. Doch am Morgen des 18. August 2017 kann auch er nicht ahnen, was auf ihn zukommt. Nachdem er seine zwei grösseren Kinder in die Schule geschickt hat, macht er sich bereit, um zusammen mit Gattin Virginie (25) und ihrem 18 Monate alten Baby einkaufen und Kaffee trinken zu gehen. Auf der Strasse nach Conthey VS hinunter bemerken sie ein Polizeimotorrad, das nach einer Frontalkollision in einer unübersichtlichen Kurve am Boden liegt. Sofort springen sie aus dem Auto. Sie signalisiert den anderen Autofahrern, stehen zu bleiben, während er die Maschine aufrichtet. Auf dem Boden entdeckt er einen Kollegen der Stadtpolizei von Conthey, Pascal Fumeaux (50). Eines seiner Beine ist völlig zerfetzt. «Ich dachte nur ‹Scheisse!›. Ich habe ihm seinen Gürtel ausgezogen und einen Druckverband gemacht. Mit der anderen Hand habe ich die Ambulanz gerufen», erzählt Ludovic. Virginie kommt dazu und nimmt die Hand des Verletzten. Sie redet mit ihm, bis die Sanitäter eintreffen. «Normalerweise bin ich die Erste, die beim Anblick von Blut wegschaut, aber da habe ich reagiert, ohne nachzudenken.»

Pascal Fumeaux trainiert fleissig. Sein erstes Ziel ist die Rückkehr in den Beruf. Das zweite die Teilnahme am Ironman Hawaii in der Kategorie Behindertensport.

Pascal Fumeaux trainiert fleissig. Sein erstes Ziel ist die Rückkehr in den Beruf. Das zweite die Teilnahme am Ironman Hawaii in der Kategorie Behindertensport.
http://www.coopzeitung.ch/Lebensrettung_+Ein+Moment_+der+alles+veraendert Pascal Fumeaux trainiert fleissig. Sein erstes Ziel ist die Rückkehr in den Beruf. Das zweite die Teilnahme am Ironman Hawaii in der Kategorie Behindertensport.

«Der einzige wirkliche Fehler in einer solchen Situation wäre es gewesen, nichts zu machen», betont Federico Rapin, Ausbilder beim kantonalen waadtländischen Samariterbund. «Schon wer Hilfe ruft, macht etwas.» Jeder von uns kann sich eines Tages in einer Notfallsituation wiederfinden, in der eine Person Hilfe braucht. «Es ist wichtig, systematisch vorzugehen und sich nicht wahnsinnig zu machen. Man muss das Ampelschema anwenden: Schauen – Denken – Handeln. Als Erstes müssen Gefahrenquellen gefunden und beseitigt werden. Danach können Sie sich der verletzten Person nähern.»

Bewegendes Wiedersehen

Der verunfallte Polizist, Vater einer erwachsenen Tochter, überlebt in extremis. Im Operationssaal des Spitals Wallis in Sitten muss er zwei Mal reanimiert werden, bevor er per Helikopter nach Bern gebracht wird. «Komischerweise erinnere ich mich an den gesamten Unfall. Aber ich habe nie das kleine Licht am Ende des Tunnels gesehen», sagt er heute. Fünf Wochen lang versuchen die Ärzte, sein linkes Bein zu retten, aber am Ende muss es amputiert werden. «Ich habe selbst darauf bestanden. Ich trage lieber eine Prothese, als mein Leben lang zu hinken», sagt er, der an 13 Ironmans teilgenommen hat.

Ludovic Roh unterstreicht, wie wichtig es ist, dass jeder weiss, was bei einem Unfall zu tun ist. Pascal Fumeaux hofft, dank der Prothese bald wieder laufen zu können.

Ludovic Roh unterstreicht, wie wichtig es ist, dass jeder weiss, was bei einem Unfall zu tun ist. Pascal Fumeaux hofft, dank der Prothese bald wieder laufen zu können.
http://www.coopzeitung.ch/Lebensrettung_+Ein+Moment_+der+alles+veraendert Ludovic Roh unterstreicht, wie wichtig es ist, dass jeder weiss, was bei einem Unfall zu tun ist. Pascal Fumeaux hofft, dank der Prothese bald wieder laufen zu können.

Familie Roh und Pascal Fumeaux haben sich seit dem Unfall nicht wiedergesehen. Die Coopzeitung hat ein Treffen in der Clinique romande de réadaptation (CRR), dem Suva-Rehabilitationszentrum in Sitten, organisiert. Es ist ergreifend, wie sich die zwei Männer umarmen und der Verunfallte seinen Helfern danken kann. «Ich stehe wirklich in deiner Schuld!» Aber Ludovic Roh stellt klar: «Jeder würde in so einer Situation helfen können.»

Jeder? Nicht unbedingt. Gemäss einer Umfrage des TCS können nur 7 Prozent der befragten Personen spontan die verschiedenen Massnahmen aufzählen, die bei einem Unfall zu ergreifen sind, obwohl zwei Drittel der Befragten denken, dass sie in einem Notfall richtig reagieren könnten.

Ludovic Roh unterstreicht, wie wichtig es ist, dass jeder weiss, was bei einem Unfall zu tun ist. Pascal Fumeaux hofft, dank der Prothese bald wieder laufen zu können.

Ludovic Roh unterstreicht, wie wichtig es ist, dass jeder weiss, was bei einem Unfall zu tun ist. Pascal Fumeaux hofft, dank der Prothese bald wieder laufen zu können.
http://www.coopzeitung.ch/Lebensrettung_+Ein+Moment_+der+alles+veraendert Ludovic Roh unterstreicht, wie wichtig es ist, dass jeder weiss, was bei einem Unfall zu tun ist. Pascal Fumeaux hofft, dank der Prothese bald wieder laufen zu können.

«Die Erste-Hilfe-Massnahmen gehen sehr schnell vergessen, wenn wir sie nicht anwenden. Heute ist der zehnstündige Nothelferkurs für die Autoprüfung obligatorisch, aber diese Ausbildung ist ebenso wertvoll für den Alltag», meint Federico Rapin. «Man sollte alle zwei bis drei Jahre Auffrischungskurse für alle durchführen.»

«Meine Tochter atmet nicht mehr»

Auch Barbara Imboden (38) hat ein Leben gerettet. Eigentlich war sie an diesem Tag im Juni 2015 unterwegs ans Sterbebett ihres Schwiegervaters. Aber sie ändert ihre Pläne und fährt nach Hause nach Herbriggen (VS). In dem Moment, in dem sie ihr Auto parkiert, bemerkt sie einen Tumult vor dem Haus nebenan. Es hat sich eine Gruppe gebildet um Diogo Rodrigues Ribeiro, der schreit: «Meine Tochter atmet nicht mehr!»

Die Angestellte eines Architekturbüros beginnt sofort damit, Laura (damals 15 Monate alt) auf dem Boden eine Herzdruckmassage zu geben, mit zwei Fingern, so wie sie es im Zivilschutz gelernt hat. Mit der anderen Hand ruft sie eine Freundin zu Hilfe, eine Samariterin, die im gleichen Dorf wohnt. «Für mich war das Mädchen schon tot, sein Gesicht war grau. Wenn ich daran denke, habe ich heute noch Gänsehaut», sagt die Mutter von zwei Teenagern. Die beiden Frauen kümmern sich abwechselnd um den leblosen Körper, bis das Mädchen plötzlich zwei grosse Klumpen Blut spuckt. Die Polizei und ein Helikopter kommen an und bringen Laura ins Inselspital Bern. Drei Wochen zuvor hatte sie eine Batterie verschluckt. Die Ärzte entfernten diese zwar, aber es blieb Säure zurück, welche die Aorta beschädigte.

«

Die Herzmassage macht jedem Angst.»

Federico Rapin, Ausbilder beim kantonalen waatländischen Samariterbund.

Die Erfolgsquote bei einer Herz-Lungen-Wiederbelebung sei gering, so die waadtländischen Samariter, denn diese Erste-Hilfe-Massnahme mache allen Angst. «Dennoch ist es zentral, sie so schnell wie möglich auszuführen, während man auf die Sanitäter wartet», betont Federico Rapin. In den Coop-Läden zum Beispiel ist das Personal in lebenserhaltenden Massnahmen ausgebildet, um im Notfall reagieren zu können.

Ein Trauma für alle

Die Rettungsaktionen haben die Protagonisten noch lange verfolgt. Ludovic und Virginie Roh gingen an jenem Morgen tatsächlich einen Kaffee trinken. Er behauptet, keine Flash-Backs gehabt zu haben. Sie gibt zu, dass die Bilder des kaputten Beins sie drei Tage lang geplagt hatten, bis die Lebensgefährtin von Pascal Fumeaux anrief und ihr mitteilte, dass er dem Schlimmsten entkommen war. Der Verunfallte sagt, es seien vier düstere Tage gewesen, an denen er viel geweint habe. «Es tat mir vor allem leid für meine Familie, die das alles wegen mir erleiden musste. Ich musste meine eigene Trauer vorab verarbeiten. Danach ging es wieder», sagt er mit einem Willen, der Respekt verlangt.

http://www.coopzeitung.ch/Lebensrettung_+Ein+Moment_+der+alles+veraendert Lebensrettung: Ein Moment, der alles verändert
«

Wenn ich daran denke, habe ich Gänsehaut.»

Barbara Imboden hat bei einem 15 Monate alten Baby eine Herz-Lungen-Wiederbelebung gemacht.

«Als der Helikopter wegflog, ist der ganze Druck von mir abgefallen», erinnert sich Barbara Imboden. «Ich habe nach einer Zigarette gefragt, obwohl ich nicht rauche. An jenem Abend hatte ich ein Essen mit Freundinnen. Wir haben viel darüber geredet.» In den folgenden Wochen hat sie sich regelmässig nach dem Mädchen erkundigt.

Familie Rodrigues Ribeiro ist nach den Ereignissen heute wieder in Portugal und möchte ihrer Helferin durch diesen Artikel nochmals danken: «Dieser Vorfall hat uns traumatisiert, wir hatten solche Angst! Wir können Barbara gar nicht genug danken, sie ist unser Schutzengel. Laura geht es heute sehr gut, sie lacht und spielt.»

Auf dem Weg in die Zukunft

Im Zimmer der CRR gehen die drei Freunde die Ereignisse und die darauf folgenden Wochen nochmals gemeinsam durch, den langen Weg zurück zum normalen Leben zwei Monate danach. Pascal Fumeaux serviert selbst den Kaffee und hat mehrere Schachteln Pralinés geöffnet. Es ist ein besonderer Tag, denn der verunfallte Polizist hat die ersten Schritte mit seiner Prothese gemacht. «Mein erstes Ziel ist, so schnell wie möglich wieder in die Uniform zu schlüpfen. Das zweite Ziel ist die Teilnahme am Ironman Hawaii in der Kategorie Behindertensport. Aber das braucht noch Zeit.»

«Er wusste genau, was zu tun ist»

Der Retter mit Leo (Bild): Valentine Caporale hat nach der Rettung ihre Sohnes Leo einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert.

Der Retter mit Leo (Bild): Valentine Caporale hat nach der Rettung ihre Sohnes Leo einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert.
http://www.coopzeitung.ch/Lebensrettung_+Ein+Moment_+der+alles+veraendert Der Retter mit Leo (Bild): Valentine Caporale hat nach der Rettung ihre Sohnes Leo einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert.

Es ist der 1. August 2017 in Craigville bei Boston in den USA. «Leo ass ein Stück Wassermelone. Auf einmal machte er ein Gesicht, als würde er erbrechen. Schaum kam aus seinem Mund und seine Augen schauten mich voller Verzweiflung an. Ich habe ihn umgedreht, seinen Bauch gegen meinen Arm gedrückt und auf seinen Rücken geklopft. Ich machte das Richtige, habe aber nicht stark genug geklopft», erzählt die Radiomoderatorin und Youtuberin Valentine Caporale (31) noch heute unter Schock. Ihr Mann Conor (35) packt das Baby und rennt zu einem Rettungsschwimmer. Jake Avery (19) überwacht den Strand im Sommer, um Geld für sein Studium zu verdienen. Er legt Leo auf seinen Oberschenkel und wechselt immer wieder zwischen fünf Schlägen auf den Rücken und fünf Druckbewegungen auf die Brust. Nach einer gefühlten Ewigkeit, es waren nicht mehr als zwei Minuten, spuckt Leo das Stück Wassermelone aus und beginnt zu weinen. Alle applaudieren. Jake ist kreidebleich und zittert, als er realisiert, dass er gerade zum ersten Mal ein Leben gerettet hat. «Dank meiner Ausbildung wusste ich, was zu tun ist. Aber nach der Rettung spürte ich so viel Adrenalin wie nie zuvor.»

Zurück in der Schweiz, trommelt Valentine Caporale ihre Freundinnen zusammen, um einen Erste-Hilfe-Kurs zu besuchen. «Wir können nicht verhindern, dass ein Kind seine Erfahrungen macht, aber wir können lernen, richtig zu reagieren.»

Wir reagiert man im Notfall richtig? Diese drei Massnahmen retten Leben

Kita Projekt bei Coop Bau&Hobby

Kommentare (2)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.










Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Text:
Mélanie Haab
Foto:
Patrick Gilliéron Lopreno, Marius Affolter
Veröffentlicht:
Montag 04.12.2017, 19:49 Uhr

Neuste Familien-Artikel:

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:




Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?