Wie rund zwei Drittel aller Jugendlichen in der Schweiz hat sich auch Cassandra Kohler für eine Berufslehre entschieden.

Lehrberufe: Nachwuchs gesucht

Viele Lehrbetriebe finden keine Bewerber für ihre Ausbildungsplätze. 2015 blieben 8500 Lehrstellen unbesetzt. Dabei bietet eine Berufslehre heute ebenso viele Möglichkeiten wie ein Studium.

Mit einem herzlichen Lächeln begrüsst Cassandra Kohler die Kunden an der Fleisch-theke in der Coop-Verkaufsstelle in Bassecourt. Die 18-Jährige aus Les Pommerats JU absolviert seit zwei Jahren eine Lehre als Detailhandelsfachfrau/Fleischwirtschaft – oder einfacher: Metzgereiverkäuferin. Sie ist mit ihrer Berufswahl sehr zufrieden. Ihr Vater hätte es zwar gerne gesehen, wenn sie Pöstlerin geworden wäre. Das kam für Cassandra aber nicht infrage. Bevor sie sich entschloss, einen Beruf zu lernen, besuchte sie sechs Monate lang die Fachmittelschule (FMS), eine dreijährige Vollzeitschule, welche zu einem Fachdiplom führt. Schnell fand die aufgeweckte Jurassierin heraus, dass das nichts für sie war. «Ich bin nie gern zur Schule gegangen.» Also machte sich Cassandra auf Lehrstellensuche. Nach einigen Bewerbungen erhielt sie die Gelegenheit, bei Coop in Bassecourt ein Praktikum zu absolvieren, eine halbe Stunde von ihrem Wohnort entfernt. «Ich habe alle Bereiche durchlaufen. Am besten hat es mir in der Metzgerei gefallen.» Der Beruf sei sehr vielfältig. Gerne berate sie die Kunden bei der Wahl der passenden Stücke und deren Zubereitung. Cassandras Vorgesetzte erkannten schnell, dass die junge Frau sehr motiviert und engagiert war und boten ihr einen Ausbildungsplatz an. Ihr Ja zur Berufslehre bereut sie nicht.

Kollege Philippe Jonot erklärt Cassandra den korrekten Umgang mit dem Fleischermesser.

Revolution im Bildungswesen 

Die Lehre ist bei jungen Schulabgängern sehr beliebt. Nach der obligatorischen Schulzeit entscheiden sich über zwei Drittel der Jugendlichen in der Schweiz dafür, eine Lehre zu absolvieren. Diese Zahl ist stabil, was vor allem daran liegt, dass Lehrabgänger heutzutage viel bessere Weiterbildungschancen haben als früher. Seit das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ) vor über zehn Jahren überarbeitet wurde, ermöglicht das EFZ den Zugang zur Berufsmaturität. Das Fähigkeitszeugnis eröffnet somit die Möglichkeit für ein Studium an einer Fachhochschule (FH) oder auch an einer Universität. Eine kleine Revolution im Bildungswesen. «Früher waren Studenten eine kleine Minderheit», erinnert sich der Tessiner Mauro Dell’Ambrogio, Staatssekretär für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Man musste besonders für das abstrakte Denken begabt sein. Heute sei das anders. «Eine Lehre ermöglicht es, schon früh auch andere Fähigkeiten zu entwickeln. Gleichzeitig bietet sie Zugang zu höherer Bildung und erhöht dadurch die Chance, Karriere zu machen.» Während er selbst an der Uni studiert hat, haben fünf seiner sieben Kinder eine Lehre absolviert «und verdienen heute sehr gut», erklärt Mauro Dell’Ambrogio. Die Lehre kann also durchaus am Anfang einer Karriere stehen. 

Herumalbern mit Kollegen: Auch dafür muss Zeit sein.

Herumalbern mit Kollegen: Auch dafür muss Zeit sein.
http://www.coopzeitung.ch/Lehrberufe_+Nachwuchs+gesucht Herumalbern mit Kollegen: Auch dafür muss Zeit sein.

Muss ein guter Schüler studieren? 

Es stellt sich also die Frage, weshalb trotz der Möglichkeiten der dualen Berufsbildung – Praxis und Theorie – viele Lehrstellen offen bleiben. 2007 waren es noch 3000, 2015 bereits 8500. «Leider glauben immer noch viele Eltern, ein guter Schüler sollte studieren. Die Lehre ist zwar beliebt, bleibt aber zweite Wahl», sagt Séverin Bez, Leiter der nachobligatorischen Ausbildung des Kantons Waadt. Das werde aber nicht so bleiben, meint Bez, denn «die Jungen, die von den neuen Möglichkeiten der Lehre profitiert haben, sind noch nicht selber Eltern. Sie werden mit ihren Kindern einmal ganz anders über die Lehre sprechen.» Der Bevölkerungsrückgang in vielen Kantonen sei ein weiterer Grund, weshalb weniger Jugendliche eine Lehrstelle antreten. Allgemein wird vermutet, dass diese Tendenz zunimmt, denn die Kinder, welche in den geburtenschwächsten Jahren zur Welt kamen, sind noch nicht in Ausbildung.

Die Vielfältigkeit ihres Berufs hat Cassandra schon im Praktikum gefallen.

Die Vielfältigkeit ihres Berufs hat Cassandra schon im Praktikum gefallen.
http://www.coopzeitung.ch/Lehrberufe_+Nachwuchs+gesucht Die Vielfältigkeit ihres Berufs hat Cassandra schon im Praktikum gefallen.

Metzger und Maurer sind unbeliebt 

Zu guter Letzt finden die jungen Stellensuchenden natürlich auch nicht alle Berufe interessant. Im kaufmännischen oder pflegerischen Bereich ist die Konkurrenz bei der Bewerbung für eine Lehrstelle sehr gross. Berufe hingegen, die als anstrengend oder wenig attraktiv eingestuft werden, haben mehr Probleme bei der Besetzung ihrer Ausbildungsplätze. Die Lebensmittelberufe, wie Bäcker, Metzger oder Konditor, das Baugewerbe generell, die Hotellerie, die Gastronomie und die Landwirtschaft sind die am stärksten betroffenen Bereiche. «Es gibt Bauunternehmen, die auf die Ausschreibung einer Lehrstelle nicht eine einzige Bewerbung erhalten», beschreibt Jean-Philippe Portmann, stellvertretender Leiter des Amts für Bildung des Kantons Jura, die Situation. Ein Problem, das bei den Metzgern schon lange bekannt ist. Anfang August waren in der Schweiz noch 150 Lehrstellen offen. Laut Markus Rothen ein absoluter Rekord. Der Verantwortliche für die Nachwuchsförderung beim Schweizer Fleisch-Fachverband spricht von einer dramatischen Situation: «Rund zwanzig Metzgereien suchen einen Nachfolger für ihr Geschäft. Sonst müssen sie schliessen.» Für die Problembranchen wissen Fachleute aktuell nur eine Lösung: «Wir sehen uns gezwungen, für die betroffenen Berufe Erwachsene aus dem Ausland zu rekrutieren», sagt Mauro Dell’Ambrogio. 

Mit ihren Kollegen versteht sich Cassandra sehr gut. «Teamgeist hat man oder nicht», sagt die 18-Jährige.

Mit ihren Kollegen versteht sich Cassandra sehr gut. «Teamgeist hat man oder nicht», sagt die 18-Jährige.
http://www.coopzeitung.ch/Lehrberufe_+Nachwuchs+gesucht Mit ihren Kollegen versteht sich Cassandra sehr gut. «Teamgeist hat man oder nicht», sagt die 18-Jährige.

Coop ist ein begehrter Arbeitgeber  

Im Gegensatz zu vielen anderen Jugendlichen empfindet Cassandra Kohler den Umgang mit Fleischwaren nicht als unappetitlich. Sie weiss aber, dass sich nur wenige Gleichaltrige für eine Lehre in der Fleischbranche entscheiden. «Lernende sind sehr schwierig zu finden», bestätigt auch Annika Keller-Markoff, Verantwortliche Berufsbildung Coop. «Die Grundausbildung in der Fleischbranche ist bei den Jungen nicht sehr beliebt. Wir glauben, dass sie ein falsches Bild von dieser Branche haben.»
Cassandra gehört damit also zum gefragten Nachwuchs. Vielleicht ist dies der Grund für ihre Gelassenheit in Bezug auf ihre berufliche Zukunft. Wieder die Schulbank drücken und die Berufsmatur nachholen? Nicht ihr Ding. Sie müsste Fächer wie Buchhaltung und Englisch belegen, die bisher freiwillig waren. Cassandra hat es nicht eilig: «Ich weiss noch nicht, was mich erwartet, aber ich habe ja noch Zeit.» Vielleicht bekommt sie von ihrem Arbeitgeber einen Posten angeboten, denn Coop engagiert über 60 Prozent ihrer Lernenden nach der Lehre. Das Unternehmen ist mit der aktuellen Situation auf dem Lehrstellenmarkt zufrieden. Mit 1171 neuen Lernenden hat Coop 2016 gleich viele Jugendliche verpflichtet wie in den letzten Jahren. Geplant war zwar, 250 zusätzliche Lehrstellen zu schaffen, diese konnten aber nicht besetzt werden. Trotz offener Lehrstellen haben viele Jugendliche für diesen Sommer keinen Ausbildungsplatz gefunden. Für Kurzentschlossene ist es noch nicht zu spät: Zwar haben viele Lernende ihre «Stifti» schon angetreten, die meisten Betriebe sind aber noch bis Mitte September bereit, Lehrverträge für das laufende Jahr abzuschliessen.

Die Berufslehre in Zahlen

Lorenz Wyss (57), CEO der Bell-Gruppe, begann seine Karriere mit einer Metzgerlehre. Heute besitzt er einen MBA. Die Handelszeitung kürte ihn kürzlich zum CEO des Jahres.

Lorenz Wyss, ein ehemaliger Lehrling wird CEO des Jahres. Ist wirklich alles möglich?
Das ist einer meiner Grundsätze. Alles ist möglich, bis man realisiert, dass man an seine Grenzen stösst und mehr Wissen braucht, um weiterzukommen. Dank des Bildungsangebots und der Weiterbildungsmöglichkeiten stehen einem heute nach einer Lehre viele Türen offen. Wichtig ist, dass man motiviert ist und etwas ausprobiert.

Warum haben Sie sich Ende der 1970er- Jahre für eine Metzgerlehre entschieden?
Das war Zufall, in meiner Familie war niemand Metzger. Meine Brüder und ich haben in den Ferien gearbeitet, um Geld zu verdienen. In unserem Dorf gab es zwei Personen, die ein Auto besassen: der Pfarrer und der Metzger. Also habe ich beim Metzger ausgeholfen (lacht). Meine Mutter war enttäuscht, sie hätte gerne gehabt, dass ich Bankangestellter werde. Mir aber hat es sofort gefallen.

Was denn genau?
Entscheidend waren für mich das gute Arbeitsklima und die ausgezeichnete Teamarbeit. Ausserdem hat mein Chef mir sehr schnell Verantwortung übertragen und mich auch selbstständig arbeiten lassen. Es war anspruchsvoll, aber es hat mich sehr motiviert.

Würden Sie heute noch einmal eine Metzgerlehre machen?
Ja, wenn das Arbeitsumfeld stimmt. Ich mag den Beruf noch immer, auch wenn er hart ist. Ich träume davon, nach der Pensionierung eine eigene Metzgerei zu eröffnen und sie so zu betreiben wie in alten Zeiten.

Was war an der Lehre schwierig?
Die Tage im Schlachthof. Stellen Sie sich eine Raumtemperatur von 30 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent vor, einen Tierkörper mit 37 Grad Körpertemperatur, und Sie müssen zehn Stunden pro Tag arbeiten. Heute sind die Arbeitsbedingungen deutlich besser, aber immer noch fordernd.

1977 absolvierte Lorenz Wyss eine Lehre als Metzger in Arlesheim BL (unten). Heute ist er CEO der Bell-Gruppe.

1977 absolvierte Lorenz Wyss eine Lehre als Metzger in Arlesheim BL (unten). Heute ist er CEO der Bell-Gruppe.
http://www.coopzeitung.ch/Lehrberufe_+Nachwuchs+gesucht 1977 absolvierte Lorenz Wyss eine Lehre als Metzger in Arlesheim BL (unten). Heute ist er CEO der Bell-Gruppe.

Die Zahl unbesetzter Lehrstellen steigt. Wie kann man Abhilfe schaffen?
Bei einzelnen Ausbildungen gilt es, das Image des Berufs aufzupolieren, wie etwa beim Metzgerberuf. Es sollte wertgeschätzt werden, wenn jemand eine Lehre macht. Wer dann auch noch richtig gut ist, hat Zukunft. Und mit etwas Unternehmergeist kann man sogar irgend-wann seinen eigenen Betrieb führen.

Beschäftigt Sie diese Entwicklung?
Ja sicher. In einigen Regionen findet man keine Köche mehr, das Handwerk verschwindet. Wenn nur die Jugendlichen eine Lehre machen, die nicht studieren können, ist das System am Ende. Ich bin überzeugt, dass die Lehre eine unschlagbare Wahl für alle ist, die wissen, was sie wollen und die ihren Beruf mit Leidenschaft ausüben.

Erfolgreiche «Stifte»

Mit 1171 neuen Lernenden pro Jahr ist Coop der zweitgrösste Ausbilder in der Schweiz. Von den 31 wichtigsten Ausbildungen betreffen rund 80 Prozent den Detailhandel mit zwölf verschiedenen Branchen. Sämtliche Stellen finden sich auf unserer Website und die Jugendlichen können ihre Bewerbung online einreichen. Die wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung sind Interesse, Motivation und der Wille der Kandidatinnen und Kandidaten. Dank der 30 Lernendenbetreuer ist die Betreuung der Lernenden auf ihrem Weg zum Erfolg bei Coop optimal. Das belegt auch die Rekorderfolgsquote von 99 Prozent bei den letzten Lehrabschlussprüfungen.

Berufsmaturität öffnet Türen

Als Ergänzung zur Lehre ist die Berufsmaturität eine echte Alternative zur gymnasialen Maturität.

Erfolgreiche Absolventen der Berufsmaturität sind nicht nur gelernte Berufsleute. Sie verfügen auch über eine gute Grundlage für die berufliche Weiterbildung. Die Berufsmaturität ermöglicht in der Regel den prüfungsfreien Übertritt in die Fachhochschulen. Zusammen mit der bestandenen Ergänzungsprüfung (sogenannte «Passerelle») ebnet das Berufsmaturitätszeugnis in der Schweiz den Weg an eine Universität.
Die Wahl der Berufsmaturitätsrichtung (Technik, Architektur und Life Sciences; Wirtschaft und Dienstleistungen; Natur, Landschaft und Lebensmittel; Gestaltung und Kunst; Gesundheit und Soziales) ergibt sich meist aus dem Lehrberuf. Bei den Lernenden besonders gefragt ist die wirtschaftliche Richtung, wie Erhebungen des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI zeigen. Potenzial an Absolventen gibt es in der naturwissenschaftlichen Richtung. Hier lag der Anteil der Berufsmaturanden 2015 bei unter zwei Prozent. Betroffen sind vor allem Betriebe in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.
Die Berufsmaturität richtet sich an Jugendliche, die bereit und fähig sind, eine besondere Leistung zu erbringen. Die Lernenden haben mehr Unterricht, um den anspruchsvollen Stoff zu bewältigen.
Prüfungsfrei in die Berufsmaturitätsklassen aufgenommen wird, wer die Bedingungen für die Aufnahme an ein Gymnasium erfüllt. Alle anderen müssen eine Aufnahmeprüfung ablegen, welche die Fächer Deutsch, Mathematik, Französisch und Englisch umfasst.

Berufsmessen in der Deutsch- und Westschweiz

OBA - Ostschweizer Bildungsausstellung
01. bis 04. September 2016 

ICTskills2016
06. - 08. September 2016

BAM - Berner Ausbildungsmesse
16. bis 20. September 2016

Schaffhauser Berufsmesse
16. bis 17. September 2016

Berufsmesse Thurgau
22. bis 24. September 2016

Basler Berufs- und Weiterbildungsmesse
20. bis 22. Oktober 2016

Zentralschweizer Bildungsmesse
03. bis 06. November 2016

Berufsevent "Chance Industrie"
03. bis 05. November 2016

Berufsmesse Zürich
22. bis 26. November 2016

Salon des Métiers et de la Formation Lausanne
29. November bis 04. Dezember 2016

START! Forum des métiers - Forum der Berufe -
31. Januar - 05. Februar 2017

IBLive Solothurn
21. bis 25. März 2017

Aargauische Berufsschau
05. bis 10. September 2017

Alles zur Berufslehre mit und ohne Berufsmaturität

www.berufsbildungplus.ch
www.berufsberatung.ch
www.berufsbildung.ch
 
Die Homepage mit allen offenen Lehrstellen in der Schweiz
Lehrstellen bei Coop
 

Frage der Woche

«

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Ausbildungsweg?»

Würden Sie heute alles anders machen?

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