Im Restaurant Casa Novo lässt sich Livia Anne Richard mit Blick auf die Aare inspirieren.

Livia Anne Richard: «Ich bin die Livia mit den vielen Hüten»

Erfolg In Bern hat sie sich ein kleines Theater-Imperium aufgebaut. Nun inszeniert sie im Wallis ihr eigenes Stück über die Erstbesteigung des Matterhorns.

Mit «Einstein», dem später verfilmten «Dällebach Kari» oder «Paradies» sorgte die Bernerin Livia Anne Richard (46) als Theaterautorin, Regisseurin und Produzentin für Schlagzeilen. Ab dem 9. Juli inszeniert sie auf dem Riffelberg in Zermatt ihr Stück «The Matterhorn Story», das von Coop unterstützt wird. Und weckt damit schweizweit Aufmerksamkeit.

Zur Premiere von «The Matterhorn Story» hat Zermatt Tourismus auch die Queen eingeladen. Kommt sie?
Oh, das weiss ich jetzt gar nicht. Ich gehe aber davon aus, dass sicher ein paar prominente Engländer kommen werden: Die meisten Viertausender der Alpen wurden ja von Engländern erstbestiegen. Alpinismus war unter den elitären Engländern etwas wie ein Breitensport.

Sie gehen also nicht davon aus, dass Ihr Ruf bis in den Buckingham Palast vorgedrungen ist …
… kaum …

… obwohl die Wochenzeitung «Berner Bär» Sie 2014 zur einflussreichsten Berner Kulturschaffenden erkoren hat.
Die Ernennung ist natürlich nett, aber es ist ein Vergleich von Birnen mit Äpfeln. Und wenn man sieht, dass zum Beispiel mit Lukas Bärfuss ein sensationeller Autor hinter mir rangiert – zumindest mit den Kategorien kann da etwas nicht ganz stimmen. Auszeichnungen strebt man ja nicht an, das sind Geschenke.

 
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Tatsache ist: Es ist Ihnen gelungen, sich mit dem Gurten Freilichttheater und dem Theater Matte in der Berner Theaterszene breitzumachen.
Nicht mir, uns. Wir sind ein geniales Team. Aber es war nie unsere Strategie, uns breitzumachen. Der Erfolg ist das Resultat unserer Freude am Schöpfen. Wir studieren nie lange: Wir springen ins kalte Wasser und machen vorwärts.

Was machen Sie besser als andere?
Aus irgendeinem Grund ist es so, dass die Stücke, die ich schreibe und inszeniere, die Leute berühren und abholen. Das ist mir auch sehr wichtig, dass die Leute nicht leer heimgehen. Ich habe in meinen Inszenierungen sehr viele stille Momente, die das Publikum mitnehmen. Ich versuche ihm, ohne zu moralisieren, einen Spiegel auf das Menschlich-allzu-Menschliche vorzuhalten, das uns alle verbindet.

«

Um die Erstbesteigung geht es erst in fünfter Linie.»

Das Skript begleitet sie seit vier Jahren.

Das Skript begleitet sie seit vier Jahren.
Das Skript begleitet sie seit vier Jahren.

Sie sind also eine Autorin mit einer Message. Was heisst das konkret?
Nehmen wir «The Matterhorn Story». Da geht es vielleicht in fünfter Linie um die Erstbesteigung. Die Geschichte ist schnell erzählt: Sieben Männer besteigen am 14. Juli 1865 erstmals das Matterhorn, vier kommen ums Leben – that’s it. Aber das ist nur die Verpackung für viele universelle Themen; für Themen, die dafür sorgen, dass das Stück gestern, heute und morgen überall auf der Erde funktioniert.

Welche Themen?
Eben diese menschlich-allzu-menschlichen, diese zeitlosen, universellen Motive, die sich oft wiederholen: Nationalismus, Rache, Überstürztheit, Aberglaube, Wettbewerb, übersteigerter Ehrgeiz, Liebe, das Babylonische, das Klerikale. Erkenntnisse auch wie: Wer zahlt, geht in die Geschichtsbücher ein, und die andern machen die Drecksarbeit. Dann die Mentalitäts-, Bildungs- und Kulturunterschiede. Es wird immer sofort ein Schuldiger gesucht, und es gibt immer ein Bauernopfer.

Zurück nach Bern. Sie betreiben Ihr Theater Matte ohne Subventionen: Verzichten Sie bewusst darauf oder zahlt Ihnen einfach niemand etwas?
Nein, das machen wir natürlich nicht extra. Wir bekommen schon Unterstützung, aber nicht von der Stadt: Weil wir uns dem Mundarttheater verschrieben haben, fallen wir zwischen Stuhl und Bank: Wir sind zwar ein professionell geführtes Theater, aber die Stadt unterstützt kein Mundarttheater. Da muss Bühnendeutsch gesprochen werden.

Trotzdem kommen Sie finanziell über die Runden.
Ja, wir hatten in der letzten Saison eine Auslastung von 96 Prozent. Wir kommen durch – allerdings bei ganz mageren Löhnchen. Ich muss daneben schon das eine oder andere machen.

«Geborgenheit wünsche ich allen Leuten.»

«Geborgenheit wünsche ich allen Leuten.»
«Geborgenheit wünsche ich allen Leuten.»

Sie sind also nicht nur Autorin, Schauspielerin und Regisseurin, sondern auch noch eine gute Geschäftsfrau.
Nein, das überlasse ich anderen. Ich bin schon eher den Dingen zugetan, wo man den Bauch und nicht die Logik braucht.

Was sind Sie am liebsten: Schauspielerin, Regisseurin oder Autorin?
Ich bin einfach die Livia mit den vielen Hüten. Aber wenn ich nur noch eines machen dürfte, würde ich mich für die Regie entscheiden. Ich schreibe auch gerne, aber das ist manchmal sehr einsam. Von meinem Wesen her bin ich aber gerne im Austausch mit Leuten.

Vier Daten im Leben von Livia Anne Richard

1987 Während eines Austauschjahrs in den USA entdeckt sie ihre Liebe zum Theater.

1999 Nach dem Tod Franz Matters springt sie ins kalte Wasser und leitet ihre erste
Inszenierung mit 120 Leuten.

2003 kommt ihr Sohn Elia zur Welt. Einschneidend ist auch die Geburt ihres ersten abendfüllenden Stückes …

2006 … «Dällebach Kari» auf dem Gurten, das später verfilmt wurde. Es findet Beachtung über Bern hinaus.

Mit der Supercard günstiger zu «The Matterhorn Story»
Weitere Informationen zur Inszenierung in Zermatt

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Philipp Zinniker
Veröffentlicht:
Montag 08.06.2015, 19:10 Uhr

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