Locker gestresst

Seine Gelassenheit macht ihr Sorgen.

Sybil Schreiber: «Ach, hier ist es auch nicht», murmelt Schneider im Gang. Aha. Mit «es» meint er wahlweise: sein Handy, seine Büroschlüssel, seine Brille, sein ... «Hast du mein Portemonnaie gesehen?» Soso. Diesmal also das Portemonnaie. Dinge nicht zu finden, ist seine Endlosschlaufe in unserem Alltag.

48 Stunden später fragt er: «Kannst du mir etwas Geld geben, ich weiss nicht, wo mein Portemonnaie ist?» «Immer noch nicht? Machst du dir keine Sorgen?» «Wofür? Das taucht schon wieder auf.»

«

Schneider wartet einfach mal ab»

«Du warst doch vorgestern in Zürich. Vielleicht hast du es wieder mal im Zug liegen lassen.» «Das ‹wieder mal› kannst du dir sparen», erwidert er lachend. Seine Lockerheit macht mich nervös: «Vielleicht liegt jemand dank deiner Kreditkarte an einem Karibikstrand.» Er kontert: «Das wäre dann kein Traumstrand.» Ich fasse es nicht. In der gleichen Lage hätte ich längst alle Karten sperren lassen, bei den SBB angerufen, mein Büro auf den Kopf gestellt, das Auto durchwühlt.

Aber Schneider wartet einfach ab und sagt grinsend: «Mit Gelassenheit kommt das ganz gut und das Portemonnaie wieder zum Vorschein.» Bildet sich noch was darauf ein, der Herr! Das nervt mich noch viel mehr als seine Schlamperei.

Steven Schneider: «Schreiber stresst, nur weil mein Portemonnaie grad fehlt. Das ist ärgerlich, aber nicht weiter schlimm. Ich versuche, den Weg zurück nahtlos abzurufen: Zugfahrt, Sitzung in Zürich, Zeitungskauf am Kiosk – da hatte ich also noch das Portemonnaie – oder hatte ich nur Münzen in der Hosentasche? Wie auch immer: Aus langjähriger Erfahrung weiss ich: Früher oder später finden die Dinge und ich wieder zueinander. Allerdings wäre in diesem Fall «früher» besser, denn unsere Grössere braucht ihre ID. Und die steckt dummerweise in meinem Portemonnaie. Schreiber macht weiter Druck und erwartet nun auch noch, dass ich auf unserem Konto nachsehe, ob wir unterdessen verarmt sind.

«

Ärgerlich, aber nicht schlimm.»

Blödsinn. Das Portemonnaie ist da, nur weiss ich momentan nicht, wo «da» genau ist. Bevor sie völlig durchdreht, dreh ich lieber eine Runde mit unserem Hund. Im Schopf greife ich nach einer leichten Jacke und stutze. Sie hat Schlagseite. Ein Griff, das Portemonnaie! Als ich Schreiber die ID reiche, freut sie sich kein bisschen. «Wegen deinem Chaos hatte ich tagelangen Stress.»

Ich wünschte, in unserem Haushalt würde mal wirklich etwas so richtig gründlich verloren gehen: nämlich Schreibers unnötige Sorgen.

 (Coopzeitung Nr. 18/2014)

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 28.04.2014, 15:45 Uhr

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