Manche mögens heiss

Sie: Ich sitze meiner älteren Tochter beim Frühstück gegenüber, bin kuschlig eingemummelt in einen Kaschmir-Rollkragenpulli, den ich vor Jahren Schneider geschenkt habe. Da er ihn aber nicht trägt, was ich damals bereits einkalkuliert hatte, gehört er nun mir. Ideal für diese Tage, an denen es morgens noch immer grässlich kalt ist. Meine 15-Jährige hingegen trägt  ein weisses, luftiges Sommerblüschen mit Stickereien. Sieht super aus an ihr. Im Sommer.

«

Ich meine es doch nur gut.»

Aber jetzt ist dafür definitiv die falsche Jahreszeit. Ich sage freundlich, um nicht zickig zu wirken: «Gell, du ziehst dann aber schon noch was drunter.» Der Blick meiner Tochter sagt mir, dass ich trotzdem zickig rübergekommen bin. Aber ich meine es doch nur gut und hake nach: «Heute ist es draussen saukalt! Echt!» Erneuter, vernichtender Teenager-Blick. Aber ich kann mich nicht stoppen und füge gut meinend an: «Weisst du, so ein Unterhemd hält die Wärme am Körper.» Meine Tochter holt tief Luft, dann folgt ein hitziger Wortschwall und zuletzt geht sie zornig aus der Küche. Im Gang höre ich sie mit Schneider reden. Und was sagt er? «Ich weiss, Liebes, du hast recht, die Schulzimmer sind immer so überheizt.»

Er: Schreiber muss als Kind fürchterlich kalt gehabt haben. Sie friert, wenn ich verschmachte. Zudem nervt ihre Dauerbeschallung, denke ich, als ich die Diskussion zwischen ihr und unserer Älteren beim Frühstück mithöre. Es stimmt, dass unsere Tochter modisch zuweilen in anderen Klimazonen lebt. Aber sie hat Stil, sieht zauberhaft aus und friert, wie ich, nie. Wo also liegt das Problem?

«

Wo also liegt das Problem? Bei Schreiber.»

Als unsere Tochter weg ist, sage ich: «Versuch dich etwas zurückzuhalten. Unsere Tochter wird erwachsen und du sagst ihr immer noch, wie sie sich anziehen soll.» Schreiber blickt bedrückt: «Du hast recht. Ich weiss auch nicht, warum ich meine Klappe nicht halten kann.» Hoppla! So rasch so einsichtig? Das macht Freude. «Dann geh’ ich mal ins Büro», sage ich erleichtert. Sie mustert mich von Kopf bis Fuss und ich kann ihre Gedanken hören: Die Schuhe passen nicht zu den Hosen, bei der Jacke sollte er den Kragen hochschlagen, ein Schal wäre hübsch, ich habe ihm doch einen zu Weihnachten geschenkt, warum trägt er den nie? Weil er zu bunt ist, denke ich zurück. Da sagt sie laut: «Du siehst gut aus!» Aha, Schreiber will es ab sofort besser machen. Fühlt sich gut an.

 (Coopzeitung Nr. 10/2016) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 07.03.2016, 00:00 Uhr

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