Dieter Meier liebt schräge Darbietungen: Zwischendurch singt er in einer eigenartigen Sprache: «Also Englisch ist es nicht.»

Marc Forster: «Das ist Knochenarbeit»

Ein Gespräch mit dem Hollywood-Regisseur über Sehen und Nichtsehen, persönliche Schicksalsschläge und über das Geheimrezept für eine gute Beziehung.

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Marc Forster, Ihr neuer Film «All I See Is You» ist ein Drama um Liebe, Macht, Ohnmacht und Abhängigkeiten. Wie kamen Sie auf dieses Drehbuch?
Redewendungen wie «blinde Liebe» oder «Liebe macht blind» gehören zum Sprachgebrauch. Doch was sie bedeuten, ist uns oft nicht klar. Ich wollte schon immer eine Beziehungsgeschichte erzählen – mit all ihren Komplexitäten. Es gibt die körperliche Verbindung und die geistige Verbindung. Beide müssen ausgeglichen sein, damit das Interesse und die Liebe bestehen bleiben. Das ist oft kompliziert.

Und das Augenlicht ist quasi die Metapher für Freiheit. Gilt das auch im realen Leben?
Absolut. Das Sehen steht für die Verbindung zweier Menschen. Als ich die Beziehungen in meinem Umfeld beobachtete – und jene, die ich selber führte – , sah ich immer ähnliche Verhaltensmuster. Obwohl die Beziehungen nie gleich waren. Als ich dann einmal unter der Dusche Seife in die Augen bekam, verlor ich die Übersicht und schlug meinen Arm gegen die Wand. Da realisierte ich, wie essenziell die Sehkraft für ganz kleine Dinge ist – und für die grossen erst recht.

Das heisst, das Filmprojekt begann quasi unter der Dusche?
Kann man sagen. Und dann begann ich zu recherchieren, führte Gespräche mit Menschen, die ihr Augenlicht verloren. Ich suchte mir drei Personen aus, mit denen ich eng zusammenarbeitete. Ein Mann verlor das Sehvermögen mit 15, eine Frau mit 17 – sie sind noch immer blind. Die dritte Person verlor das Augenlicht und kann heute dank einer Operation wieder sehen. Ich habe mit diesen Menschen viel gesprochen – über ihre Gefühle und Beziehungen, aber auch über ihre Sicht der Dinge. Da gibt es so viele Aspekte zu diesem Thema, dass ich für den Film zuerst die Hauptfigur Gina entwickelte – und dann ihren Ehemann. Und von dort ging ich Schritt für Schritt weiter zur Thematik des Sehens und Nichtsehens und des Loslassens und Nichtloslassens. Letztlich kam ich zum Schluss, dass das Loslassen in einer Beziehung entscheidend ist. Wenn die Beziehung keine Luft hat, stirbt sie.

Sie spielen im Film viel mit Nahaufnahmen vom Auge. Das ist ästhetisch, aber für viele auch abstossend.
Es war mir wichtig, dass dieser Film sehr künstlerisch geprägt ist. Das umfasst auch, dass man die Menschen berührt – und unterschiedliche Reaktionen in ihnen auslöst. Die einen finden die Bilder ansprechend, die anderen abstossend. Ich hoffe, dass der Film Gespräche provoziert, aber auch das Bewusstsein schärft. Und sei es nur, dass man aus dem Kinosaal geht und das Augenlicht nicht als selbstverständlich betrachtet.

Wie sehr setzt einem solch ein schweres Thema zu?
Das setzt einem sehr zu – umso mehr, als ich das Drehbuch geschrieben, Gespräche geführt und Recherchen angestellt habe. Wenn man sich so intensiv mit einem Thema befasst, ist man automatisch ein Teil davon.

Wie mussten Sie Hauptdarstellerin Blake Lively für die Rolle der Blinden coachen?
Blake verbrachte viel Zeit mit einem Freund von uns, der blind war. Die beiden sprachen über Alltägliches: Wie man sich als Blinder in der Wohnung bewegt, wie man Gitarre spielt, wie sich Wasser anfühlt. Wie man sich sozusagen durchs Leben tastet und wie alle anderen Sinnesorgane automatisch viel stärker werden.

Sie hatten selber viele Schicksalsschläge zu verarbeiten. 1998 nahm sich Ihr Bruder das Leben. Auch im Film begeht die männliche Hauptfigur Suizid. Wie sehr beeinflusste Ihre Biografie den Film?
(Zögert.) Der Film ist nicht direkt auf meinen Bruder bezogen. Aber es sind Handlungen im Drehbuch, die ich selber erlebte oder die mir nahestehende Personen erfuhren. So sind die Einflüsse irgendwie alle miteinander verbunden.

Im Film ist der Suizid der einzige Ausweg …
… ja, für diesen Mann. Weil er nicht loslassen konnte. Aber ich bin überzeugt, dass es immer einen Ausweg geben muss.

«

Ich kam zum Schluss, dass das Loslassen in einer Beziehung entscheidend ist.»

Lassen sich Realität und Fiktion während Dreharbeiten trennen? Oder bewegt man sich permanent in einer Blase?
Es wird manchmal schwierig, Distanz zu halten, wenn man sich so intensiv mit einer Geschichte befasst. Dann rücken Fiktion und Realität eng zusammen.

Sie sind einer der wenigen Schweizer, die sich in Hollywood durchsetzen konnten. Verraten Sie uns das Erfolgsrezept?
Das gibt es nicht. Oder ich hatte es nicht. Ich hatte nur die Passion, Geschichten zu erzählen. Ich hatte auch Glück, dass den Leuten meine Filme gefielen. Ihre Frage stellen mir auch junge Regisseure. Ich sage immer dasselbe: Verfolge deine Leidenschaft! Ich wollte Filme machen, weil ich diese Arbeit liebe. Es ging mir nie darum, berühmt zu werden. Im Gegenteil: Es war eine schwierige Begleiterscheinung, dass ich plötzlich als Mensch im Mittelpunkt stand. Ich würde am liebsten die ganze Zeit auf dem Set stehen und Filme drehen.

Stattdessen müssen Sie jetzt mit Journalisten sprechen …
… mit Menschen zu sprechen gefällt mir. Und es interessiert mich, was andere von meinen Filmen denken. Journalisten sind normalerweise intelligente Menschen, die sich Gedanken über meine Filme machen. Das finde ich spannend. Grundsätzlich habe ich Menschen gern. Deshalb habe ich Schauspieler gern – und auch Journalisten.

Sie wohnen in Hollywood. Das klingt nach Glanz und Gloria rund um die Uhr.
Wenn du das willst, kannst du das tatsächlich haben. Aber das ist nicht von einem Ort abhängig. Wenn du in Zürich jeden Abend in den Ausgang willst, kannst du das tun. Und wenn du in Hollywood pausenlos Party machen willst, wirst du sie finden. Aber meine Sache ist das nicht. Ich lebe am Strand, gehe gerne Velo fahren und schwimmen. Oder verbringe meine Abende mit Freunden. Und ich wandere gerne: am Wochenende in der Wüste, im Joshua-Tree-Park. Im Filmbusiness musst du deine Privatsphäre pflegen. Denn der Job verlangt dir viel ab.

In Hollywood gibt es keine 40-Stunden-Woche?
Nein. Einen Film zu produzieren und zu finanzieren, ist ein 24-Stunden-Job an sieben Tagen. Das ist weder glamourös noch glanzvoll – sondern Knochenarbeit.

Sie haben die Ehrenbürgerschaft von Davos. Sind Sie mehr Schweizer oder Amerikaner?
Momentan drehe ich acht Monate in London. Danach gehe ich nach Los Angeles zurück. Dann folgt der nächste Film an einem anderen Ort. «All I See Is You» haben wir in Thailand und in Spanien gedreht. Ich bin deshalb auf der ganzen Welt zu Hause.

Könnten Sie sich eine Rückkehr in die Schweiz vorstellen? Oder ist unser Land zu klein für Sie?
Ich bin oft in der Schweiz und habe dieses Land sehr gern. Meine Familie ist hier. Aber ich lebe nun schon lange in den USA. Es ist nicht eine Frage der Grösse. Ich bin gern in den Bergen, in Zürich, in Los Angeles oder in London. Aber ich bin nicht gern permanent nur an einem Ort.

2001 feierte der Schweizer Regisseur Marc Forster mit «Monster’s Ball» seinen ersten Grosserfolg. Seitdem ist er dick im Filmgeschäft drin; unter anderem durfte er «Ein Quantum Trost», den 22. James-Bond-Streifen, drehen – und erhielt dafür Bestnoten. «All I See Is You» (ab 7. Dezember im Kino) ist sein neuestes Werk. Darin erlangt die blinde Gina (Blake Lively) ihr Augenlicht zurück und nimmt ihren Gatten plötzlich ganz anders wahr.

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