«Ich bin meine eigene Herrin»

Vor Saisonbeginn tobte sich Martina Hingis im Schnee aus – wir haben sie begleitet. 

Martina Hingis sucht die Abwechslung. Mit der «Basler Zeitung» ging sie in Melbourne in einem Luxushotel mit riesigem Buffet frühstücken, mit der «Annabelle» flanierte sie durch Rom, mit dem «Sonntagsblick» über den Zürcher Weihnachtsmarkt. «Ist doch cool, wenn die Interviews und die Fotos dazu immer wieder an anderen Orten stattfinden», sagt der 36-jährige Tennisstar über seine Lust, die gewohnte Routine zu durchbrechen. «Wie ich auf dem Tennisplatz aussehe, weiss man ja mittlerweile nach den vergangenen 20 Jahren.»

Für unser Treffen hat sie sich an diesem Wintertag die Skipiste ausgesucht. «Kommt doch nach Davos», schrieb sie uns auf Whatsapp, «aber erst nach Weihnachten.» Denn vorher sei es sehr stressig mit Geschenke einkaufen, der «Sportler des Jahres»-Wahl und dem Olympia-Empfang in Feusisberg, wo sie ihr Zuhause hat. Für uns bietet der Schauplatz die Möglichkeit, aus nächster Nähe mitzuerleben, wie die Menschen im Alltag auf sie reagieren.

Das zweitliebste Hobby

In voller Skimontur tritt sie aus dem Hotel, in den Händen nigelnagelneue Ski, die sie stolz herzeigt. «Das Skifahren ist nach dem Reiten mein zweitliebstes Hobby.» Derzeit kommt sie aber nur selten dazu. Höchstens im Dezember liegen ein paar Tage drin, ansonsten ist sie ja auf der Tennistour unterwegs. Skifahren ist für ei-ne Spitzensportlerin nicht selbstverständlich. Denn im Gegensatz zum Tennis gilt der Sport im Schnee als gefährlich; ein Sturz könnte die Tennis-Saison beenden, bevor sie überhaupt angefangen hat. Vielen Athleten ist es deshalb vertraglich untersagt, mit den Latten die Hänge hinunterzubrausen. Bei ihr scheint das nicht der Fall zu sein, sonst hätte sie uns wohl kaum auf den Berg gelockt. Falls aber doch, hätten wir – oder vor allem unser Fotograf, der sie in Action während einer Abfahrt aufnehmen will – ein Problem.

«

Man wollte mir das Skifahren verbieten. Meine Mutter hat sich dagegen gesträubt.»

«Es wurde früher auch bei mir versucht, das in die Verträge aufzunehmen», sagt Hingis. «Doch meine Mutter hat sich immer gegen ein solches Verbot gesträubt. Diese Freiheit war uns wichtig. Als Einzelsportlerin habe ich es da allerdings auch einfacher gehabt. In einer Mannschaftssportart wäre es für mich schwieriger gewesen, das durchzusetzen.»
Hingis ist überzeugt, dass gerade das Skifahren oder auch das Wandern ihr in jungen Jahren zu einer Grundkondition verholfen haben, von der sie beim Tennisspielen zehren konnte. Die Alternativsportarten boten zudem jene Abwechslung im Trainingsalltag, die ihr schon seit jeher wichtig war. Oft waren sie und ihre Mutter in den Bergen mit der Familie von Hanni Wenzel unterwegs, der Liechtensteiner Doppel-Olympiasiegerin von Lake Placid. Sie konnte ihre Skikünste also vergleichen. War sie als Skifahrerin auch so talentiert wie im Tennis?
Sie winkt ab. «Ich habe mit neun oder zehn Jahren ein paar Rennen bestritten und war tatsächlich gar nicht so schlecht. Doch dann hatte ich immer weniger Zeit für das Stangentraining, sodass es bald nicht mehr ganz nach vorne reichte. Vom Tennis her war ich es mir aber immer gewohnt zu gewinnen. Ich fand deshalb schnell, dass es nicht mein Ding ist, in der Rangliste nur im Mittelfeld herumzugurken. Seitdem ist Skifahren für mich nur noch reiner Plausch.»

Die starrenden Blicke

Obwohl die Luft auf fast 3000 Metern Höhe dünn und der Schnee tief ist...

Obwohl die Luft auf fast 3000 Metern Höhe dünn und der Schnee tief ist...
Obwohl die Luft auf fast 3000 Metern Höhe dünn und der Schnee tief ist...

Wir sind mittlerweile auf dem Jakobshorn angekommen. In der Gondel wurde sie vom einen oder anderen zwar erkannt, wie die starrenden Blicke vermuten liessen. Doch angesprochen wurde sie von ihnen nicht, dafür war hier nicht der richtige Ort.
Auf der Piste verhält sich Hingis wie der Grossteil der Fahrer: Ein grosses Aufwärmen gibt es nicht. Stattdessen zieht sie sofort ihre eleganten Schwünge in den Schnee. Später wird sie uns erzählen, dass sie sich selber eher als vorsichtige Skifahrerin sieht: «Ich kenne meine Grenzen und riskiere nichts, gerade wenn es viele Menschen auf der Piste hat.» Was an diesem Tag der Fall ist. Gestürzt ist sie noch nie ernsthaft mit den Ski. Ganz anders beim Reiten, ihrer anderen grossen Leidenschaft: «Da bin ich schon ein paar Mal vom Pferd gefallen.» Einmal, 1997, hat sie sich dabei gar das Kreuzband gerissen.

Der Promi-Faktor

...macht Martina Hingis auch hier als Tennisspielerin eine gute Figur.

...macht Martina Hingis auch hier als Tennisspielerin eine gute Figur.
...macht Martina Hingis auch hier als Tennisspielerin eine gute Figur.

Nach einer Stunde auf den Ski legen wir die erste Pause ein. Zuerst wird ihr in der Jatzhütte spontan eine Fleischplatte offeriert, wozu sie nicht Nein sagt: «Das sind die Vorzüge des Promi-Faktors.» Danach stellt sie sich für die Fotosession vors herrliche Alpenpanorama. Um mit dem Racket gekonnt die Schneebälle abzuwehren, mit der wir sie bewerfen. Der Schnee spritzt durch die Luft, der Tennisstar hat seinen Spass. Zeit, um weitere Fragen einzuwerfen.

«Martina Hingis, Sie sehnen sich nach Abwechslung. Was ist denn die grösste Routine im Tennis?»
«Das ist schon das tägliche Training auf dem Tennisplatz oder im Kraftraum. Deshalb versuche ich auch dort Abwechslung reinzubringen. Indem ich in Australien am Strand joggen gehe oder mich dort stretche. Das ist ganz okay, hält aber dem Vergleich mit der Schönheit der Schweizer Berge nicht stand. Ich bin nicht so der Beachtyp. Ich geniesse es deshalb, dass ich mich hier mit Skifahren fit halten kann.»
«Erleben Sie gerade die beste Zeit Ihres Lebens?»
«Wie kommen Sie darauf?»
«Sie geniessen die schöne Tenniswelt mit all ihren Annehmlichkeiten. Gleichzeitig sind Sie als Doppelspielerin nicht mehr demselben Druck ausgesetzt wie früher.»
«Ja, ich habe es schön. Ich bin meine eigene Herrin und kann mein Leben so gestalten, wie ich es will. Und ich profitiere von meinen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Trotzdem möchte ich mich nicht festlegen. Ich habe viele gute Zeiten erlebt. Und ich bin sicher, dass noch weitere interessante Dinge anstehen. Ich freue mich auch auf die nächste Etappe in meinem Leben.»
Als Mutter?
Das bringt sie nun zum Lachen. «Ich habe gerne Kinder. Aber noch ist es nicht so weit.» Mehr will sie nicht dazu sagen, überhaupt wird sie bei privaten Themen eher einsilbig. Sie ist der Überzeugung, dass sich nicht alles bis ins letzte Detail planen lässt. «Ich habe sicher meine eigene Agenda, lasse mich aber vom Leben auch gerne immer wieder überraschen.»
Vor 23 Jahren gab sie mit 13 auf der Profitour ihr Debüt. Seitdem hat sie in ihrer Karriere zahlreiche Höhepunkte erlebt, aber auch Rückschläge durchgemacht. Was würde sie heute anders anpacken?
«Das ist schwierig zu beantworten. Denn das würde ja bedeuten, dass man etwas bedauert. Dafür aber gibt es keinen Grund. In jenem Moment war ich der Überzeugung, dass ich das Richtige tat. War es ein Fehler, gehörte diese Erfahrung zum Leben. Es ist doch normal, dass man Dinge tut, die sich später als Fehler herausstellen – gerade als Teenager.»
Was war Ihr Rezept, um die schwierigen Zeiten zu überstehen?

Der Blick nach vorne

Die Frage ist ihr zu negativ: «Können wir nicht über die schönen Seiten des Lebens reden?» Und antwortet dann trotzdem: «Ich bin ein positiver, optimistischer Mensch, der stets lieber nach vorne geschaut hat. Das hilft gerade in schwierigen Zeiten. Es ist wichtig, dass man das Leben geniessen kann. Schauen Sie sich um, diese wunderbare Aussicht hier oben. Das ist doch fantastisch, oder nicht? Da sind alle negativen Gedanken weit, weit weg. Wer alles zu negativ sieht, wird sehr schnell alt und bekommt vor Kummer Falten. Ich aber habe lieber Lachfalten.»
Die Fotos sind im Kasten. Martina Hingis will nun wieder auf die Ski. Und fährt in den nächsten zwei Stunden ohne Pause die Hänge rauf und runter. Schliesslich landen wir wieder in der Jatzhütte. Gross Hunger hat sie nicht nach der üppigen Fleischplatte von vorhin. Sie bestellt einen Salat mit Pouletstücken drauf – und bekommt ihn schon bald auf einem riesigen Teller serviert. Sie stöhnt auf. «Also ein bisschen muss auch ich auf meine Linie schauen.» Damit sie zum Saisonstart in Australien rechtzeitig in Form ist.

Die hohen Ziele

Im vergangenen Jahr räumte sie neben der Inderin Sania Mirza tüchtig ab, mit ihrer Landsfrau Timea Bacsinszky holte sie in Rio Olympia-Silber und mit ihrer neuen Partnerin Coco Vandeweghe aus den USA schaffte sie es am US Open in den Halbfinal. Was liegt in dieser Saison drin? Wird sie sich daran gewöhnen müssen, dass sie an den grossen Turnieren nicht mehr dieselben Erfolge feiern kann, weil Vandeweghe nicht so hoch einzuschätzen ist wie die erfahrene Doppelspezialistin Mirza?
Hingis denkt nicht daran, kleinere Brötchen zu backen. «Ich hatte immer hohe Ziele und werde mir auch dieses Mal vornehmen, möglichst oft ein Turnier zu gewinnen.»

Kaum hat sie den letzten Bissen ihres Salates gegessen, ist es mit der Ruhe vorbei. «Martina», spricht sie ein älterer Herr an, «ich habe Sie vor über 25 Jahren live spielen sehen, als Sie noch ein kleines Mädchen waren. Man hat schon damals gesehen, was Sie draufhaben.» Hingis bedankt sich. Kaum ist der Herr weg, sprechen sie zwei Asiatinnen an: «Miss Hingis, could we have a picture with you?» Sie können, genauso wie der Vater mit den zwei Buben, die von ihm über die grossen Taten der besten Schweizer Tennisspielerin aufgeklärt worden sind. Es bildet sich eine kleine Menschentraube um sie herum. Alle wollen mit ihr aufs Foto. Martina Hingis, die man meist nur im sommerlichen Dress sieht, in warmen Winterkleidern und mächtigen Skischuhen in einer Alp-hütte! «Das ist sensationell, dass wir Sie hier oben antreffen», freut sich ein Mittsechziger, «wo wir Sie doch gerade im Fernsehen bei Aeschbacher gesehen haben.»

Eine Viertelstunde später steht sie wieder auf den Ski und zeigt nochmals ihr Lachen: «Hat doch Spass gemacht, oder nicht?» In der Tat, das kann man gerne wiederholen. «Wo?», fragen wir sie. Sie überlegt einen kurzen Moment: «Auf dem Mond?»

209 Wochen lang die Nummer 1


Martina Hingis, hier im Alter von zehn Jahren, als das Racket fast grösser war als sie. Bereits drei Jahre später stieg sie in die Profitour ein.

Martina Hingis ist mit fünf Grand-Slam-Titeln im Einzel die erfolgreichste Schweizer Spielerin der Tennisgeschichte. Mit 16 gewann sie ihr erstes Turnier in Filderstadt, woran sie sich auch deshalb gerne erinnert, weil sie einen Porsche gewann. «Weil ich zu jung war, fuhr dann meine Mutter mit ihm herum.» Hingis war 209 Wochen lang die Nummer 1 der Welt, trat früh zurück, gab ihr Comeback, zog sich nach einer positiven Dopingprobe abermals zurück.
2013 die erfolgreiche Rückkehr als Doppel- und Mixedspielerin. Im Einzel trat sie nur noch am Fed Cup an. Diesen würde sie gerne gewinnen. «Wenn alle in Form sind, ist das möglich.» Der erste Schritt dazu müsste am 11. und 12. Februar erfolgen: Dann trifft die Schweiz in Genf auf den letztjährigen Finalisten Frankreich.

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Andreas W. Schmid

Redaktor

Foto:
Yannick Andrea, Keystone
Videos:
Patric Bärtschi
Veröffentlicht:
Montag 09.01.2017, 16:00 Uhr

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