Massenphänomen

In welche Richtung soll man schwimmen?

Sybil Schreiber: «Wusstest du, dass unsere Tochter als Einzige in ihrer Klasse noch kein Handy hat?» «Das glaube ich nicht.» In welcher Welt lebt mein Mann? «Das Kriterium ist hier nicht dein Glaube», antworte ich. «Deine Tochter ist in Sachen Handy eine Aussenseiterin.» Schneider schweigt.

«

In welcher Welt lebt mein Mann?»

Und ich erinnere mich: Dazugehören wollen – eine Sehnsucht, die zeitlos ist. Als ich Teenie war, trug halb München Latzhosen und fuhr auf Hollandrädern durch die Stadt. Wer keines hatte, war schlecht dran. Wie ich. Die anderen sahen lässig aus, ich schäbig. Meine Hosen waren zu kurz, was meine kreative Mutter löste, indem sie bunte Borten an den Saum nähte. Heute finde ich das gut, damals wars für mich beschämend. Ich fuhr ein altes Klapprad mit meterhoher Signalfahne. So sah man mich zwar auf der Strasse, für die Clique in meiner Schule war ich aber unsichtbar. Dabei wollte ich doch so sehr sein wie alle und im Team mitspielen. Zum Glück gabs unsere wunderbare Tante Lissy. Wenn sie aus Frankfurt zu uns zu Besuch kam, gingen wir einkaufen. «Weisst du, dank Tante Lissy hatte ich alles, was wichtig war», sage ich zu Schneider: «Ein Hollandrad, Latzhosen und das Beste: mehr Selbstbewusstsein.»

Steven Schneider: Die Handydebatte in unserer Familie ist langwierig. Schreiber will unserer Tochter eines kaufen, ich nicht. Nun nimmt die Diskussion eine neue Richtung: «Es ist einfacher, sich selbst zu finden, wenn man eine Weile mit dem Strom schwimmt», sagt Schreiber und erzählt von ihren eigenen Aussenseiter-Erlebnissen in der Jugend. Darauf kann ich nicht viel entgegnen. Unsere Grössere ist in der Pubertät, Sprüche wie: «Nur wer gegen den Strom schwimmt, kommt zur Quelle» zählen da nicht. Was zählt, sind Typenbezeichnungen wie «iPhone 5C». Ein Teenie will nicht anders, sondern gleich wie die anderen sein.

«

13-Jährige brauchen eine klare Linie.»

Kenne ich gut, dieses Gefühl. Und trotzdem, ich gebe nicht auf: «Und dann, wenn nächstes Jahr ein neues Smartphone auf dem Markt ist, das alle lässig finden, müssen wir dann auch mitziehen? Oder bei unförmigen Lammfellstiefeln, die hässlich, unpraktisch, sauteuer, aber voll cool sind: Müssen wir die dann auch kaufen, weil unsere Tochter womöglich die Einzige in der Klasse ist, die sie nicht hat?» Schreiber schweigt beleidigt. Ich gebe ihr die Antwort selber: «Nein. Denn 13-Jährige brauchen keine Statussymbole, sondern eine klare Linie.» Und die kann ich geben. Gratis.

 (Coopzeitung Nr. 20/2014)

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns einen Kommentar!

Kommentare (3)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 19.05.2014, 16:00 Uhr

Die neuesten Kommentare zu Schreiber vs. Schneider:

Mägert Andrea antwortet vor 2 Monaten
Die Kündigung
Hiermit Kündige ich meine Coop ... 
Miguel de Antony y Maura antwortet vor 2 Monaten
Der längste Tag
Wie schon oft irrt sich Frau S ... 
Die Kroatin antwortet vor 2 Monaten
Schweizer Hymnen
Numme e so näbebii... die kroa ... 

Weiterempfehlen:

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:


Finde uns auf Facebook:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?