Inspiriert vom Basler Musikclub Atlantis, schuf Matthias Müller mit der Baloise Session eines der bestbesetzten Musikfestivals der Schweiz.

Matthias Müller: «Ich bin ein Fan von Gegensätzen»

Matthias Müller, Mitgründer und Präsident des Musikfestivals Baloise Session, über das Sitzen an einem Konzert, seine Hartnäckigkeit und konstruktive Streitereien. 

Coopzeitung:  Die ehemalige Avo Session heisst neu Baloise Session. Was hat sich sonst noch verändert am Musikfestival?
Matthias Müller:  Inhaltlich nichts. Das neue bleibt das alte Festival. Neu ist hingegen die Location, die frisch eröffnete «Event Halle» der Messe Basel, die von den Architekten Herzog und de Meuron sehr emotional gestaltet wurde. Darauf freue ich mich schon sehr. Jetzt haben wir auch genügend Platz zur Verfügung, sodass alle Gäste unser Clubtischchen-Feeling erleben können.

Diese Clubtische, an denen man während den Konzerten sitzt, sind ein Markenzeichen Ihres Festivals. Woher kam die Idee?
Vorbild war der Basler Musikclub Atlantis. Da sass ich früher an vier von sieben Abenden und habe die Intimität schätzen gelernt, die durch dieses Konzept entsteht: Man konnte gemütlich am Tisch sitzen, etwas trinken, gut nach vorne auf die Bühne sehen – es war fast, als wäre man in seinem Wohnzimmer. Als dann 1997 Schluss war mit der Live-Musik im Atlantis, wirkte das wie ein Weckruf. Wir haben uns gedacht, jetzt probieren wir es einfach mit den Tischen. Auch wenn man so weniger Zuschauer im Raum hat und auf viele Einnahmen verzichtet. Im Nachhinein war es aber die richtige Entscheidung. Denn dafür sind wir nicht nur bei den Agenten bekannt. Auch die Künstler und das Publikum schätzen diese intime Atmosphäre.

Dämpft es nicht die Stimmung, wenn man an einem Konzert sitzen muss?
Meiner Meinung nach werden Zuschauer nicht emotionaler, nur weil sie stehen. Wenn sie an einem Tisch sitzen, einander nach einem guten Solo zulachen und zuprosten können und sich der Exklusivität bewusst werden, die sie hier geliefert bekommen, steigert das die Freude.

Ihr erstes Festival haben Sie 1982 organisiert, mit 17.
Ja, da war ich noch jung. Das war zusammen mit meinem damaligen Lehrmeister Enrico Bonometti und unserem Freund Stefan Werthmüller. Wir liebten die Musik und wollten in Basel mehr Konzerte erleben. So fingen wir an. Und nach drei völlig verschifften Open Airs beschlossen wir, nur noch Indoors zu veranstalten. Die erste Session lancierten wir 1986.

Machen Sie selbst auch Musik?
Ich habe mal Flöte und später Piccolo gespielt, aber das zählt nicht. Ich musste merken, dass meine Qualitäten nicht im Musikalischen liegen, sondern mehr im Organisieren und Ermöglichen.

Sie sind mehr der Denker …
Ich würde sagen: Begeisterer und Stehaufmännchen. Auch nach der zehnten Absage eines Künstlers gebe ich nicht auf und bleibe dran.

Welcher Künstler sagt denn zehnmal ab?
Von Gloria Estefan habe ich 1998 die erste Absage gekriegt. Dieses Schreiben habe ich immer noch, und ich werde es ihr zeigen, sobald sie da ist.

Gehört das Booking zu Ihren Hauptaufgaben?
Ja, das Programm steht im Zentrum und es ist das, was mir am meisten Freude bereitet. Zudem kümmere ich mich um die Beziehungen mit den Booking-Agenturen. Für Agenten sind die Personen hinter einem Festival entscheidend. Als wir den Namenswechsel ankündigten, wollten die nur wissen, ob noch das gleiche Team dahintersteht und ob wir es in der gleichen Qualität organisieren können. Würde ein Manager oder Künstler auch nur ein-, zweimal schlechte Erfahrungen mit uns machen, wäre unser guter Ruf, den wir in 28 Jahren aufgebaut haben, blitzartig dahin.

«

Ich brauche keine Claqueure, die mir nach dem Mund reden.»

Worauf achten Sie bei der Programmation?
Darauf, eine schöne Palette vorzustellen und den Leuten etwas zum Entdecken zu geben. Ausserdem bin ich ein grosser Fan von Gegensätzen. Pro Abend treten jeweils zwei Acts auf. Wir kombinieren gerne alte und junge Künstler oder solche mit unterschiedlichen politischen Ansichten wie zum Beispiel den linkspolitischen Steve Earle und den Republikaner-Unterstützer Toby Keith. Oder Kevin Costner und Jane Birkin, die zwar völlig andere Musik präsentieren, aber beide auch als Regisseure und Schauspieler arbeiten. Das gibt tolle Geschichten.

Sind die verschiedenen Acts auch schon spontan zusammen aufgetreten?
Ja, das ist schon vorgekommen, aber es muss von alleine passieren. Früher habe ich probiert, dies zu fördern. Das war ein klassischer Anfängerfehler – es war sogar dumm! Die Künstler sind doch die Kreativen, nicht wir! Wir können den Steilpass vors Tor geben, das Goal schiessen müssen sie selbst.

Wie halten Sie sich punkto Musikgeschäft eigentlich auf dem Laufenden?
Ich bin ein Medienjunkie und habe stapelweise Musikheftchen abonniert. Die Artikel archivieren wir jahrzehntelang, damit wir jederzeit wissen, was lief, und so auch den Marktwerk eines Künstlers abschätzen können.

Tönt nach viel Arbeit.
Eine Heidenarbeit ist das! Darum habe ich zehn feste Mitarbeiter, die das ganze Jahr lang mit mir chrampfen, mich aber auch hinterfragen. Das empfinde ich als sehr wichtig. Daher stelle ich gerne Leute ein, die anders sind als ich – keine Claqueure, die mir nach dem Mund reden, sondern sich konstruktiv mit mir streiten. Allen voran meine CEO, Beatrice Stirnimann, die mir nötigenfalls neun von zehn Mal widerspricht.

Und wie schalten Sie ab?
Ich pflege ein aktives Familienleben fern von Stars. Das erdet mich. Daneben tauche ich gerne, liebe die Leichtigkeit, die man dabei verspürt. Zudem muss sogar ein sehr kommunikativer Mensch wie ich unter Wasser schweigen. Vielleicht sind die anderen froh drum … (lacht)

Matthias Müller

Geboren: 20.10.1964
Beruf: Präsident Baloise Session
Zivilstand: verheiratet, zwei Kinder
Wohnort: Münchenstein BL, während den Sommerferien Vico Morcote TI
Laufbahn: Ausbildung zum diplomierten Marketingplaner, Betriebsökonom FH, Mitgründer der Baloise Session
Aktuell: Baloise Session 2013 vom 25. Oktober bis 14. November

Mehr Infos zur Baloise Session

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
„Das Schweigen der Tukane“ von Anne Gold.

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld?
Eben, Kommissar Ferrari. 

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit?
Richard Gere.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen?
„Der Gott des Gemetzels“ von Roman Polanski.

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Den irischen Musikfilm „The Commitments“.

Ihr Lieblings-Filmheld?
Kevin Costner.

Was für Musik hören Sie gerade?
Iyeoka, eine phantastische Stimme.

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
„In Between Dreams„ von Jack Johnson.

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Wenn’s eine Dame sein darf, Shania Twain.

Was kochen Sie selbst?
Penne all‘arrabbiata.

Ihre Lieblingsspeise?
Brasato con Polenta in einem Tessiner Grotto.

Ihr Lieblingsgetränk?
„Servagnin“ von Henri Cruchon, Morges.

Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit Family and Friends.

Und wo essen Sie am liebsten?
Draussen.

Mac oder PC?
Definitiv PC.

Auto oder Zug?
Im Zug von City to City; per Range Rover ins Grüne.

Wein oder Bier?
Rotwein bitte

Pasta oder Fondue?
Bei diesem Wetter jetzt wieder Fondue.

Joggen oder Walken?
Joggen.

Berge oder Meer?
Ich tauche also Meer.

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Das passiert mir bei rührenden Szenen immer öfters.

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Wenn ich mich mit Freunden an alte Zeiten erinnere…

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Eine Katze in unserer Familie.

Wovon träumen Sie?
Coldplay @ Baloise Session.

Was ist für Sie das grösste Glück?
Den Beruf auszuüben, den ich mir bereits als Teenager wünschte.

Diese 25 Fragen haben wir auch anderen prominenten Persönlichkeiten gestellt. Lesen Sie, was diese geantwortet haben!

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Michaela Schlegel

Redaktorin

Foto:
Dominik Plüss
Veröffentlicht:
Montag 07.10.2013, 19:52 Uhr

Mehr zum Thema:



Weiterempfehlen:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?