Seine Malven haben Zürichs Stadtbild geprägt: Maurice Maggi beim Ernten der Samen.

Maurice Maggi: «Ich bin voll und ganz Stadtmensch»

Subversiv Statt Sprühdosen braucht er für seine Graffiti bloss einige Blumensamen. Das Erscheinungsbild Zürichs prägte er so von unten – nachhaltig.

Seit mehr als 30 Jahren setzt er sich für ein schöneres Zürich ein. Jeden Sommer erfreuen sich die Passanten an seinen Malven, die rings um die Stadtbäume blühen. Inzwischen hat Maurice Maggi (60), der heute als Koch arbeitet, auch eine Sammlung von Rezepten mit städtischen Wildpflanzen veröffentlicht.

Wie kam es dazu, dass Sie Zürichs erster Guerilla-Gärtner wurden?
Ich mag diesen Begriff nicht. Ich nenne meine Aktionen Blumengraffiti: Das klingt sympathischer. Als gelernter Landschaftsgärtner wollte ich meinen Protest gegen die zwinglianische Ordnung mit etwas ausdrücken, womit ich mich auskannte: mit Blumen. Man verführt die Leute mit der Schönheit und erst später fällt ihnen auf, dass das eigentlich illegal ist.

Sind Ihre Aktionen wirklich noch illegal?
Heute sind sie mehr Poesie als Protest. Doch als ich in den 1980er-Jahren anfing, durfte in Zürich um die Bäume herum nichts wachsen. Jeden Juni wurde alles durch Jäten oder Herbizide braun gepflegt. Da dachte ich mir: Wenn ich Malven aussäe, sind sie im Juni schon einen Meter hoch und blühen. Ob sie der Gärtner dann auch ausjäten wird? Tatsächlich haben sie einiges stehen lassen. Erst später erfuhr ich, dass viele Leute sich bei Grün Stadt Zürich für diese Aktion bedankt hatten. Und so fing man an, die strenge Pflegeordnung zu lockern.

Warum sind Sie nicht den offiziellen Weg gegangen?
Das wäre ein zu langer Prozess gewesen, mich durch alle Ämter durchzubeissen. Irgendwann wäre mir die Energie ausgegangen. Durch meine Aktionen konnte ich mehr Einfluss nehmen. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf unbeachtete Orte und regen dazu an, die bestehende Ordnung zu hinterfragen.

 
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Immer dabei: Samen von rund 50 einheimischen Blumen und Erntemesser.

Immer dabei: Samen von rund 50 einheimischen Blumen und Erntemesser.
Immer dabei: Samen von rund 50 einheimischen Blumen und Erntemesser.

Wieso ist es Ihnen wichtig, die Natur in die Stadt zu bringen?
Selbst ein kleines Stück Grün verändert das Mikroklima und schafft Lebensraum für Schmetterlinge, Wespen und Wildbienen. Ich behaupte auch, dass es verkehrsberuhigend wirkt. Die meisten Menschen mögen Blumen und freuen sich darüber. Ausserdem kann man vieles, was in der Stadt wächst, verwenden: als Tee, Heilkräuter oder zum Essen.

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Meine Aktionen regen dazu an, die bestehende Ordnung zu hinterfragen.»

Davon handelt Ihr Buch «Essbare Stadt». Wie kamen Sie auf die Idee?
Das Thema lag auf der Hand, da es die Gärtneraktionen mit meinem Beruf als Koch vereinte. Und es wird in Zukunft immer wichtiger: Bis 2050 sollen 80 Prozent aller Menschen in Städten leben.

Was kann man denn in der Stadt essen?
Unglaublich viel! Die Artenvielfalt ist grösser als auf dem Land, da es hier keine Monokulturen gibt. Vieles von meiner Samenmischung ist essbar: Johanniskraut, Wegwarte, wilde Rüebli. Auch junge Lindenblätter sind eine Delikatesse: Man kann sie wie Spinat kochen oder in den Salat tun.

In dieser Pfanne sind viele seiner Rezepte entstanden.

In dieser Pfanne sind viele seiner Rezepte entstanden.
In dieser Pfanne sind viele seiner Rezepte entstanden.

Man sollte meinen, Naturfreunde wie Sie lebten lieber auf dem Land.
Es gibt Land- und Stadtmenschen – ich bin voll und ganz Stadtmensch. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich in Zürich verbracht, doch ich bin auch viel gereist. Basel, München, Berlin und New York sind einige der Städte, in denen ich Blumenspuren hinterlassen habe.

Waren Sie nie versucht, auszuwandern?
Am liebsten wäre ich in New York geblieben. Dort habe ich vier Jahre lang gelebt und gearbeitet. In der Freizeit nahm ich oft die Subway bis zur Endstation und lief zu Fuss nach Manhattan zurück. Am Ende hatte ich Ortskenntnisse wie ein Taxichauffeur. Auch die Staatskundeprüfung hatte ich schon bestanden, aber aus gesundheitlichen Gründen musste ich zurück nach Zürich.

Wildwuchs auf dem Teller – Rezepte mit Pflanzen aus der Stadt.

Wildwuchs auf dem Teller – Rezepte mit Pflanzen aus der Stadt.
Wildwuchs auf dem Teller – Rezepte mit Pflanzen aus der Stadt.

Dort leben Sie nun seit über 50 Jahren – wie hat sich die Stadt gewandelt?
Die Einwanderer aus Italien haben viel verändert. In den 1970er-Jahren gab es in ganz Zürich vielleicht drei Cafés, wo man draussen sitzen konnte. Die Rasenflächen in den Pärken hatten «Betreten verboten»-Schilder. So etwas kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Die Zürcher haben die Italianità adoptiert. Das hat das Stadtleben sehr zum Positiven gewandelt, die Kleidung, das Essen, den gesamten Lebensstil.

Was würden Sie noch daran ändern?
Ich würde die ganze Stadt begrünen und lieblicher machen. Würde man beim Trottoir einen Streifen von nur 10 Zentimetern für Spontanvegetation freilassen, hätten wir eine zusätzliche Grünfläche von der Grösse der Josefswiese. Auch Fassaden und Dächer lassen sich begrünen. Und an jeder Strassenlaterne könnte eine Kletterpflanze wachsen.

Und was empfehlen Sie denjenigen, die ihre eigene Stadt etwas grüner machen möchten?
Mit dem Ansäen von Pflanzen lässt sich sehr viel verändern. Das kann jeder machen – das ganze Jahr über, solange der Boden nicht gefroren ist. Jede unversiegelte Fläche eignet sich zum Bepflanzen. Viele Pflanzen wachsen sogar im Kies. Am besten ist es aber, wenn Bäume gerade neu gepflanzt wurden: Dann ist das Substrat noch locker und die Blumen haben keine Konkurrenz.

Vier Daten im Leben von Maurice Maggi

1963 Mit acht zieht er von Rom zurück in die Heimatstadt Zürich.

1980 Er kommt auf die Idee, Protest «durch die Blume» auszudrücken.

1997 Für vier Jahre geht er nach New York – die «Mutter aller Städte», wie er sagt.

2004 In der Galerie Message Salon bekennt er sich zu den «Blumengraffiti».

Mehr über Maurice Maggi auf seiner Homepage »

Kurzporträt

Porträt des Basler Dokumentarfilmers Roland Achini, Teil 1

Website: cinemachini

Porträt des Basler Dokumentarfilmers Roland Achini, Teil 2

«Zürich isst» mit Maurice Maggi

Im September 2015 steht Zürich im Zeichen von Ernährung, Umwelt und Genuss: «Zürich isst» bietet mit vielfältigen Veranstaltungen die Gelegenheit, sich genussvoll und kritisch mit Fragen einer nachhaltigen Ernährung auseinanderzusetzen.

Mit dabei ist auch Maurice Maggi, der Interessenten einlädt, ihn auf einem Streifzug durch die «Essbare Stadt» zu begleiten und die gefundenen Wildpflanzen gemeinsam zu einem feinen Essen zu verarbeiten.

Zürich isst »

Porträt auf Servus-TV

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Interview: Anna Ettlin



Foto:
Raja Läubli, zVg
Veröffentlicht:
Montag 31.08.2015, 17:01 Uhr

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