Mit Preisen hochdekoriert: Max Sieber zu Hause in seinem Büro.

Max Sieber: «Sting wollte nur einen Apfel»

Max Sieber (75) hat die Schweizer Unterhaltungslandschaft geprägt wie kaum ein Zweiter. Nun blickt der Star-Regisseur in einem Buch auf 40 Jahre Fernsehgeschichte zurück – und nach vorne.

Max Sieber, was haben Sie am vergangenen Samstagabend im Fernsehen geschaut?
Ich schaue nicht mehr oft fern. Aber ich interessiere mich dafür, was läuft. Wenn eine neue Sendung ausgestrahlt wird, zappe ich rein. Aber dass ich eine ganze Sendung schaue, kommt weniger vor. Das ist nicht abwertend gemeint. Aber mit der Zeit entsteht eine gewisse Distanz.

Und wenn Sie etwas schauen…
… dann konzentriere ich mich darauf, wie es herüberkommt. Entscheidend ist: Kommt der Inhalt rüber – und die Geschichte? Kommen die Emotionen rüber? Mitte Januar zeigte das Schweizer Fernsehen die «Jass-Show» aus Interlaken mit Roman Kilchsperger als Moderator. Dort wurden positive Emotionen geweckt. Gölä sang mit Andrea Berg ein Duett – und plötzlich hatte Berg Tränen in den Augen. Niemand wusste, weswegen – und es wurde auch nicht erklärt. Aber es stimmte, weil die Gefühle echt waren.

Kann man Gefühle inszenieren?
Nein. Man kann versuchen, sie zu initiieren – aber inszenieren geht nicht. Wenn man weiss, wo man jemanden berührt, kann man es in einem gewissen Rahmen machen. Aber nur limitiert.

«Wetten dass…?», «Verstehen Sie Spass», «Benissimo» – die grossen Samstagabend-Kisten sind verschwunden oder zur Marginalie reduziert. Weshalb hat es keinen Platz mehr für aufwändige Produktionen?
Seit zwanzig Jahren spricht man davon, dass die grossen Kisten verschwinden. Aber dieser Prozess verzögerte sich. Nun aber geht es diesen Shows definitv an den Kragen. Die Programmierung von sechs Sendungen pro Jahr funktioniert nicht mehr. Man hat zu grosse Konkurrenz, zu viele Reize – die ganze Szene ist zu laut geworden. Würde man heute «Benissimo» lancieren, die Sendung hätte es schwer. Was noch funktioniert, ist «Happy Day». Diese Sendung hat einen gewissen Ereignischarakter. Für meinen Geschmack wird in diesem Format zu stark auf die Tränendrüse gedrückt. Jeder zweite Gast leidet an einer schweren Krankheit. Ich finde das übertrieben.

Früher plante man das ganze Wochenende um die Samstagabend-Sendungen. Am Montag danach waren Shows wie «Wetten dass…?» das grosse Thema in den Medien. Das ist heute undenkbar…
… in dieser Beziehung hat das Fernsehen seine Bedeutung verloren. Heute ist es ein Begleitmedium.

Wohin geht der Weg? Zu weiteren Casting-Formaten?
Nein. Die sind rückläufig. Grundsätzlich ist die Fernsehunterhaltung erfunden – Neues ist schwer zu kreieren. Es geht darum, neue Kombinationen zu finden. Und es geht um das Einkaufen von ausländischen Formaten – was traurig ist. Denn es führt dazu, dass allmählich auf allen Sendern dasselbe läuft. Als ich noch Unterhaltungschef beim Schweizer Fernsehen war, diskutierten wir, ob wir «Wer wird Millionär?» in der Schweiz lancieren sollen? Ich war dagegen – vielleicht war es ein Fehler. Aber die Einführung dieser Sendung in der Schweiz hätte dazu geführt, dass man unseren Moderator mit Günther Jauch verglichen hätte. Ich fand das unnötig. Das war aber zu einer Zeit, als wir noch selber neue Formate entwickeln konnten.

Funktionieren deutsche Formate automatisch auch in der Schweiz?
Meistens schon. Die Casting-Formate funktionierten beispielsweise gut. Aber man muss sie immer auch dem Schweizer Markt anpassen.

«Als Geschichtenerzählerin muss ich in die Tiefe graben. Wie Maulwürfe.»

«Als Geschichtenerzählerin muss ich in die Tiefe graben. Wie Maulwürfe.»
http://www.coopzeitung.ch/Max+Sieber_+_Sting+wollte+nur+einen+Apfel_ «Als Geschichtenerzählerin muss ich in die Tiefe graben. Wie Maulwürfe.»

Wie ist es eigentlich mit den Emotionen in sogenannten Reality-Shows. Wie oft sind diese inszeniert?
(Lacht.) Nur ungefähr zu 90 Prozent. Die Bachelor-Geschichten beispielsweise – das ist alles inszeniert. Oft wird auch in der Nachbetrachtung inszeniert – immer mehr auch bei der versteckten Kamera. Früher funktionierte das nicht – vor allem nicht bei Gags mit Prominenten. Das lässt sich nicht konstruieren.

Inszenieren muss man nur, wenn der Film schlecht ist…
… oder wenn man nicht gewünschten Effekt erzielt hat. Manchmal muss man eine Szene nachstellen, damit sie fürs Publikum nachvollziehbar wird.

Blicken wir in die Schweiz. Irgendwie besteht das Gefühl, bei SRF gibt es nur Sven Epiney, Nik Hartmann und Roman Kilchsperger. Ist die Fernsehlandschaft am Ausdürren?
Ich glaube, eine gewisse Konzentration der Kräfte hat es immer gegeben. Früher gab es neben Kurt Felix auch nicht viele andere. Der Kreis war kaum grösser. Eine Zeit lang hatten wir ein Frauenproblem. Doch nun hat sich Viola Tami auf hohem Niveau etabliert. Kiki Mäder ist auf dem Weg dazu. Und auch Sandra Studer ist immer noch da. Ich denke, die Breite der Auswahl ist grösser geworden.

Was macht für Sie den perfekten Moderator aus?
Er muss zu seinem Publikum passen. Es gibt Moderatoren, die müssen eher über die Wiese laufen, als im Smoking die Showtreppe hinuntertanzen.

Nik Hartmann ist ganz klar ein Mann für die Wiese.
Ich glaube, er wäre auch im Smoking zu Hause. Es ist jedoch ziemlich schwierig, wenn man einmal ein Image trägt. Aber zurück zum idealen Moderator: Er muss intelligent, schnell und beweglich sein.

Wer ist dies in der Schweiz?
Kilchsperger und Epiney sind es beispielsweise. Wichtig ist auch die Teamfähigkeit eines Moderators: Kurt Felix und Bernard Thurnheer waren in dieser Beziehung überragende Figuren.

Die kamen aus zwei komplett unterschiedlichen Richtungen…
… aber sie waren immer authentisch und moderierten nur Sendungen, die sie selber auch geschaut hätten. Das ist entscheidend für die Glaubwürdigkeit eines Moderators.

Ihr Buch «Hits, Flops und die schönsten Kräche» ist seit zwei Wochen im Buchhandel. Welches waren die grössten Hits?
Die Samstagabend-Shows: Von «Teleboy» bis «Benissimo». Das waren Höhepunkte. Bei den Einzelproduktionen kommt mir spontan der Slapstick-Film «Hotel» aus dem Jahr 1981 mit Rolf Knie und Gaston Häni in den Sinn. Der lief in 28 Ländern – und er ist auch heute noch zeitgemäss.

Und welches waren die grössten Flops?
Es gab ein paar kleine Flops, die man nicht so bemerkte. Und da war einmal eine Comedy-Serie ebenfalls mit Rolf Knie, die wir für den Südwestfunk produzierten. Sie wurde nach zwei Folgen abgesetzt – still, leise und zu Recht. So war das gar nie ein grosses Thema. Den Namen der Serie habe ich verdrängt. (Lacht.)

Und mit wem führten Sie den schönsten Krach?
Krach ist immer relativ. Aber Rudi Carrell war ein grosser Egomane, der seine Machtspiele auch auf kleiner Bühne inszenierte. So legte er Wert darauf, auf einem höheren Stuhl zu sitzen als der Regisseur. Oder er weigerte sich bei einem Elefantenritt Handschuhe anzuziehen – bis er mit blutigen Händen zurückkam und eingestehen musste, dass Elefantenhaut verdammt rau ist. Danach zog er die Handschuhe sehr gerne an. Rudi war auch der grösste Ideen-Dieb. Viele seiner Shows waren geklaut: «Am laufenden Band» oder «Lass dich überraschen». Er stand zu hundert Prozent dazu.

Mit wem war es auch schwierig?
Wenn jemand ein Affentheater machte – etwa Anastacia, die ihren neuen unfähigen Manager zur Probe schickte. Dieser wollte ein anderes Bühnenbild. Kurz vor ihrem Auftritt weigerte sie sich auch noch, das vereinbarte Lied zu singen, weil es nicht zu ihrem Kleid passe. Darauf griffen wir zu einem Trick. Als die Bühne vorbereitet war und Anastacia hinter dem Vorhang stand, stiessen wir sie sanft auf die Bühne und öffneten schon mal den Vorhang, damit sie nicht mehr zurückkonnte. Und siehe da: Sie sang das Lied, das wir wollten.

Sie sagen, dass Rudi Carrell Ideen geklaut hat. Sie selber haben keine Idee geklaut?
Doch, natürlich. Gute Ideen darf man immer übernehmen. Die letzte Sendung, die wir praktisch von Grund auf neu konzipiert haben, war «Teleboy». Dort übernahmen wir nur die versteckte Kamera.

Sind die grossen Stars die schwierigsten Kunden?
Nein. Im Gegenteil. Sting kam alleine mit seiner Gitarre. In der Garderobe wollte er einen Apfel – sein einziger Extrawunsch. Oder Lenny Kravitz: Er galt als exzentrisch, war aber völlig normal. Nach seinem Auftritt fragte er die Crew hinter der Bühne, ob er noch mehr spielen solle? Und gab dann ein halbstündiges Privatkonzert. Es gab aber auch blöde Geschichten. Zum Beispiel mit Zucchero. Er schritt auf die Bühne, schaute sich um, kehrte in die Garderobe zurück und wollte nicht singen. Es stellte sich heraus, dass er sich über eine Italien-Flagge aufregte, die zur Hälfte auf dem Boden lag. Wir behoben dieses Malheur – und Zucchero sang. Seine Musiker liessen später auch noch eine ausgeliehene Gitarre mitlaufen. Drei Tage später traf ein Entschuldigungsschreiben von Zucchero ein. Ein Jahr später trat er wieder bei uns auf und war freundlich und sehr zuvorkommend.

Mit Dieter Bohlen hatten Sie es nicht sonderlich gut…
… das war bei der kurzfristigen Wiedervereinigung von «Modern Talking». Bohlen schimpfte hinter der Bühne wie ein Rohrspatz. Unsere Aufnahmeleiterin wollte ihn auf die Bühne begleiten – da herrschte er sie an: «Fassen Sie mich nicht an!» Auf der Bühne passte ihm ebenfalls nichts. Letztlich stellte sich heraus, dass Bohlen einmal mehr Krach mit seinem Partner Thomas Anders hatte. Aber das war rückblickend nur eine Randnotiz. Bohlen hat mich vergessen – und ich habe Bohlen vergessen.

Aber Bohlen ist ein Phänomen…
…. und ein hervorragender Produzent. Er weiss, was das Publikum will und kann einem Künstler oder einer Künstlerin zu einer Weltkarriere verhelfen. Nehmen wir Vanessa Mai. Die machte er aus dem Nichts zum Superstar. Über seine persönlichen Umgangsformen kann man sich sicher streiten. Die muss er selber verantworten.

Ihre Tochter Cristina will sich als Schlagersängerin im Showgeschäft etablieren. Haben Sie keine Bedenken?
Nein, überhaupt nicht. Cristina ist sozusagen im Showbusiness aufgewachsen. Mit zwei Jahren krabbelte sie schon im «Benissimo»-Studio umher. Sie begegnete Grössen wie Eros Ramazzotti oder Phil Collins auf ganz natürliche Weise. Einmal war die Band Gotthard in einer Show – als ich in den Backstage-Bereich kam, sass Cristina auf einer Kiste und sang zusammen mit Steve Lee «Heaven». Sie kennt das Geschäft. Deshalb bin ich absolut sorglos.

Sie waren viel unterwegs. War die ständige Reiserei manchmal eine Belastung?
Erst als Cristina vor 25 Jahren auf die Welt kam. Da stellten sich auch ganz neue Ängste ein. Ich verzichtete plötzlich darauf, in einem Helikopter mitzufliegen. Letztlich zog ich mich aus dem deutschen Fernsehen zurück. Ich wollte mehr Zeit zuhause verbringen.

Sie haben 40 Jahre Fernsehunterhaltung geprägt. Wie sieht die Fernsehlandschaft im Jahre 2058 aus?
40 Jahre sind etwas gar weit weg. Ich kann höchstens für einen Zeitraum von 20 Jahren sprechen – und da denke ich, dass es irgendwann das lineare Fernsehen mit fixen Zeiten für die einzelnen Sendegefässe nur noch marginal geben wird. Steven Spielberg sagte schon vor 15 Jahren das Ende der grossen Showkisten voraus. Das Fernsehen bleibt ein Transportmittel für Unterhaltung, aber es steht in Konkurrenz mit Netflix, den sozialen Netzwerken und den Smartphones. Der Trend geht dahin, dass wir uns die Inhalte selber zusammenstellen und den Moment des Konsums unabhängig von Sendezeiten wählen. Die Ausnahme bleiben Sportübertragungen: Diese Ereignisse will man live sehen. Den Spielfilm dagegen will ich sehen, wenn ich fertig bin mit dem Essen. Das Fernsehen muss seine Strukturen an die mediale Gegenwart anpassen.

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Andreas W. Schmid

Redaktor

Text:
Thomas Renggli
Foto:
Christoph Kaminski, SF DRS
Veröffentlicht:
Montag 26.02.2018, 10:00 Uhr

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