Memento mori

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Schneider: Ich habe ein Wochenende mit meinem Vater verbracht. Es war schön. Und traurig. Er ist seit knapp einem Jahr Witwer.

Liebesgeschichten haben tausendfach einen Beginn, der kunstvoll besungen, beschrieben, verfilmt wird. Doch das Ende, das nach zwanzig, dreissig oder fünfzig Jahren von einem Tag auf den andern kommen kann, darüber singt kaum jemand, oder wenn, dann hört man nicht gern hin. Denn es geht um Schmerz und Verlust, um Leere und Sinnlosigkeit.

«

Über das Ende singt kaum jemand.»

Es heisst, wir sollten in der Gegenwart leben, nicht in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit. Erinnerungen aber sind wertvoll, und eine grosse Liebe besteht aus vielen gemeinsamen Erinnerungen an Schönes, ebenso auch an gemeinsam gemeisterte Krisen und Katastrophen. Vielleicht ist es aber genauso wichtig, an die Zukunft der Liebe zu denken. An die Zeit, in welcher der andere weg ist und auch nicht zurückkommen wird.

Denke ich meine Liebesgeschichte vom Ende her, dass nämlich einer von uns beiden alleine zurückbleibt, erheitert mich das nicht. Aber es macht mir die Gegenwart nicht nur bewusster, sondern auch wertvoller. Das fällt mir ein, als ich nach diesem Wochenende zurückkomme und durch die Türe in mein Zuhause eintrete.

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Schreiber: Was für ein Hallo! Schneider war drei Tage mit seinem Vater unterwegs, jetzt herrscht in unserer Küche Geschnatter, Gelächter, Geplauder. Schneider packt Mitbringsel für unsere Töchter aus – und auch wenn ich dabei leer ausgehe, ich freu mich trotzdem, während ich mir tapfer lächelnd das Kreuz halte. Hexenschuss, schon den ganzen Tag.

Später liege ich im Bett auf dem Bauch, Schneider cremt mir den Rücken mit einer Spezialsalbe ein. «Einen schönen Rücken hast du», sagt er.

«Ah, ja? Kennst ihn ja schon eine Weile. Fällt dir das erst jetzt auf?»

«Nein. Es fällt mir nur wieder mal ein. Und ich dachte, ich sag es dir eben mal wieder. Einfach so.»

«

Seine Nähe tut mir gut. Das ist, was zählt.»

Ach, das ist aber schön, denke ich, während er salbt, als könnte er mir den Schmerz wegmassieren. Mir scheint, er sei etwas gedankenverloren, denn er kreist nun schon lange an derselben Stelle. «Du kannst ruhig den Tatort gucken gehen, gell?», sage ich, «musst nicht noch länger machen.»

«Ja, gleich», antwortet er und reibt schweigend weiter. Das ist besser als jedes Mitbringsel. Da sagt er: «Ich schau mir eben das Ganze von hinten her an.»

Meinen Rücken? Den Tatort? Ich verstehe kein Wort. Doch seine Nähe tut mir gut. Und das ist, was zählt.

Lesungen mit den Kolumnisten und ihrem Programm «Mein Leben als Paar»: 2. November 2017 Unterengstringen AG; 15. November 2017 Thalwil ZH. Infos auf der Website von Schreiber und Schneider.

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 30.10.2017, 14:47 Uhr

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