Übersicht: Regisseur Micha Lewinsky in seinem Dachgarten mit Blick auf Zürich.

Micha Lewinsky: «Tun wir etwas oder schauen wir weg?»

Stark Seine ersten Filme waren an Festivals ebenso erfolgreich wie im Kino. Dort läuft nun «Nichts passiert». Das lange Warten hat sich gelohnt.

Sein Regiedebüt «Der Freund» wurde 2008 mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet, der Publikumserfolg «Die Standesbeamtin» 2009 mit dem Zürcher Filmpreis. Nun hat Micha Lewinsky (43) eine beeindruckende Geschichte verfilmt, in der es um Verantwortung geht.

Es hat recht lange gedauert, bis Sie Ihren dritten Film machen konnten – warum?
Ich habe inzwischen zwei Kinder «gemacht» und war in ganz viele Projekte involviert, die teils noch in Arbeit sind oder aus denen nichts wurde.

Standen Ihnen nach all den Preisen und dem Kinoerfolg nicht alle Türen offen?
Falls ich mich nach «Die Standesbeamtin» hätte wiederholen wollen, hätte ich in Deutschland einige fast identische Komödien drehen können. Damals zog es mich jedoch in eine andere Richtung. Ausserdem habe ich den letzten Jahren gemerkt, dass ich bei mir sein muss, wenn ich kreativ sein will. Wenn ich mich zu sehr auf fremde Bedürfnisse ausrichte, klappt es nicht.

Weshalb ist «Nichts passiert» ein derart starker Film geworden?
Mein Produzent HC Vogel hat mir Vertrauen geschenkt und wir kamen mit einem relativ bescheidenen Budget aus – so konnte ich das Drehbuch verfilmen, wie ich es mir vorgestellt hatte und musste nicht wegen der Wünsche anderer Geldgeber Kompromisse eingehen.

Er spielt zur Entspannung Gitarre …

Er spielt zur Entspannung Gitarre …
Er spielt zur Entspannung Gitarre …

Warum haben Sie überwiegend mit deutschen Schauspielern gedreht, obwohl der Film in Graubünden handelt?
Auch in der Schweiz gibt es tolle Schauspieler, und einige von ihnen haben mitgewirkt, aber die Auswahl an verschiedenen Gesichtern ist auf diesem Niveau in Deutschland natürlich viel grösser.

Wie konnten Sie Devid Striesow für die Hauptrolle gewinnen?
Ihm gefielen meine ersten Filme, die ich ihm geschickt hatte, als er für die Hauptrolle in einem deutschen Kinofilm vorgesehen war. Da dieses Projekt nicht klappte, war ich ein wenig verzweifelt, wollte ihm das aber nicht zeigen. So sagte ich einfach: «Hey, ich hätte da was Tolles für dich!» Dann schickte ich ihm einen vierseitigen Entwurf. Der gefiel ihm, und dann schrieb ich ihm das Drehbuch auf den Leib. Der Produzent stellte die Finanzierung innerhalb eines halben Jahres auf die Beine, sodass wir sofort loslegen konnten.

Weshalb war das Ihnen wichtig?
Ich wollte das Momentum nutzen, dass Devid begeistert war und sich für uns Zeit nehmen wollte. So nahm ich in Kauf, mit weniger Mitteln auskommen zu müssen. Notfalls hätte ich «Nichts passiert» sogar mit dem Handy gedreht!

Wie war das mit diesem Star auf dem Set?
Devid ist im Umgang einfach bezaubernd. Weil wir Personal und Kosten dort sparen wollten, wo man es nachher nicht sieht, hatte er weder eine eigene Garderobe noch ein Lichtdouble. Dies schien ihn jedoch nicht zu stören. Er war während den sechs Wochen einfach immer da, half auch morgens um 4 Uhr Scheinwerfer schleppen und kannte von Anfang an die Namen der gesamten Crew. Das Drehen im Schnee und in den Bergen machte ihm sichtlich Freude, ebenso wie der Fokus auf den Inhalt. Er war ein grosser Motivator für alle.

… und kocht mit Leidenschaft.

… und kocht mit Leidenschaft.
… und kocht mit Leidenschaft.

Und was ist beim Dreh Ihre wichtigste Aufgabe als Regisseur?
Da ich beim Casting sehr genau arbeite und mir Zeit lasse, um ein Ensemble zusammenzustellen, in dem ich auch jedem Nebendarsteller voll vertraue, muss ich als Regisseur bei den Proben und auf dem Set gar nicht mehr viel machen. Ich kann mich einfach beschenken lassen.

Was müssen Sie sonst noch können?
Als Regisseur ist man vor allem Entscheider. Filmt man von weiter oder näher, lustiger oder trauriger, schneller oder langsamer. Welche Farbe soll das Sofa haben und wann wird welche Szene gedreht? Meine wichtigste Aufgabe ist es jedoch, das Anfangsgefühl durch die ganzen Dreharbeiten zu retten und den Kompass in der Hand zu behalten, falls Kurswechsel nötig sind.

Was hat sich für Sie durch die Digitalisierung des Filmens verändert?
Nachdem ich «Die Standesbeamtin» tatsächlich noch mit Super-16-Filmmaterial gedreht hatte, bin ich mit «Nichts passiert» nun im digitalen Zeitalter angekommen. Ich suche deswegen aber keine anderen Bilder. Erfreulich ist, dass es heute egal ist, ob man eine Minute oder eine Stunde dreht – das Speichermaterial kostet praktisch nichts mehr. Dafür muss du mehr investieren, um die Konzentration hoch zu halten.

Wie machen Sie das?
Ich sage immer: Der Moment, wenn die Kamera läuft, muss heilig sein - als ob jede Aufnahmesekunde teuer wäre! Es gibt auch bis heute keine echte Wiederholbarkeit, denn es muss auf einem Set enorm viel zusammen passen, damit ein magischer Moment entsteht: Atmosphäre, Bewegung, Licht, Haltung der Schauspieler, usw. Und erst viel später, wenn der Film geschnitten ist, weisst du, ob er zum Tragen kommt.

Filmszene mit Devid Striesow.

Filmszene mit Devid Striesow.
Filmszene mit Devid Striesow.

Wie würden Sie die Handlung von «Nichts passiert» beschreiben?
Schlimmes wird immer schlimmer, weil ein Mann allen Konflikten auszuweichen versucht und so immer tiefer in den Schlamassel gerät.

Eine beklemmende Vorstellung …
Das wird unterschiedlich wahrgenommen. Am Zürich Filmfestival sahen manche den Film als Drama, andere als Komödie. Ich denke, er ist etwas dazwischen, und das ist auch gut so: Ein Film sollte nicht nur philosophisch sein, sondern auch packend erzählt oder amüsant – schliesslich investieren die Zuschauer dafür 1,5 Stunden ihres Menschenlebens.

Wie entstand die Geschichte?
Die Hauptfigur ist zwar extrem überzeichnet, aber das war schon ich selbst … Mir fällt es auch schwer, mich zu entscheiden. Ich überlegte, was ich tun würde, wenn ich Mitwisser eines wahren oder potenziellen Verbrechens würde. Klingle ich, wenn ich in der Nachbarswohnung jemanden schreien höre, oder stelle ich einfach das Radio lauter? Tun wir etwas gegen die Ausbeutung der Dritten Welt oder schauen wir weg? Wo ist der Punkt, an dem man sich schuldig macht? An der Premierenparty wurde auf jeden Fall noch stundenlang über die Figuren diskutiert und wie man sich selbst verhalten hätte!

Wie bringen Sie und Ihre Ehefrau Oriana Schrage, die in diesem Film eine kleine Rolle spielt, Familie und Beruf unter einen Hut?
Es gibt keinen Masterplan. Wir sind beide selbständig ohne feste Arbeitszeiten, unsere beiden Kinder sind wie alle Kinder fantastisch und halten einen enorm auf Trab. Da bist du schon froh, wenn du über die Runden kommst und noch für alles Wichtige Zeit findest. Ich liebe meine Familie, aber würde mir ein tolles Drehbuch oder ein bereits finanzierter Film angeboten, müsste ich ihn wohl trotzdem drehen!

Können Sie sich vorstellen, auch einmal eine Buchvorlage Ihres Vaters Charles Lewinsky zu verfilmen?
Ich finde es allgemein schwierig, literarische Werke zu adaptieren. In den vergangenen fünf Jahren habe ich zehn Drehbuchfassungen eines Romans geschrieben, den ich sehr gerne mag, und am Ende kapituliert. Anspruchsvollen Büchern, die durch ihre tolle Sprache, Verdichtungen und innere Gedankenwelten bestechen, fehlt es oft an Handlung. Die «Bahnhofsliteratur» eignet sich meistens besser für eine Verfilmung.

Drei Daten im Leben von Micha Lewinsky

2008 Sein erster Film,  «Der Freund».
2009 Geburt seiner Tochter Mila.
2013 Geburt seines Sohns Yonathan.


Trailer zu «Nichts passiert»

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Reinhold Hönle

Autor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 08.02.2016, 10:00 Uhr

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