Michael Mittermeier braucht weder schlechte Politiker noch düstere Weltlagen, um für guten Humor zu sorgen.

«Meine Komik entsteht zufällig»

King of Comedy: Michael Mittermeier spricht im Interview über müde Witze, Donald Trump und militante Strassenpantomimen.

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Wir müssen zweimal hinschauen, als Michael Mittermeier sich im Zimmer seines Zürcher Hotels zu uns an den Tisch setzt. Diese frappante Ähnlichkeit des 50-jährigen Comedian aus Deutschland mit Brad Pitt, dem US-Schauspieler! Sollen wir ihn darauf ansprechen, oder machen wir uns lächerlich – was sich ungünstig auf das Gespräch auswirken könnte? Ja, wir sind Angsthasen und entscheiden uns, zuzuwarten. Vielleicht schmeichelt ihm der Vergleich ja nicht, denkbar, dass er findet: Ich sehe besser aus als der Typ und in Trennung bin ich auch nicht.

Michael Mittermaier, erwarten die Leute von Ihnen, dass Sie auch im Alltag lustig sind?
Es kann vorkommen, dass die Bäckerin zu lachen beginnt, obwohl ich gar nichts Lustiges gesagt habe. Und vielleicht zehnmal pro Jahr kann es vorkommen, dass ich von einem Unbekannten zu hören bekomme: «Du, ich habe da einen Superwitz, den du gerne in dein Programm einbauen darfst.» Mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,98 Prozent weisst du schon aus Erfahrung im Voraus, dass es dieser Witz nicht mal in die Vorauswahl schafft, wenn ich einen Comedy-Abend vorbereite.

Das können Sie ihm aber nicht sagen. Es gibt doch nichts Peinlicheres, als wenn jemand einen Witz erzählt und niemand lacht.
Ich lache trotzdem nicht, sage aber höflich: «Den kannte ich schon!» Dann ist er fast ein bisschen stolz, dass ich, der so viele Witze reisst, seinen auch kannte.

Keiner dieser Witze, die Ihnen auf diese Art erzählt werden, hat es also je ins Programm geschafft?
Nein, so funktioniert das bei mir nicht. Meine Komik entsteht zufällig. Zum Beispiel in der Lufthansa-Lounge, wenn nebenan zwei Geschäftsleute miteinander labern und dann brennt sich mir ein Satz in den Kopf ein. Da muss ich für mein Programm gar nicht so viel erfinden. Oft genügen Gespräche oder Situationen, die auf den ersten Blick ganz normal scheinen, in denen jedoch viel Absurdes steckt. Das filtere ich raus. Entscheidend ist, mit offenen Antennen auf die Welt zu schauen.

Welche Orte erweisen sich als besonders ergiebig?
Also auf dem Spielplatz musst Du nicht lange warten. Wenn zwei Kinder mit «Star-Wars»-Schwertern gegeneinander kämpfen und der eine sagt: «Hey, zu Hause habe ich einen Anzug, der kann Blitze abwehren.» Dann schaust du dir diesen Jungen an und merkst, der meint das vollkommen ernst. Und der andere antwortet: «Also bevor du den Blitze-Anzug holen willst, haue ich dir eine rein, denn dann kannst du ihn nicht mehr holen.» Das ist natürlich eine sehr amerikanische Form der Frontalverteidigung, aus dem sich aber etwas sehr Lustiges machen lässt. Ein Erwachsener würde nie auf so etwas kommen!

Gab es mal einen total missglückten Auftritt?
Ende der Achtzigerjahre war ich zur falschen Zeit am falschen Ort, auf so einer Frisuren-Modeschau. Die Veranstalter sagten zu mir: «Geh raus und sei lustig!» Ich habe ein paar Lieder gesungen, aber es gab keinen einzigen Lacher. Nach zehn Minuten habe ich gemerkt: Das ist für den Arsch. Genau das haben die Leute auch gedacht: Was will denn der Arsch hier?

Der Albtraum für einen Komiker.
Ja, ich habe aber in diesen zehn Minuten so viel gelernt wie nie mehr. Ich hab zum Publikum gesagt: Okay, ihr habt keinen Bock und seid genervt, also bin ich auch genervt und habe keinen Bock mehr. Ich bin dann raus – und wurde mit einem Riesenapplaus verabschiedet. Sei einfach ehrlich, das ist ganz wichtig als Comedian. Wenn etwas misslingt oder du einen Fehler hast, steh dazu. Wenn du aber versuchst dein Stottern zu kaschieren, bist du tot. Es gibt nichts Peinlicheres, als wenn sich einer für einen geilen Komiker hält und dann auf der Bühne nicht sprechen kann. Wenn er aber zu seinem Stottern steht, kann daraus etwas Lustiges entstehen. Dann darf das Publikum auch lachen.

«

Nach zehn Minuten ohne Lacher habe ich gemerkt: Das ist hier für den Arsch.»

Wann haben Sie realisiert, dass Sie Talent haben?
Als ich in der Fussgängerzone aufgetreten bin. Es gab damals ja eigentlich keine richtige Comedy-Szene. Es gab nur Otto, die Lichtgestalt. Die Fussgängerzone war ein hartes Pflaster, gerade wegen der Unaufmerksamkeit der Fussgänger. Du kämpfst dagegen, dass sie einfach an dir vorbeigehen. Du kämpfst aber auch gegen diese quälenden Panflötenbands, gegen die Killerazteken und gegen militante Strassenpantomimen.

Harte Worte!
Warum? Über Horrorclowns sprechen alle, aber über die militanten Strassenpantomimen sagt keine Sau etwas.

Auf Ihrer jüngsten DVD «Wild» haben Sie hellseherische Fähigkeiten: Sie malen sich aus, was passieren könnte, wenn Donald Trump US-Präsident würde.
Gut, dass ich jetzt noch über ihn sagen darf, was ich will. Wir wissen ja nicht, ob das in Zukunft in den USA auch noch so sein wird. Lustig ist, dass die US-Amerikaner den ersten Präsidenten mit einer toten Katze auf dem Kopf gewählt haben. Es ist alles so absurd. Denken Sie an das grosse Interview der «New York Times» mit Trump. Was dort drinsteht, ist der Wahnsinn. In jedem vierten Satz sagt er: «Ich habe Grosses getan, ich habe hier gewonnen …» Der kann erzählen, was er will: «So nebenbei, ich werde ISIS schlagen.» Ohne dass er ein Konzept dafür hat. Auch in diesen unsäglichen Fernsehdebatten hat er das oft wiederholt. Nachfragen konnten die Journalisten nicht. Das wäre, wie wenn einer sagen würde: «Morgen schlafe ich mit Halle Berry!» Dann müsste die nächste Frage doch zwingend sein: «Hast du denn ihre Telefonnummer? Weisst du, wo sie wohnt?» Nichts davon ist bei Trump geschehen.

Eigentlich müssten Sie doch frohlocken: Einer wie Trump macht die Arbeit für den Comedian einfacher.
Das Gegenteil ist der Fall. Nur schlechte Komiker brauchen schlechte Politiker und düstere Weltlagen, um gute Comedy zu machen. Ich brauche den Hass und all die Lügen nicht. Ich denke, ich könnte den kompletten Weltfrieden haben und die Leute trotzdem zweieinhalb Stunden zum Lachen bringen.

Reden wir über die Schweiz, die Ihr Herz sofort erobert hat. Warum eigentlich?
Das war in den Neunziger Jahren. Ich fand es schön, dass die Schweiz so klein ist. Ich bin aus Bayern, vom Land, wo alles dörflichen Charakter hat. München ist für mich schon die Weltstadt. Okay, die Schweiz ist klein, aber man weiss ja, dass nicht die Grösse zählt. Sondern die Qualität. Und da steht die Schweiz sehr gut da. Besonders angetan bin ich von der Sprache.

Inwiefern?
Das Schweizerdeutsch ist eine Sprache mit Charakter. Beim knallharten Hochdeutsch fehlt mir etwas. Dieses Süsse, Liebliche, ja auch Schräge, wenn in jedem zweiten Satz dieses «chchch» zu hören ist. Ich habe die Schweiz aber auch als sehr offen erlebt. Als ich das erste Mal hier auftrat, hing am Eingang ein Schild: «Drinnen ist Kiffen verboten.» So ein Schild in Deutschland – ehrlich: no fucking way! Da würde der Wirt verhaftet. Da denkst du dir schon: Was geht denn hier ab?

«Keiner bringt mich von der Bühne.» Michael Mittermeier lässt sich von Drohungen nicht einschüchtern.

«Keiner bringt mich von der Bühne.» Michael Mittermeier lässt sich von Drohungen nicht einschüchtern.
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Bei all Ihrer Schwärmerei über die Schweiz gibt es aber auch Dinge, die Ihnen grosse Mühe bereiten: Toblerone können Sie nicht essen, ohne dass Sie sich am Zahnfleisch verletzen.
Mit den kleinen Toblerone-Riegeln gehts. Die schmelzen im Mund weg. Bei den grossen Panzersperren musst du das Maul ganz weit aufreissen, sonst wirds gefährlich. Ich finde es aber ein geiles Konzept, aus Schoggi Berge zu machen. Da haben sicher zwei Schweizer gekifft, als sie die Idee hatten.

Wäre es für Sie denkbar, in die Schweiz zu ziehen?
Nein. Deutschland ist meine Heimat und meine Basis. Da kann ich das Maul weit aufmachen. Zum Beispiel, wenn es um die Flüchtlingsfrage geht. Ich finde, wir sollten helfen. Ich war nie ein Merkel-Freund. Aber hier hat sie recht. Deswegen werde ich beschimpft. Von Neonazis, von Rechtspopulisten, in einer Intensität, die sich die Menschen da draussen nicht vorstellen können. Unglaublich, was die Rechten für Humormemmen sind! Ich kriege Morddrohungen von Leuten, die sich freuen, wenn mein Kopf abgeschlagen wird.

Schlimm.
Ja, aber ich lasse mich davon nicht kleinkriegen. Keiner bringt mich von der Bühne. Ich finde, wir brauchen keine Obergrenze, sondern eine Bullshitgrenze. Du kannst anderer Meinung sein. Aber ein gewisses Niveau sollte da sein im Umgang miteinander.

Michael Mittermeier gibt sich auch im Gespräch so, wie er auf der Bühne ist: dieselben Gesten, die gleiche Tonlage – und er redet ohne Unterbruch. Was wir als gutes Zeichen werten, auch wenn das Thema, das er zum Ende aufgegriffen hat, düster klingt. Deshalb wollen wir ihn nun doch fragen, was uns seit Beginn auf der Zunge brennt: «Wie oft werden Sie mit Brad Pitt verwechselt?» Mittermeier scheint nicht überrascht: «Tatsächlich schon öfters.» Als er 2003 in New York auftrat, hatte er noch blonde Strähnen in den Haaren. Da war die Ähnlichkeit noch grösser, sodass er zu hören bekam: «You fucking look like Brad Pitt!» Es brauche aber zwingend die Sonnenbrille, damit man ihn für den US-Star hält, vor allem aber ein Body-Double ab Hals abwärts: «In der Badehose am Strand hat mich noch nie jemand mit ihm verwechselt.»

Ab Mai 2017 wird der Comedian mit seinem Programm «Wild» auch die Schweiz besuchen:

  • 18. Mai Amriswil
  • 20. Mai Bern
  • 21. Mai Bern
  • 4. Juli Zürich
  • 19. Oktober Solothurn
  • 20. Oktober Aarau
  • 7. November Basel
  • 8. November Luzern

Die weiteren Termine seiner Tournee finden Sie hier.

  

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