Abrakadabra – Michel Gammenthaler in seiner Zauberbibliothek.

Michel Gammenthaler: «Ich finde Grau wirklich super»

Ebenso unterhaltsam wie klug verbindet er Zauberei mit Kabarett. Er liebt seine Familie und kleine Bühnen. Schwarz-weiss mag er nicht.

Er brachte sein Publikum schon als Jugendlicher zum Staunen. Inzwischen ist er als Kabarettist ebenso anerkannt wie als Komödiant und Zauberkünstler. In seinem Programm «Scharlatan» zeigt Michel Gammenthaler, wie leicht und wie gerne wir uns hinters Licht führen lassen.

In der Antike befragte man Orakel, heute das Internet. Hat unsere digitalisierte Welt auch etwas von Scharlatanerie?
In den letzten Jahren habe ich für mich Graustufen entdeckt. Schwarz-Weiss-Haltungen sind in allen Bereichen des Lebens mühsam. Ich finde, man sollte Dinge hinterfragen und nicht einfach unbesorgt nutzen. Lieber darüber nachdenken, ob man das wirklich braucht. Darum schalte ich zum Beispiel bei meinem Handy grundsätzlich die Ortungsdienste aus. Und wenn wir irgendwo zu Besuch sind, nehme ich das Handy gar nicht erst mit. Das ist so entspannend! Wir sind schon sehr verhängt mit diesen Teilen.

Bleigiessen, Horoskop, Prognosen – zum Jahreswechsel riskieren wir gerne einen Blick in die Zukunft. Warum ist das so?
Die Zeitschriftenhoroskope nimmt doch kaum jemand ernst, das wird eher als Unterhaltung wahrgenommen. Gleichzeitig sehnen sich die Leute aber nach einer höheren Ordnung, in der Dinge vorgegeben sind, Zufälle eine Bedeutung haben. Ich glaube, für viele Menschen ist die Vorstellung unerträglich, dass etwas einfach geschieht, ohne dass es einen Zusammenhang gibt. Das geht mir  ähnlich. Von daher würde ich mich als einen spirituell angehauchten Atheisten bezeichnen.

Wo spüren Sie den spirituellen Hauch?
Zum Beispiel in der Natur. Ich bin kein Baumumarmer, aber ich glaube, dass man dort sehr viel Kraft schöpfen kann. Als Kind spielte ich viel im Wald, war nie in der Pfadi, hatte jedoch eine Zeit lang viel Interesse an Überlebenstechniken. Ich mag vor allem unaufgeräumte Wälder. Die Wildheit, das Chaos und die ihm innewohnende Ordnung der Natur – das hat für mich etwas sehr Erholsames.

Was hat Sie  zu dieser  Lebenseinstellung gebracht?
Eine Art Achterbahn. Erst war Religion kein grosses Thema, dann schlitterte ich als unbedarfter Teenager schier in eine recht sektenmässig organisierte christliche Freikirche  – das führte zu totaler Abneigung. So wurde ich Skeptiker. Aber die Hardcore-Skeptiker sind ebenso festgefahren wie Hardcore-Esoteriker. Das ist doch auch langweilig. Inzwischen sage ich: Sachen sind dann real, wenn Du sie als real erachtest. Ich kann doch niemandem seine Wirklichkeit verbieten. Am interessantesten ist es wahrscheinlich, wenn man sagt: Ich weiss es einfach nicht. Ich bin offen, mir andere Positionen anzuhören. Aber dabei immer Gehirn und Intuition eingeschaltet lassen! Und prüfen: Tut mir das gut, oder steckt etwas dahinter, das nicht so offensichtlich ist … Eben nicht Schwarz-Weiss-Denken, eher so grau. Ich finde Grau wirklich super! (lacht)

Kunstvoll: Sein Lieblingskartenspiel.

Kunstvoll: Sein Lieblingskartenspiel.
Kunstvoll: Sein Lieblingskartenspiel.

Zauberei ist etwas sehr Immaterielles. Aber als Zauberkünstler muss man auch davon leben. Wie geht das zusammen?
Als ich letzten Sommer meine Gartenmöbel frisch lasiert hatte, dachte ich «Wow, Resultat!» – es steht da, und geht nicht mehr weg. Auf der Bühne ist das anders: Wenn der letzte Applaus verklungen ist und das Publikum den Saal verlassen hat, ist eigentlich das, was ich mache, nicht mehr existent. Es ist vielleicht noch als Erinnerung da, aber nicht handfest. Und das muss man psychologisch abfedern, indem man etwas macht, das sichtbar ist und haltbar.

2010 haben Sie den «Salzburger Stier» bekommen, ein Karrieresprungbrett für den deutschsprachigen Raum. Wieso treten Sie weiterhin nur hierzulande auf?
Ich habe das vor fast 15 Jahren bewusst entschieden. Ich wurde Vater und wollte etwas von den Kindern mitbekommen. Wir essen stets zusammen Zmittag – das ist unsere Familienzeit, und die ist mir wichtig. Wenn ich in München auftreten würde, ginge das nicht. Wenn ich für meine Verhältnisse weit weg in Interlaken auftrete, bin ich vielleicht erst in der Nacht um halb zwei daheim in Risiken, aber am anderen Tag sitze ich mit meiner Familie am Tisch.

Träumt denn nicht jeder Zauberer von einem Engagement in Las Vegas?
Als Bub hatte ich den Traum auch. Aber heute bin ich genau dort, wo ich sein möchte. Meine Shows funktionieren hervorragend in kleinen bis mittleren Theatern mit 100 bis 500 Plätzen. Ich brauche die Intimität. Wenn ich das Gefühl habe, ich kann den Zuschauer an der Nasenspitze berühren – da geht mir das Herz auf. Und da bin ich mit dem wunderbaren, das ganze Land überspannenden Schweizer Kleinkunstnetz bestens bedient.

Und für wen spielen Sie da?
Ich finde, das richtige Publikum für mich ist mindestens 12 Jahre alt, aber nach oben sind dann keine Grenzen gesetzt. Es freut mich natürlich sehr, dass ich in den letzten Jahren spürbar mehr Leute zwischen 20 und 40 im Theater habe. Der deutsche Kabarettist Niels Heinrich hat das Kleinkunstpublikum einmal charakterisiert als «ein Baumwollfeld, das beiläufig nickt» – dem konnte ich entfliehen.

«

Heute bin ich genau dort, wo ich sein möchte.»

Sie haben sich auch verändert – seit zwei Jahren sind die langen Haare weg. Wieso?
Für mich war das weniger schlimm als für meine Frau – sie wollte mit und hat auch den Coiffeur bestimmt. Der Rossschwanz war schon ein sehr identitätsstiftendes Teil. Aber ich kam mir langsam vor wie ein alternder Rockstar, der nicht wahrhaben will, dass neue Zeiten gekommen sind. Das hat mich genervt. In der ersten Zeit bin ich noch erschrocken, wenn ich mich im Spiegel sah. Aber jetzt finde ich, das ist sehr angenehm.

Die Haare wachsen zu lassen war in den 1970er Jahren Zeichen des Protests, der Rebellion. War das bei Ihnen auch noch so?
Die langen Haare haben mir vor allem Spielmöglichkeiten auf der Bühne gegeben. Gerade am Anfang einer Laufbahn sucht man nach visuellen Hooks, um sich abzuheben. Aber Rebellion …? Ich glaube, heute ist es schwierig zu rebellieren. Da muss man sich schon auf eine Abrissbirne setzen, nackt. Und selbst dann interessiert das niemanden.

Viel grösser als heute: Fünfliber von 1925.

Viel grösser als heute: Fünfliber von 1925.
Viel grösser als heute: Fünfliber von 1925.

Machen Sie als Skeptiker Pläne für die Zukunft?
Früher war ich mehr der Planer. Aber ich bin hyperorganisiert. Ich habe ein wahnsinniges To-do-Programm – meine Frau sagt manchmal, das sei furchtbar. Aber ich glaube, ich brauche wahnsinnig viel Struktur, damit ich den Rest des Alltags ertragen kann. In meinem Büro schaue ich auch auf die weisse Wand und nicht auf die Bücher. Ich könnte sonst nicht arbeiten – auch wenn das meine Bücher sind, dich ich ja alle kenne, würde ich mich dauernd davon ablenken lassen. Aber Pläne … Früher habe ich viel mehr Pläne gemacht. Jetzt denke ich manchmal: Mal sehen. Ich spüre schon, was kommt. Wenn man sie bewusst wählt, kann man mit solchen Schwebezuständen schon leben.

Kommt es auch einmal vor, dass Ihnen etwas nicht gelingt? Wie gehen Sie damit um?
Als Teenager habe ich mir das Jonglieren selber beigebracht. Und aus der zeit ist mir ein Satz fürs Leben geblieben: Wenn einem Jongleur kein Ball mehr herunterfällt, macht er keinen Fortschritt mehr. Denn dann geht er nicht mehr an seine Grenzen. Und ich finde, das muss im Leben auch so sein: Es müssen einem ab und zu Bälle herunterfallen, sonst bewegt man sich nicht mehr.

Vier Daten im Leben von Michel Gammenthaler


1979 Mit 7 bekommt er einen Zauberkasten – Magie fasziniert ihn.

2003 Premiere seines ersten Soloprogramms beim Arosa Humorfestival.
 
2010 Er wird mit dem Kabarettpreis «Salzburger Stier» ausgezeichnet.

2012 Mit Circus Knie auf Tournee. Start der TV-Show «Comedy aus dem Labor».

Tipp: Der Kabarettist schreibt in seinem Blog über den Alltag, Gott und die Welt - unterhaltsam und klug. Sehr lesenswert!

Mehr über Michel Gammenthaler auf seiner Internet-Seite

Kommentare (0)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Martin Winkel

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Sonntag 28.12.2014, 15:00 Uhr

Mehr zum Thema:



Weiterempfehlen:



Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?