Jene, die bei Mobbing zusehen, unterstützen die Mobber gegen das Opfer.

Mobbing: Alleine und ohnmächtig

Laut einer aktuellen Studie wurde bei knapp einem Viertel der Schweizer Jugendlichen bereits versucht, sie online fertigzumachen. Mobbing ist ein reales Problem, on- und offline.

Das ist besorgniserregend: Rund 22 Prozent der 1000 befragten 12- bis 19-jährigen Schweizer Jugendlichen haben Erfahrungen damit gemacht, dass jemand sie im Netz fertigmachen will. Dies ist das Ergebnis der «JAMES»-Studie 2014 zur Mediennutzung von Jugendlichen. Mobbing kann Opfer bis in den Suizid treiben. 2014 stürzte sich eine 14-jährige Italienerin in den Tod, nachdem sie in einem Onlineforum mit übelsten Beschimpfungen eingedeckt wurde, als sie Hilfe in einer Krise suchte. 2012 rüttelte der Fall eines 20-jährigen Niederländers auf, der sich nach jahrelangem Mobbing das Leben nahm – er hinterliess seinen Eltern einen Abschiedsbrief. Das sind nur zwei Beispiele unter vielen. Die Opfer werden psychisch und körperlich gequält und ihre Peiniger kosten dabei ihre Übermacht aus. So umschreibt Psychologin Françoise Alsaker (65) Mobbing. Mobbing passiert auf dem Schulhof und im Internet. Dabei kann man die beiden Orte nicht voneinander trennen, sagt Françoise Alsaker. Aber es sei wichtig, dass das Schweigen darüber gebrochen wird. Nur so könne man Mobbing erkennen und dagegen angehen. Die emeritierte Professorin der Universität Bern forscht seit 1990 zu diesem Thema und entwickelte Strategien für die Prävention von Mobbing mit ihrem Team.

Coopzeitung: Was ist der Unterschied zwischen Mobbing und einem Streit?
Prof. Françoise Alsaker: Sehr kurz gefasst: Beim Streit streiten zwei relativ gleich starke Parteien «um» etwas. Dagegen ist Mobbing eine Machtdemonstration, die zum Ziel hat, eine Person zu schädigen. Das Problem ist, dass viele Mobbingfälle auch heute noch als Konflikte abgetan werden. Das ist praktisch für das Umfeld, insbesondere auch für die Erwachsenen. Bei einem Konflikt besteht ihrerseits kein Handlungsbedarf, denn Konflikte sollte man Kinder untereinander lösen lassen. Konflikte sind bis zu einem gewissen Punkt normal. Erst wenn Konflikte eskalieren, weil ein dauerndes Ungleichgewicht besteht, Gewalt im Spiel ist und keine Lösung gefunden wird, muss man eingreifen. Im Gespräch mit Schulsozialarbeitern stellte ich fest, dass man hier teilweise noch darauf sensibilisieren muss, Mobbingfälle nicht wie Konflikte zu lösen versuchen. Mobbing ist schwer zu erfassen, denn es geschieht im Verborgenen. Aber man kann lernen, die Anzeichen dafür zu erkennen.

Wie erkennt man Mobbing?
Mobbing besteht aus einer Ansammlung kleinerer Vorfälle, die für sich allein gesehen nicht immer so schlimm wirken. Etwa, dass jemand gehänselt wird, einem ein Bein gestellt wird etc. Aber oft sind es Handlungen, die für ein aufmerksames Auge bereits hinterfragt werden sollten: wenn jemand ausgelacht wird, ausgegrenzt wird, wenn Gruppen gebildet werden, dass einem Kind hinterhergerufen wird, es stinke. Das kann in noch schwerwiegendere Übergriffe münden. Die Handlungen finden systematisch und wiederholt statt. Es entsteht ein grosses Machtungleichgewicht.

Sind die Opfer «selbst schuld» an ihrer Situation?
Nein. Das wäre, wie wenn man sagen würde, eine Frau sei selbst schuld, wenn sie vergewaltigt wird. Über dieses Stadium sind wir in unserer heutigen Gesellschaft hinaus. Natürlich versuchen die Mobber ihr Tun mit Schuldzuweisungen zu rechtfertigen. Und zu häufig wird ihnen auch geglaubt, denn sie haben ja «Zeugen», ihre Mitläufer. Das Opfer ist allein. Es beginnt an sich selbst zu zweifeln, sucht selbst den Auslöser bei sich, denkt, es ist weniger wert. Es kann sich nicht mehr verteidigen.

Wie verhalten sich Mobbing-Opfer?
Es gibt verschiedene Typen von Opfern. Die Passiven ziehen sich zurück und wehren sich nicht. Es gibt aber auch aggressive Opfer, die oft nicht als Opfer erkannt werden. Das Perfide ist, die Mobber suchen sich oft gezielt Kinder aus, die leicht zu provozieren sind. Etwa solche mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), die schnell einmal ausrasten können. So werden die Opfer als die Aggressoren dargestellt und die Erwachsenen können es oft auch nicht anders erkennen. Wenn sie dann noch von den Mobbern und deren Unterstützern in der falschen Wahrnehmung bestärkt werden, wird die Situation für das Opfer ohnmächtig, beinahe ausweglos. Mobbing kann bis zum Suizid führen.

Soll man zur Auflösung einer Mobbingsituation Opfer und Mobber miteinander konfrontieren?
Nein, auf keinen Fall. Dann entstünde eine neue Mobbing-Situation bei diesem Machtgefälle. Die Mobber sind in der Überzahl gegenüber dem Opfer. Und sie sind sozial sehr geschickt, sie wissen genau, was sie tun und versuchen mit ihren Unterstützern die Erwachsenen zu manipulieren, indem sie ihnen plausible Geschichten erzählen, die das Opfer in einem schlechten Licht darstellen.

Was kann man tun?
Man muss den Schülern klarmachen, dass Mobbing nicht tolerierbar ist. Mobbing ist ein feiger Akt. Es sind immer mehrere gegen einen. Das Mobbing lebt von Feigheit, von Leuten, die nicht eingreifen. Eine wichtige Rolle kommt hier den Lehrpersonen zu. Zur Auflösung von Mobbing sollte man mit der Klasse als Ganzes darüber sprechen, dass man Kenntnis von Mobbing in der Klasse hat und besprechen, was man dagegen tun kann. In der Schule schreibt man das am besten auf und lässt es die Kinder wie einen Vertrag unterschreiben. Im Kindergarten können die Kinder ihre Verhaltensregeln zeichnen. Wichtig ist, dass sie von den Kindern selbst kommen. Auch Einzelgespräche sind denkbar. Besser ist natürlich, wenn man präventiv mit der Klasse über Mobbing spricht und eine klare Haltung dazu kommuniziert. Die Mitläufer und insbesondere auch die «Zuschauer» ermöglichen Mobbing, indem sie es mit dem Zusehen und Schweigen einfach erlauben. Das stärkt das Machtgefühl der Mobber und bestärkt sie in ihrem Tun.

Erledigt sich damit das Mobbing?
Für den Moment vielleicht. Aber Mobbing ist damit nicht aus der Welt. Man muss als Lehrperson immer am Ball bleiben und wachsam sein, um Anzeichen früh zu erkennen und schnell intervenieren zu können.

Was können Eltern von Mobbingopfern tun?
Einiges, aber in Zusammenarbeit mit der Schule. Wichtig ist, dass sie ohne Vorwürfe auf die Lehrer zugehen und ihnen schildern, was sie wahrgenommen haben, wie sie die Situation sehen und sie nach ihren Beobachtungen fragen. Denn es kann oft vorkommen, dass die Lehrer eine andere Wahrnehmung haben. Die Eltern haben in der Regel nur die eine Perspektive ihres Kindes. Wichtig ist, dass Eltern und Lehrer zusammenarbeiten und nicht gegeneinander. Gestaltet sich das Miteinander schwierig, muss man die Schulleitung und Schulsozialarbeiter miteinbeziehen.

Was können die Eltern von Mobbern tun?
Sie sollten klar und deutlich sagen, dass sie Mobbing nicht erlauben. Sie sollen das Verhalten verurteilen, nicht aber das Kind – das ist wichtig. Mitläufern muss beigebracht werden, «Nein» zu sagen zu diesem Gewaltakt, denn Mobbing ist Gewalt, wenn auch nicht immer körperliche.

Im Netz geht das Mobbing aus dem Schulalltag oft weiter.

Im Netz geht das Mobbing aus dem Schulalltag oft weiter.
http://www.coopzeitung.ch/Mobbing_+Alleine+und+ohnmaechtig Im Netz geht das Mobbing aus dem Schulalltag oft weiter.

Cybermobbing scheint heute ein wachsendes Problem zu sein. Was lässt sich aus Ihrer Sicht dagegen unternehmen?
Cybermobbing ist nicht separat von Mobbing auf dem Schulhof anzusehen. Es ist in der Regel nur die Spitze des Eisbergs, eine Weiterführung des Mobbings in persona mit einem breiteren Publikum. Manchmal nimmt es solche Proportionen an, dass man die Polizei einschalten muss. Aber auch hier gibt es unterschiedliche Formen von Cyber-mobbing, teilweise findet es über soziale Plattformen wie Facebook, teilweise im direkten WhatsApp-Chat statt. Es ist keine Lösung, das Online-Konto einfach aufzukünden, denn so werden Kinder oder Jugendliche auch wieder zu Aussenseitern.

Wie kann man dafür sorgen, dass künftig so wenig Mobbing wie möglich passiert?

«Ausrotten» kann man es nicht. Aber man müsste bereits in der Lehrerausbildung, also im Studium, dem Problem Mobbing mehr Platz einräumen. An vielen Hochschulen wird es lediglich in ein paar wenigen Stunden abgehandelt. Lehrpersonen brauchen Unterstützung und Instrumente, um Mobbing früh zu erkennen und richtig darauf zu reagieren. Viele Lehrer werden überrumpelt, wenn sie mit Mobbing konfrontiert werden.

Was sagen Sie den Leuten, die sagen: Mobbing sei eine neuere Erscheinung, eine Mode?

Mobbing gab es auch früher schon. Nur hatte man dafür keine spezifische Bezeichnung. Es ist im deutschsprachigen Raum noch nicht sehr lange erforscht. Früher wurde das Mobbing-Verhalten noch eher toleriert, weil man es mit Konflikten gleichsetzte. Der Begriff «Mobbing» kam im deutschsprachigen Raum vor etwa 20 Jahren auf. Das passt auch auf Deutsch, denn es ist sozusagen ein «Mob», der eine Person angreift.


Online: Erfahrungen mit Übergriffen

Quelle: JAMES-Studie 2014 der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Kooperation mit der Swisscom. Befragt wurden 1000 Schweizer Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren.

Zum Ergebnisbericht zur JAMES-Studie 2014

Steckbrief

http://www.coopzeitung.ch/Mobbing_+Alleine+und+ohnmaechtig Mobbing: Alleine und ohnmächtig

Françoise Alsaker (65) lehrte bis Januar 2014 an der Universität Bern Entwicklungspsychologie und forscht seit 1990 zum Thema Mobbing. Sie entwickelte mit ihrem Team an der Universität Bern ein Präventionsprogramm gegen Mobbing. Es kann auch zur Intervention genutzt werden, wenn das Mobbing bereits im Gang ist. 2012 erschien das Buch zum Programm «Mutig gegen Mobbing – in Kindergarten und Schule» im Huber Verlag, Bern. Es wendet sich an Lehrpersonen, Schulsozialarbeiter, andere Fachpersonen und Eltern. Françoise Alsaker ist an zahlreichen Studien zu Mobbing und Cybermobbing beteiligt und hat die «Kandersteger Deklaration gegen Mobbing bei Kindern und Jugendlichen» initiiert.

Kandersteger Deklaration gegen Mobbing bei Kindern und Jugendlichen
Flyer zum Buch «Mutig gegen Mobbing – in Kindergarten und Schule»

Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche)
www.147.ch (Telefon, SMS, Chat 147 und Mail).
Online kann nach regionalen Beratungsstellen gesucht werden.

Pro Juventute-Infos über Mobbing

Mobbing am Arbeitsplatz:
www.mobbing-beratungsstelle.ch
info@mobbing-beratungsstelle.ch

Beratungsstelle ZH
044 450 10 16
Beratungsstelle BE
031 381 49 50

Tina (26), damals 2. Primarklasse

«Als ich sieben Jahre alt und in der zweiten Klasse war, zog meine beste Freundin weg, und ich war auf einmal alleine in der Klasse. Das perfekte Opfer. Es fing alles scheinbar harmlos an: ‹Tina ist hässlich›, flüsterte Lena Nadja ins Ohr. Immer wieder, sodass ich es hören musste. Als ich es meinem Lehrer erzählte, meinte der nur: ‹Das ist doch nicht so schlimm, wenn zwei blöde Mädchen sagen, dass du hässlich bist. Glaube ihnen einfach nicht. Und ihr zwei hört damit auf, ja?› Dann vertragen sich alle wieder. Er täuschte sich. Von da an wurde es nur noch schlimmer. Meine Klassenkameraden machten mit – die hässliche Tina. Dann begannen sich die Angriffe zu häufen: Lena schmiss in der Umkleidekabine nach dem Sportunterricht ihre gebrauchten Socken nach mir und lachte. Einige zogen mit, die anderen schwiegen. Eines Tages rannte Ben über den Schulhof auf mich zu und trat mir dermassen ins Schienbein, dass meine Strumpfhose riss. Das tat verdammt weh und ich humpelte davon, um versteckt zu weinen.»

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Annina Striebel

Redaktorin

Foto:
zVg, Illustration: Num Roth
Veröffentlicht:
Montag 02.03.2015, 18:58 Uhr

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