Links: Wie der Vater so der Sohn: bei den britischen Royals hat dies Tradition. Rechts: Reality-TV-Star Kim Kardashian stylt ihre zweijährige Tochter wie eine Grosse.

Früh übt sich: Mode will gelernt sein

Konfliktpotenzial: Kleider sind ein wichtiger Bestandteil des Auftretens und in der Persönlichkeitsentwicklung. Was gilt es als Eltern zu beachten bezüglich der Garderobe ihrer Kinder?

 

Carmen Wegmann, braucht ein Kind, das ja noch wächst, teure Markenkleider?
Sicher nicht. Ein Kind braucht robuste und bequeme Kleider. Sie sollten von guter Qualität sein, billige gehen sofort kaputt.
Oft schauen die Kinder selber gar nicht so sehr auf die Marke. Es reicht ihnen schon, wenn ein Pulli ähnlich aussieht wie der, den sie irgendwo gesehen haben.

Und was, wenn Kinder in der Schule ausgegrenzt werden, wenn sie etwas nicht haben?
Es kommt sehr auf die Umgebung an, ob dies geschieht oder nicht. Man kann sich den Trends im sozialen Umfeld des Kindes nicht verwehren, aber man kann die Finanzen thematisieren und erklären, dass das Budget gewisse Ausgaben nicht zulässt. Auch hier gilt: Die Eltern haben eine Vorbildfunktion. Wenn sie dem Kind alle Wünsche abschlagen, sich aber selber ständig neue Sachen kaufen, wird es schwierig.

Wie sexy sollen junge Mädchen rumlaufen?
Es gibt mittlerweile Schulen, die gewisse Kleidervorschriften machen – für Lehrkräfte und Schüler. Denn die Lehrer haben ja eine Vorbildfunktion. Das finde ich völlig legitim. Unsere Gesellschaft ist sehr freizügig was Kleider angeht: Wir lassen praktisch alles zu.
Es ist schwierig, seiner Tochter zu sagen, sie solle nicht in den kürzesten und engsten Shorts rumlaufen, wenn es alle anderen auch machen. Man kann ihr aber sagen, wie sie auf einen wirkt und was sie damit provozieren kann. Sexuelle Übergriffe haben aber nichts mit der Kleidung zu tun. Das Argument, ein Mädchen habe einen solchen durch ihre Kleidung provoziert, gilt in meinen Augen nicht.

Was ist zu halten von Beispielen wie Kim Kardashians Tochter, die schon mit zwei exklusive Kleider tragen?
Wenn man ein Kind allzu sehr benutzt, um sich selber zu verwirklichen, ist dies missbräuchlich. Das Kind wählt ja kaum selber, dass es einen Pelzmantel tragen will oder ähnliche Dinge. Vielmehr sind es die Fantasien der Eltern, die am Kind verwirklicht werden. Bei Promis spielt womöglich auch die Vermarktung des Kindes mit hinein.

Zum Thema Nachhaltigkeit: Ist es ok, wenn man Kinder Occasion-Kleider (Kinderkleiderbörse) tragen lässt?
Ich finde es ok und gut, wenn Kinder Occasion-Kleider tragen. Das Austragen der Kleider älterer Geschwister hat auch einen ökonomischen Aspekt.
Es kommt immer auch darauf an, wie man es dem Kind verkauft. Wenn man es  mitnimmt an eine Kleiderbörse und es sich dort etwas aussuchen darf, dann freut sich das Kind. In seinen Augen sind die Kleider, die es so bekommt, sowieso neu.
Man kann den Besuch an einer Kleiderbörse auch kombinieren mit einem Ladenbesuch.  Für die Kinder steht im Vordergrund, dass sie nicht ausgelacht werden. Sollte dies jedoch immer wieder der Fall sein, ist es angebracht, die Kleiderwahl zu hinterfragen.

Jüngere Geschwister tragen je nach dem die Kleider der älteren Kinder aus. Ist das fair, wenn sie nie neue Sachen bekommen?
Man kann gut auch einmal sagen «So, heute darfst du dir mal etwas neues aussuchen», das kann in einem Kleidergeschäft oder an einer Börse sein. Kinder nehmen solche Angebote gerne an.
In der Regel ist es auch so, dass es sich lohnt, in Qualität zu investieren. Diese hält länger und ist so auch nachhaltiger als irgendwelche Billigkleider.

Macht es Sinn, Kinder schon zu sensibilisieren auf die Produktion von Kleidern?
Auf jeden Fall. Kinder nehmen viel an von den Eltern. Wenn sie dann selbstständig sind, ändern sie manches vielleicht, aber sie sind schon geprägt. Wenn also die Mutter für ihr Kind einkauft, wird sie die gleichen Kriterien bei der Wahl der Kleider anwenden wie für sich selber.

 
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Dina Minichiello, Einkäuferin Kindermode bei Coop

Dina Minichiello, Einkäuferin Kindermode bei Coop
Dina Minichiello, Einkäuferin Kindermode bei Coop

«Der Anspruch an modische Kleider ist sehr hoch»

Spagat: Kinderkleider müssen andere Kriterien erfüllen als solche für Erwachsene. Gleichzeitig sollen sie aber die Trends aufgreifen.

Wie hat sich die Kindermode in den letzten Jahren verändert?
Die Kleider lehnen sich häufig an der Erwachsenenbekleidung an. Die Kleinen sind heute das Ebenbild ihrer Eltern. Partnerlook ist im Trend. Früher hat man getragen, was man zum Anziehen bekommen hat. Heute sind die Kinder bereits von klein auf modebewusst und möchten selbst entscheiden, was sie anziehen.

Wie modisch sollen Kinderkleider sein?
Der Anspruch an stylishe und modische Kleider ist heute sehr hoch, wobei trotzdem immer darauf geachtet werden muss, dass die Schnitte kindgerecht bleiben.

Wodurch unterscheiden sich Mädchen- und Jungenkleider?
Heute gibt es weniger Unisex-Bekleidung. Die Mädchen wollen kleine Prinzessinnen oder Primaballerinas sein und Jungs lieben Piraten, Monster und Superhelden. Natürlich kann man nicht alle in die gleiche Schublade stecken, die Verkaufszahlen sprechen aber für sich.

Welche Kriterien müssen Kinderkleider erfüllen?  
Kindermode (6–12) muss den Sicherheitsstandards entsprechen, das heisst, keine Kordel im Hals-, Taillen- und Knöchelbereich. Die Kleider müssen bequem, praktisch und strapazierfähig sein, damit sie beim Herumtollen auch etwas aushalten.

Was gibt es bezüglich Farben zu beachten?
Die Farben werden den Erwachsenentrends angeglichen, sind für die Kinder
jedoch frischer aufgemacht.

Sich über Kleider zu definieren, gehört in unsere Gesellschaft: Kleider machen Leute. Über die Kleidung wird das Gegenüber eingeschätzt. Ist er gepflegt oder nicht? Passen die Grösse und der Schnitt? Gehört er einer bestimmten sozialen Gruppe an? «Alles, was den Körper anbelangt, wird in unserer Gesellschaft hoch gewertet», weiss die Psychologin Carmen Wegmann (63). Mit diesem Wertesystem wachsen auch die Kinder auf. «Es ist wichtig, dass man dem Nachwuchs den Umgang mit Kleidern und Mode beibringt», sag Wegmann, die spezialisiert ist auf Kinder- und Jugendpsychologie. Den Eltern kommt dabei eine Vorbildfunktion zu. Die Kinder sehen nicht nur, wie sich die Eltern kleiden, sondern auch, wie oft sie sich beispielsweise neue Schuhe kaufen. Dieses Verhalten prägt die Kinder. Was gerade in ist, lernen die Kinder aber auch aus den Medien, zu denen sie oft schon früh Zugang haben.

Abgrenzen durch Kleider
In den Medien ist auch zu sehen, wie Promis mit ihren Kindern umgehen. North West, die Tochter von Kim Kardashian und Kanye West, gilt mit ihren zwei Jahren bereits als Fashionista. Und der kleine Prinz George (2) von England trägt bei öffentlichen Anlässen immer wieder Kleider wie sie sein Vater William vor etwa 30 Jahren trug – oder die beiden treten gar im Partnerlook auf. In England mag dies der Tradition geschuldet sein, aber auch in «normalen» Familien kommt der Partnerlook vor. «Dass ein Kind die gleichen Kleider anziehen will wie Mama oder Papa, kann schon vorkommen», weiss Carmen Wegmann. Doch uneingeschränkt möglich ist dies ihrer Meinung nach nicht: Die kleine Tochter soll nicht in hohen Schuhen rumlaufen wie die Mutter. «Das muss man dem Kind aber erklären», so Wegmann. «Man kann ihm einen Kompromiss vorschlagen und beispielsweise anbieten, dass es dafür ein ähnliches T-Shirt tragen darf.» Schlimmer findet es die Psychologin, wenn sich Mütter gleich kleiden wie ihre jugendlichen Töchter: «Man muss den Jugendlichen Raum lassen, sich von ihren Eltern abzugrenzen. Das geht beispielsweise über die Kleidung.» Das Kind zu einem zweiten Ich zu machen, findet sie «nicht empfehlenswert». Beim Erwachsenwerden spielt die Kleidung eine wichtige Rolle. «Mit dem Übergang ins Jugendalter, wenn die Auseinandersetzung mit der Frage beginnt­ «Wer bin ich?» ist die Kleidung ein Zeichen nach Aussen», sagt Alexander Grob, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Basel:  «Interessant ist, dass Jugendliche einerseits gleich sein wollen wie die anderen, aber sich auch als «Individuum» auszeichnen wollen», sagt Alexander Grob – etwa durch einen Riss in den Hosen an ganz besonderer Stelle oder mit einem Accessoire. Diese Individualität zuzulassen ist wichtig.

Im Tütü in den Kindergarten
Wie individuell ein Kind sich kleiden will und wie viel Mitsprache es bei der Wahl der Garderobe will, ist unterschiedlich: Die einen haben schon  früh eine Vorstellung davon , welche Kleider sie tragen wollen, andere lassen sich noch lange von den Eltern die Kleider für den nächsten Tag bereitlegen.

Doch wie viel Individualität ist in Ordnung und wo soll man das eigene Kind schützen?  Man stelle sich vor, die Tochter will unbedingt ihr pinkfarbenes Tütü in den Kindergarten anziehen. Als Eltern malt man sich aus, wie das Kind von den anderen ausgelacht und gehänselt wird. «Ich würde es aber nicht verbieten», so Carmen Wegmann. «Vielmehr würde ich dem Kind aufzeigen, was mögliche Konsequenzen und Reaktionen sein können.» Entscheiden solle letztlich das Kind. Entweder es leidet unter den Reaktionen der anderen und trägt das Tütü fortan wirklich nur noch im Ballett-Unterricht oder es findet Gefallen daran, aufzufallen, und geniesst es. «Ich plädiere dafür, dass man das Kind mitentscheiden lässt, was es anziehen will», so Wegmann. Dies gehört laut der Psychologin dazu, wenn man den Umgang mit Mode und Kleidung lernt.

«Aber alle haben das»
Wenn ein Kind Kleiderwünsche äussert, heisst dies aber noch lange nicht, dass die Eltern diese auch erfüllen müssen. Schliesslich kosten Kleider Geld. «Das kann und soll man auch thematisieren», findet Carmen Wegmann. Nicht jede Familie kann gleich viel Geld für Kleider ausgeben und sich zum Beispiel Markenklamotten leisten. Doch Modetrends werden oft von günstigeren Labels aufgenommen und sind für weniger Geld zu haben – und man kann anziehen, was alle anderen auch haben. Damit die Jugendlichen auch selber lernen, was Kleider kosten, empfiehlt die Budgetberatung Schweiz, ihnen ab der Oberstufe einen monatlichen Betrag für Schuhe und Kleider zur Verfügung zu stellen. Eine gute Sache, findet Psychologin Wegmann. «So können sie selber entscheiden, ob sie das Geld für einen teureren Artikel ausgeben wollen.»

Lösung Schuluniform?
Den Gruppendruck in Bezug auf die Kleidung entschärfen, könnte möglicherweise eine Schuluniform. In Basel führte man ab Herbst 2006 einen Pilotversuch mit Schuluniformen bei 15- bis 16-jährigen Jugendlichen durch, brach diesen allerdings nach kurzer Zeit ab: Den Jugendlichen gefalle die Schulbekleidung nicht mehr, sie entspreche nicht ihren Vorstellungen einer Schuluniform, hiess es damals. Carmen Wegmann würde eine Schuluniform zwar begrüssen, räumt aber ein: «Wir haben in der Schweiz einfach nicht diese Tradition. Daher wären der Rückhalt und die Akzeptanz wahrscheinlich nicht vorhanden.» Die Kinder und ihre Eltern müssen also den Umgang mit dem allfälligen Sozialdruck, der mit der Mode verbunden ist, lernen. 


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Noëmi Kern

Redaktorin

Text:
Noëmi Kern
Foto:
Alamy, Getty Images, Vera Markus, Felice Rossi
Veröffentlicht:
Montag 28.09.2015, 17:00 Uhr

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