Muss Kunst allen etwas sagen?

Er:

Ja, Künstler sollen sich so ausdrücken, dass sie allen etwas sagen können, egal was. Wenn sich jemand die Mühe macht, rund 200 Quadratmeter mit hautfarbenem Wasser zu fluten, dann erwarte ich, dass ich ein klein wenig verstehe, worum es gehen könnte. Aber manchmal habe ich den Eindruck, Künstler wollen uns Nichtkünstlern zeigen, dass nur Auserwählte ihre Sprache verstehen dürfen. Stattdessen fände ich es weitaus wertvoller, Kunst so zu gestalten, dass sie jeden Menschen in irgendeiner Form in den Bann zieht. Kunst ist ein Prozess, in dem das Publikum Teil davon ist. Goethe hat es meiner Ansicht nach auf den Punkt gebracht, denn er sagte: «Wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben.» Und wer würde je abstreiten, dass Goethe einer der grössten Künstler war?

Sie:

Nein, denn nicht alle sprechen dieselbe Sprache – zum Glück. Wenn Kunst jedem gleichermassen etwas sagen soll, dann ist sie allgemein verständlich, und das wäre ja dann sowas von langweilig und keine Kunst. Nein, Kunst soll die einen verstören, die anderen ärgern, wieder welche ratlos zurück lassen oder einigen gar viel Kraft schenken. Letzteres ist für mich die wirklich grosse Kunst. Wenn sie mir Kraft schenkt, dann bleibt sie mir in Erinnerung. Wenn mir gewisse Kunstobjekte oder Installationen nichts sagen, dann sprechen wir, die Künstlerin und ich, in diesem Fall eben nicht dieselbe Sprache. Nicht weiter schlimm.

 

Was ist Ihre Meinung dazu?

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Er:

Wenn Kunst Schreiber ratlos zurück lässt, dann ist das für sie kein Problem. Für mich schon. Denn postmoderne Kunst, die an der Biennale ausgestellt wird, wurde von internationalen, renommierten Kommissionen und Kuratoren begutachtet, auserwählt, zusammengestellt – da erwarte ich, dass mir diese Profis Hilfestellung geben, damit ich eine Sprache verstehen kann, von der ich bisher nicht mal wusste, dass es sie gibt. Wer etwas zu sagen hat, soll sich anstrengen, das so zu sagen, dass es möglichst viele verstehen. Doch ganz ehrlich: Wenn ich die abgegebenen Infos zu den Kunstwerken lese, verstehe ich noch weniger als vorher. Das ist für mich nicht Kunst, sondern Überheblichkeit.

Sie:

Entschuldigung, aber ich habe Goethe auch nicht immer verstanden. Künstler setzen sich stellvertretend für uns mit Themen auseinander, für die wir, das Fussvolk, keine Zeit haben, weil wir damit beschäftigt sind, zu leben. Das ist wie früher mit den Mönchen in den Klöstern, die stellvertretend für das Volk beteten, weil diese vor lauter Arbeit nicht dazukamen. Es ist doch beruhigend, dass sich andere Gedanken machen, für die wir keine Zeit, meist auch weder das Talent noch die Intelligenz oder die Kreativität besitzen. Künstler sind deshalb vogelfrei und nicht verpflichtet, ihr Denken der Masse zugänglich zu machen, sondern nur jenen, die dafür bereit sind.

Wer konnte Sie überzeugen?

↩︎

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