Nervenkitzel inbegriffen

Das Gold der Berge ist das Wasser. Über Kilometer lange Suonen wurde es früher auf die Felder geleitet. Heute kann man diesen entlangwandern. Die Filmemacherin Andrea Meier begleitet mich auf einer Suonenwanderung auf der Riederalp VS.

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Steckbrief: Riederalp–Oberried–Blatten

An-/Abreise: Zug und Luftseilbahn via Mörel auf die Riederalp, zurück per Bus bis Brig.
Schwierigkeit: trittsicher und schwindelfrei von Vorteil
Technik: 4 von 5
Kondition: 3 von 5
Höhenlage in m ü. M.: 1305/2081
Strecke: 13 km
Dauer: 4 Std. 30 Min.
Aufstieg: 540 m
Abstieg: 1100 m

  

Spektakuläre Aussicht, hier auf dem Massaweg bei Ried, unterhalb von Riederalp.

Spektakuläre Aussicht, hier auf dem Massaweg bei Ried, unterhalb von Riederalp.
http://www.coopzeitung.ch/Nervenkitzel+inbegriffen Spektakuläre Aussicht, hier auf dem Massaweg bei Ried, unterhalb von Riederalp.

Der Weg scheint völlig einfach zu begehen: schön ausgeebnet, breit genug für eine Person, keine Stolpersteine im Weg. Nur die im Fels verankerten Ketten, an denen ich mich halten kann (oder soll?), machen mich misstrauisch. Ist der Weg doch nicht ganz so unproblematisch? Ist er nicht. Der Massaweg zwischen Ried unterhalb Riederalp VS und dem Stausee Gibidum verlangt volle Aufmerksamkeit. Er ist nach dem Abfluss des Grossen Aletschgletschers, der Massa, benannt und verläuft der alten Wasserleitung entlang. Hier zu stolpern kann lebensgefährlich sein. Die Wand unter uns verläuft senkrecht – es geht mehr als 100 Meter in die Tiefe. Dass man hier überhaupt gehen kann, verdanken wir den Wallisern, die in früheren Jahrhunderten Wasserleitungen gebaut haben. Für diese alten Leitungen, Suonen genannt, haben die Menschen Wege in die Felsen geschlagen, Stützmauern gebaut und Tragbalken in das Gestein gerammt. Die Konstruktionen waren abenteuerlich, ihr Bau und ihr Unterhalt gefährlich. Davon profitieren heute die Wanderer, die diesen Wasserleitungen entlanggehen, denn landschaftlich sind die Wege absolut reizvoll.

Zusammen mit der Filmemacherin Andrea Meier, die die Wanderung als Film umsetzt, wandere ich von der Riederalp hinauf zur Riederfurka und vorbei an der im viktorianischen Stil erbauten Villa Cassel. Sie dient heute als Naturschutzzentrum und Hotel von Pro Natura. Nach einem kurzen Abstieg durch den Aletschwald gelangen wir auf die sogenannte «Oberriederi», eine der längsten und ältesten Wasserleitungen im Aletschgebiet. Im 14. Jahrhundert ist sie erstmals in einer Urkunde erwähnt: Damals leitete sie das Wasser eines Gletscherbachs ins Gebiet von Oberried und Ried-Mörel.

Überwältigende Flusslandschaft

Die Filmerin Andrea Meier und Redaktor Thomas Compagno auf dem Suonenweg.

Die Filmerin Andrea Meier und Redaktor Thomas Compagno auf dem Suonenweg.
http://www.coopzeitung.ch/Nervenkitzel+inbegriffen Die Filmerin Andrea Meier und Redaktor Thomas Compagno auf dem Suonenweg.

Wir folgen ihren Spuren durch einen relativ jungen, erst etwa 70 Jahre alten Arven- und Lärchenwald. Er entstand nach dem grossen Waldbrand von 1944. Unterwegs kreuzt ein Birkhuhn unsern Weg, verschwindet aber rasch im Unterholz, das hier üppig herumliegt. Der Aletschwald ist Naturschutzgebiet. Es wächst, was wächst, und es bleibt liegen, was umstürzt. Wenig später huscht eine Gämse vorbei, ist aber weg, ehe ich sie richtig gesehen habe.

Auf, manchmal unter und manchmal über dem Verlauf der Oberriederi windet sich der Weg der Bergflanke entlang. Das Wandern ist hier anspruchsvoll. Weil wir gleichzeitig Filmaufnahmen machen, müssen wir doppelt aufpassen: Wenn ein Auge stets auf das Display blickt, leidet die Trittsicherheit.

Der Unterhalt der Suonen war die Aufgabe der sogenannten Sander. Unter anderem mussten sie den Sand aus den Känneln entfernen, daher ihr Name. Die Arbeit war gefährlich. So mancher Sander stürzte zu Tode (siehe auch Box «Der letzte Sander von Oberried», Seite 87). Seit 1946 verläuft das Wasser in Stollen. Die Oberriederi brauchte man nicht mehr. Sie wurde nicht mehr unterhalten und ist im Laufe der Jahre verfallen – so wie viele Suonen. Heute sieht man nur noch rekonstruierte Teile.

Als wir bei einem Abschnitt der rekonstruierten Suone vorbeikommen, wage ich ein paar Schritte auf der Ganglatte und bekomme einen Eindruck von der Gefährlichkeit der Arbeit. Man steht auf einer nur wenige Zentimeter breiten Holzplanke. Ungesichert. Darunter ist Leere. Gut, meine Leere war nur 70 Zentimeter hoch, diesen Sturz hätte ich noch aufgefangen. Aber die ursprünglichen Suonen wurden an senkrechte Felswände gebaut.

Landschaftlich richtig aufregend

Kurze Zeit später müssen wir uns entscheiden. Wir könnten der Oberriederi weiter in Richtung Ried-Mörel folgen und dort mit der Bahn ins Tal fahren. Doch wir haben noch nicht genug von Suonen und nehmen den Weg nach Thäl. Dort folgen wir den Schildern «Zum Massaweg» und gelangen zu einer weiteren Suone. Sie hatte einst das Wasser der Massa ins Dorf Ried, in die Weiler am Hang gebracht. Der Massaweg ist landschaftlich noch aufregender als jener der Oberriederi entlang, mit exponierten Stellen, dafür topografisch leicht. Schwindelfreiheit ist hier von Vorteil, permanente Aufmerksamkeit auch. Technisch ist der Weg einfach. Es gibt nur sanfte Auf- oder Abstiege. Bei den heiklen Passagen sind Halteketten angebracht. Als wir die aufregendsten Teile des Weges hinter uns haben, bleibt die Erinnerung an ein überwältigendes Naturerlebnis zurück. Aber auch die Erleichterung, es geschafft zu haben.

Beim «Chäliwald», dem untersten Teil des Riederwaldes, verlässt der Wanderweg das Trassee der Suone. Kurz vor der Staumauer des Stausees Gibidum überqueren wir die Massa und erreichen durch einen etwas verwunschen anmutenden Wald Blatten b. Naters.

Freilichttheater - Der letzte Sander von Oberried

Vom 11. Juli bis 18. August 2018 wird auf der Riederalp das Freilichtspiel «Der letzte Sander von Oberried» aufgeführt. Das Stück basiert auf dem Roman der 1875 geborenen Catherine Bürcher-Cathrein, die in eine Zeit zurückführt, als die Sorge um Wasser ein ständiger Begleiter war, oft auch der Tod: «Wasser ischt Läbu, keis lat stärbu. Wasser git Brot, keis bringt Not.» schrieb die Autorin 1931. Die Uraufführung des Freilichtspiels findet am 11. Juli 2018 statt.

Mehr Infos finden Sie hier

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Thomas Compagno

Redaktor

Foto:
Thomas Andenmatten; Karte: Rich Weber
Veröffentlicht:
Montag 25.06.2018, 09:00 Uhr

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