Neu-Seh-Land-Abend

Sie:  Manche Dinge brauchen ihre Zeit: Wir sind bei Schneiders Uraltkumpel zum Dia-Abend eingeladen. Gezeigt werden die Bilder der beiden, als sie Mitte der 90er-Jahre in Neuseeland wandern waren. Hat also nur zwei Jahrzehnte gedauert. 

 
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Schneiders Freund versicherte mir grinsend, dass er die 450 Dias ein wenig aussortiert habe und jedes auch nur ein paar Minuten zeigen würde. Uff. Dia-Abende gehören bei mir zur Kategorie Kollektiv-Qual. Mein erster Schwarm zeigte gerne stundenlang fade Dias von Blüten und rezitierte selbst geschriebene Gedichte dazu. Ich war sehr verliebt, der Typ nannte das eine Performance, heute nenne ich das nur noch eine Zumutung.

«

Dia-Abende sind für mich eine Qual, eine Zumutung.»

«Bist du bereit, mich knapp zwanzig Jahre jünger anzuschauen?», fragt Schneider. Bin ich das? «Damals hatte ich noch Haare und keinen Bauch.» Ach? «Womöglich gefalle ich dir nicht mehr, wenn du siehst, wie ich mal aussah.» Jetzt muss ich doch mal etwas klarstellen: «Du gefällst mir mit jedem Gramm mehr und jedem Haar weniger immer besser. Daran wird kein Dia-Abend etwas ändern.» Schneider seufzt: «Das will ich hoffen.» Ich frage mich vielmehr, ob Schneider bereit ist, seinem Antlitz von vor zwanzig Jahren zu begegnen?

Er: Gut Ding will Weile haben, und ich freu mich, dass sich mein alter Freund mächtig ins Zeug gelegt hat für unseren Nostalgie-Neuseelandabend. Leckerer Weisswein aus dem Marlborough, eine butterzarte Lammkeule und mit grosser Sorgfalt ausgewählte und einsortierte Dias. Click! Zuerst ist er ein paar Mal zu sehen. Ganz schön jung sieht mein Freund aus, lange Haare, Piercing im Ohr. Klasse! Fast ein bisschen verwegen und wild. Click! Jetzt ich. Gut in Form. Click! Volles, blondes Haar. Click! Sportliche Figur, muss ich sagen, kein Gramm Fett, viele Kilo reine Muskeln. Click! Sixpack! Click! Schnauzbart um Mund und Kinn. Click!

«

Ich könnte mir stundenlang zusehen.»

Knallblaue Augen in ... Click! ... braun gebranntem Gesicht. Verdammt! Ich war ja mal richtig attraktiv! Ich könnte mir stundenlang zusehen. «Hey, nicht so schnell, ich komme fast nicht nach mit Schauen», bitte ich meinen ehemaligen Mitwanderer. Da tätschelt jemand meinen karg bewachsenen Kopf. Ich drehe mich im tief liegenden Sessel etwas mühsam um – der Bauch ist ein klein wenig im Weg – und entdecke im Halbdunkel meine zehnjährige Tochter hinter der Lehne. Sie strahlt mich an: «Papi, zum Glück siehst du heute viel, viel schöner aus.»

Das Buch mit den besten Coop-Kolumnen der letzten Jahre, «Spesen einer Ehe», bei www.schreiber-schneider.ch erhältlich.

 (Coopzeitung Nr. 22/2015) 

Mehr zu den Kolumnisten unter: www.schreiber-schneider.ch

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Sybil Schreiber, Steven Schneider

Kolumnisten

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 25.05.2015, 08:00 Uhr

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