Gewöhnungsbedürftig – aber fein: knusprige Wanderheuschrecken mit Hokkaidokürbis, Curryblättern und Jogurt.

Neuer Genuss: Tierisches Protein mal anders

In unseren Breitengraden haben Krabbeltiere auf dem Teller nichts verloren. Aber das ändert sich: Ab Frühling sind Insekten-Produkte bei Coop erhältlich. Pfui Grille? Mitnichten, wie der Selbstversuch zeigt.

Ein Blick hinter die Kulissen: die Autorin mit Küchenchef Andreas Halter.

Ein Blick hinter die Kulissen: die Autorin mit Küchenchef Andreas Halter.
Ein Blick hinter die Kulissen: die Autorin mit Küchenchef Andreas Halter.

Was zieht man zum Date mit Mehlwurm, Heuschrecke und  Co. an? Gummistiefel und Gärtnerhose? Irgendwie scheint mir das noch passend. Oder doch eher ein hübsches Kleid? Ich entscheide mich für Letzteres – die Einladung ins Tropenhaus Wolhusen ist schliesslich keine gewöhnliche. Oder sind Sie schon mal zum Insect-Dining – einem Insekten-Znacht – eingeladen worden? Eben!

Kaum angekommen, stellt sich jedoch heraus, dass die Hauptdarsteller des Abends meine Garderobe-Bemühungen nicht würdigen werden. Die Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken haben ihr Krabbelstadium längst hinter sich gelassen. Was an diesem Abend auf meinem Teller landet, ist raffiniert gewürzt, verfeinert, von Schokolade umhüllt oder Currysauce umschmeichelt. Und in den meisten Fällen sind die Insekten als solche gar nicht mehr erkennbar.

Dämpfer für die Neugier

Apéro-Knabbereien mal anders: Statt Nüsschen gab es geröstete Grillen.

Apéro-Knabbereien mal anders: Statt Nüsschen gab es geröstete Grillen.
Apéro-Knabbereien mal anders: Statt Nüsschen gab es geröstete Grillen.

Um eines klarzustellen: Meine Erfahrung mit dem Essen von Insekten beschränkt sich auf einige unfreiwillig geschluckte Käfer und Mücken beim Joggen oder Velofahren – was ich jeweils alles andere als toll fand. Aber so neugierig und experimentierfreudig wie ich bin, wollte ich mir das Insekten-Dinner nicht entgehen lassen. So schlimm kann das nicht sein, schliesslich essen zwei Milliarden Menschen mit der gleichen Selbstverständlichkeit Insekten wie wir Fleisch. Beim Lesen der Speisekarte (knusprige Wanderheuschrecke, Mehlwurmkrapfen, Insektengarten mit Schokolade) wird mir nun aber doch ein bisschen anders. Jetzt, wo es so weit ist, merke ich, dass es gedanklich eben doch einen Unterschied macht, ob ich erstmals in eine Okra-Schote oder in eine Heuschrecke beisse. Also aufgeben? Feststellen, dass Insekten und ich einfach nicht zusammenpassen? Das geht irgendwie auch nicht – schliesslich möchte ich aufgrund eigener Erfahrungen urteilen können, ob Insekten für mich als Nahrungsmittel infrage kommen.

Vielleicht brauchts vorher einfach ein Glas Wein – das soll bekanntlich schon manchen nervösen Redner vor seinem Auftritt beruhigt haben. Ausserdem gibts in der Tropen-Lounge etwas zu knabbern, es bietet sich also die Chance, den Bauch auf unverfängliche Art mit Salznüssli und Schnittchen zu füllen. Der genauere Blick auf die Knabbereien weckt jedoch den Wunsch nach etwas Stärkerem als Wein. Das Knabberzeug in den Gläsern entpuppt sich nämlich als geröstete Grillen beziehungsweise geröstete Mehlwürmer und die Crostini sind beschriftet mit «Tomate-Mehlwurm» und «Mehlwurm-Erbsen-Wasabi». Na bravo!

Nun ist er also gekommen, der Moment. Angesichts einer ganzen Reihe munter knabbernder Dinner-Teilnehmer fasse ich mir ein Herz und greife nach einem Glas mit gerösteten Mehlwürmern. Der Blick auf die gelbbraunen Tierchen (nennt man die in diesem Fall überhaupt noch so?) lässt mich leer schlucken. Der Eindruck, dass sich diese auf dem Schöpflöffelchen winden, täuscht. Das liegt einzig und allein an meinen zitternden Händen.

Grandiose Mehlwurm-Crostini

Mehlwurm-Crostini: mal mit Wasabi und Erbsen, mal mit Tomaten.

Mehlwurm-Crostini: mal mit Wasabi und Erbsen, mal mit Tomaten.
Mehlwurm-Crostini: mal mit Wasabi und Erbsen, mal mit Tomaten.

Und dann … ist alles halb so wild. Eigentlich sogar fein. Die gerösteten Grillen und Mehlwürmer sind leicht knusprig und fein gewürzt. Etwas gewöhnungsbedürftig ist einzig der Umstand, dass geröstete Insekten beim Kauen keine cremige Konsistenz entwickeln wie Nüsse dies tun, sondern bröckelig bleiben. Aber alles in allem: Momoll, lässt sich essen. Die gut als solches identifizierbaren Knabber-Insekten haben zudem den Vorteil, dass mit ihnen meine Vorbehalte und Bedenken gefallen sind: Die Bedenken sind weg, entspannte Neugier macht sich breit. Der Griff zu den Mehlwurm-Crostini fällt daher leicht. Vor allem aber lohnt er sich. Während die Tomaten-Variante das Prädikat «toll» erhält, bringt mich die  Wasabi-Erbsen-Kreation ins Schwärmen.

Oder anders gesagt: Auch im Umgang mit den ungewohnten Zutaten beweist Küchenchef Andreas Halter, dass er seine 14 Gault-Millau-Punkte verdient hat. Die Aufgabe habe ihn sehr gereizt, sagt er. «Da weder Grillen noch Mehlwürmer oder Heuschrecken einen ausgeprägten Eigengeschmack haben, war die Aufgabe eigentlich gar nicht so schwierig.» Mit seiner falschen Nuss-Glace beweist der 33-Jährige allerdings, dass er den Eigengeschmack der Tiere (in diesem Fall jenen der Mehlwürmer) durchaus einsetzen und seine Gäste zum Strahlen bringen kann. Ganz ehrlich: Persönlich ziehe ich die Mehlwurm-Glace einem Magnum definitiv vor, Badi-Klassiker hin oder her. Und für alle Insekten-Skeptiker: Ohne Vorwissen würde niemand ahnen, dass diese Glace ihr Aroma nicht aus Nüssen, sondern aus Mehlwürmern zieht.

Auch bei Mehlwurmkrapfen gilt: Probieren lohnt sich definitiv.

Auch bei Mehlwurmkrapfen gilt: Probieren lohnt sich definitiv.
Auch bei Mehlwurmkrapfen gilt: Probieren lohnt sich definitiv.

Toll schmeckt auch der Mehlwurmkrapfen, der mit einer würzigen Currysauce serviert wird. Etwas schwieriger wird es dann erst wieder beim Insektengarten. Erstens ist mittlerweile eine gewisse Sättigung da, und zweitens scheint mir, die in Schokolade getunkten Heuschrecken werfen mir aus ihren schwarzen Augen vorwurfsvolle Blicke zu. Nun also doch: Ich gebe auf – aber im Wissen, dass Insekten bei mir zukünftig durchaus einen Platz auf dem Teller haben werden.

  

Ab Mai in den Läden

Im Dezember hat der Bundesrat grünes Licht gegeben für den Handel und Verkauf von Insekten. Konkret dürfen ab Mai dieses Jahres Mehlwürmer, Grillen und Wanderheuschrecken verkauft werden. Als erster Lebensmittelhändler will Coop ab diesem Zeitpunkt in ausgewählten Verkaufsstellen erste Produkte auf Insektenbasis anbieten.

Der Start wird mit verschiedenen Variationen von Burgern und Hackbällchen erfolgen. Es sollen jedoch weitere Produkte folgen, sagt Roland Frefel, Leiter Frischprodukte bei Coop. «Lebensmittel aus Insekten sind sehr nachhaltig, weil die Zucht sehr wenig Wasser und Futter benötigt.» Auch enthielten sie sehr hochwertige Proteine. «Vor allem aber schmecken Insekten gut: so ähnelt der Geschmack von Wüstenheuschrecken jenem von Poulet und Mehlwürmer haben ein feines, nussiges Aroma.»

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Regula Bättig

Redaktorin

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 09.01.2017, 10:00 Uhr

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