Ruth Rohrer und John Wittwer brachten beide eigene Möbel mit in den gemeinsamen Haushalt, etwa ihre Sessel.

Wenn Paare zusammenziehen

Ein gemeinsamer Haushalt verändert den Beziehungsalltag. Zwei Paare erzählen von ihren Erfahrungen, Paar-Experte Guy Bodenmann gibt Tipps.

Sollen wir oder sollen wir nicht? Die Frage nach dem Zusammenziehen stellt sich irgendwann jedem Paar. Wie weiss man, dass man es wagen kann? «In der Regel spürt man dazu das Bedürfnis und merkt, dass es für einen jetzt stimmt, mit dem Partner zusammenzuziehen», sagt Guy Bodenmann, Professor für Klinische Psychologie an der Uni Zürich. Dieser Schritt bringt viel Neues mit sich. «Ein Grossteil der Privatsphäre entfällt, das Zusammenleben wird intensiver und persönlicher», weiss der Spezialist für Paarbeziehungen. «Man lernt den Partner dadurch besser kennen und entdeckt dabei möglicherweise Ecken und Kanten, die bei gelegentlichem Sehen besser überdeckt werden konnten und einem bislang nicht auffielen.»

John Wittwer (68) und seine Partnerin Ruth Rohrer (72) legten ihre Haushalte vor acht Jahren zusammen – vier Jahre, nachdem sie sich kennengelernt hatten.  Ruth hatte zuvor zehn Jahre allein in einer Eigentumswohnung gewohnt, John lebte seit dem Auszug seiner Tochter ebenfalls allein. «Wir sahen uns an den Wochenenden und unter der Woche und machten zusammen Ferien. Das stimmte so.» Und doch sei es heute «schön, nach Hause zu kommen und es ist jemand da».

Beide sollen mitgestalten können

Sie machten sich also auf die Suche nach einem gemeinsamen Heim. «In meiner Wohnung hätten wir ein Zimmer zu wenig gehabt», so Ruth. Zudem wollten sie gemeinsam etwas Neues suchen. Eine gute Idee, findet Psychologe Guy Bodenmann: «Es ist besser, wenn beide ein neues Heim mitgestalten können.» Es stellte sich jedoch als schwierig heraus, eine Wohnung zu finden, die sowohl von der Grösse als auch von der Raumaufteilung passte. Und in der Stadt Bern, wo beide schon zuvor wohnten, sollte sie auch noch liegen. «Schliesslich kamen wir zum Schluss, dass Johns Wohnung optimal ist.» Ruth war anfangs nicht ganz wohl beim Gedanken, in einen bestehenden Haushalt einzuziehen: «Ich hatte die Befürchtung, dass ich mich nicht einbringen kann.» Eine nicht unbegründete Sorge. «Wenn der eine beim anderen einzieht, sei es auf Probe oder definitiv, können sich nicht beide gleichermassen, symmetrisch einbringen», gibt Guy Bodenmann zu bedenken. Das schaffe ein Ungleichgewicht, das «den Keim für spätere Konflikte legen» könne.

Doch John versicherte Ruth, dass er die Wohnung «in Gedanken komplett ausräumen» und mit ihr zusammen neu einrichten werde. «Es ist wichtig, dass der Eingesessene dem Einziehenden gleiche Rechte einräumt», weiss Bodenmann. Johns Versprechen überzeugte Ruth. Sie verkaufte ihre Eigentumswohnung und zog zu John in dessen 5-Zimmer-Mietwohnung. Diese richteten sie gemeinsam ein. Heute ist etwa das Esszimmer da, wo zuvor das Wohnzimmer war – und umgekehrt. «Es kann eine Chance sein, dass das Paar die Gelegenheit erhält, etwas Bestehendes umzugestalten und so Erfahrungen bezüglich Flexibilität und gegenseitiger Wertschätzung zu machen sowie Kompromisse zu finden und gemeinsam Probleme zu lösen», weiss Bodenmann. «Diese Erfahrungen werden im Verlauf des gemeinsamen Lebens wichtig bleiben.»

Dass John und Ruth einen ähnlichen Geschmack haben, hat ihnen bei der Einrichtung in die Karten gespielt. «Viel hat gleich zusammengepasst», erinnern sie sich. Dennoch hätten sie sich Zeit gelassen mit der Einrichtung. «Wir sind beide tolerant und sind einander entgegengekommen.» Manche Dinge, wie etwa den Esstisch, brachte Ruth mit, das Büffet stammt aus Johns Besitz. Und im Wohnzimmer steht von beiden je ein Sessel. Einiges kauften sie gemeinsam neu, etwa das Sofa oder die Stühle zu Ruths Tisch. Und Ruth brachte Vorhänge an, die vorher gefehlt hatten. «Es war halt schon eine Junggesellenbude», sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Jedem seine Nische

Endlich ein richtig grosses Sofa! Laurent Kummer und Meret Mäder geniessen ihr neues Heim.

Doch bei aller Gemeinsamkeit haben beide auch ihre Rückzugsorte. Jeder hat sein eigenes Schlafzimmer, in dem er die Hoheit über die Einrichtung hat. «Das war ein bewusster Entscheid», so John. Er hat in seinem Zimmer etwa einen Kleiderschrank, den er von seiner Mutter geerbt hat. «Für uns ist diese Form des Zusammenlebens ideal und wir möchten nicht mehr zurück.» Diesen Luxus könnten sich jedoch nicht alle leisten. Dennoch sei es wichtig, «dass beide ihre persönliche Nische haben, beispielsweise einen eigenen Schreibtisch», so Guy Bodenmann.

Wenn zwei bestehende Haushalte zusammengelegt werden, findet nicht alles Platz im neuen Heim. Daher gaben sowohl John als auch Ruth viele Dinge weg. «Ich machte in der alten Wohnung einen Bazar für Freunde und Familie, den Rest gab ich ins Brocki», erzählt Ruth. John machte es ebenso. Aufbewahrt für den Fall, dass das Zusammenwohnen nicht klappen sollte, haben sie nichts. Auch Bodenmann findet: «Weg mit überflüssigem Hausrat, den Neuanfang in den Vordergrund stellen. Ohne Absicherungsszenario, falls es nicht funktionieren sollte.» Ruth sagt dazu: «Ich hätte nicht zurück ins Alte gewollt.»

Einfach mal ausprobieren

An einem ganz anderen Punkt stehen Meret Mäder und Laurent Kummer. Die beiden 24-Jährigen wohnen erst seit zweieinhalb Monaten in einem gemeinsamen Haushalt – vorher hatte jeder ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. «Nach fünfeinhalb Jahren WG hatte ich Lust auf etwas Neues, Eigenes», sagt die Fachfrau Gesundheit. «Und wir wollten herausfinden, ob das Zusammenwohnen klappt», ergänzt Laurent. Schliesslich sei es nicht sinnvoll, jahrelang zu warten. Im Sommer entschieden sie sich, es einfach auszuprobieren – und sind glücklich mit ihrer Entscheidung, die doch einige Veränderungen bedeutet. «Zusammenwohnen verändert die Dichte der Interaktionen zwischen den Partnern und testet die Partnerschaft damit wesentlich stärker, als dies bei getrennten Wohnungen und gelegentlicherem Zusammensein der Fall ist», erläutert Psychologe Bodenmann. «Nun sind auf einmal Entscheidungen über ganz alltägliche Dinge gemeinsam zu treffen, man muss sich absprechen, gemeinsam organisieren und koordinieren, sich dem anderen anpassen, zusammen Lösungen finden.»

Diese Umstellung scheint den beiden keine Mühe zu bereiten – etwa punkto Hausarbeit: «Wer was macht, ergibt sich von selbst – schon aus zeitlichen Gründen», so Meret. In der Ausführung ticken sie unterschiedlich: «Ich mache lieber alles am Wochenende. Meret macht immer mal wieder ein bisschen was», erzählt Laurent. Auch beim Einrichten haben beide ihre Spezialgebiete. So ist Meret eher für die Dekoration zuständig. «Details wie das Geschirr oder die passende Decke zu den Sofakissen sind mir wichtig», sagt sie. Laurent hingegen, ausgebildeter Dekorateur, habe eher das Auge dafür, wo Bilder und Spiegel hängen sollen.

«Gemeinsam» ist das Zauberwort

Anders als John und Ruth besassen Meret und Laurent nicht bereits je einen komplett eingerichteten Haushalt. «Manche Sachen wie etwa Laurents Bett oder unsere Kleiderschränke haben wir zwar behalten und in die neue Wohnung integriert», so Meret. «Es waren aber einige Neuanschaffungen nötig.» Die bisher grösste ist das Sofa, eine veritable Liegewiese. «Ich habe mich darauf gefreut, Neues zu kaufen», erzählt Meret. Was neu ist, gehört beiden. «Wir haben darauf geachtet, dass beide etwa gleich viel bezahlen, haben aber nur grob gerechnet», erklärt Laurent.

Gemeinsam Anschaffungen zu tätigen, ist in den Augen des Experten förderlich für das «Wir-Gefühl» in der Beziehung: «Wichtig ist, dass ein Paar zusammen etwas Gemeinsames gestaltet, dass es die Anschaffungen als gemeinsame Investition sieht, dass es die Möbel zusammen auswählt, bezahlt und sich gemeinsam daran freut.» Dieses Engagement könne sich zwar später als falsch erweisen, doch ein Verzicht darauf sabotiere das Gelingen der Partnerschaft zum Vornherein. Für Meret und Laurent ist klar: Sie wollen weiterhin gemeinsam an ihrem neuen Zuhause arbeiten. Vorhänge und Lampen fehlen noch und Merets zum Esstisch umfunktionierter Schreibtisch soll bald einem richtigen Esstisch weichen.

Guy Bodenmann, Professpr für Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien an der Uni Zürich.

Guy Bodenmann, Professpr für Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien an der Uni Zürich.
http://www.coopzeitung.ch/Neuland+_+Wenn+Paare+zusammenziehen Guy Bodenmann, Professpr für Klinische Psychologie mit Schwerpunkt Kinder/Jugendliche und Paare/Familien an der Uni Zürich.

Freizeit

Das Paar sollte ausreichend Zeit für sich haben und gemeinsame Momente festlegen. Auch Zeiten für jeden Einzelnen sollten klar definiert werden.

Kosten

Wichtig ist, dass beide die Aufteilung als fair erleben. Wenn die Kosten nicht hälftig geteilt werden, sollte derjenige, welcher weniger bezahlt, dies auf andere Weise ausgleichen oder versuchen, das Gleichgewicht über die Zeit wiederherzustellen.

Sauberkeit und Ordnung

Unterschiedliche Ansprüche können zu chronischen Konfliktpunkten werden. Wenn die Partner sehr unterschiedliche Vorstellungen von Sauberkeit haben, sollten sie sich diesbezüglich austauschen und nach Kompromissen suchen.

Hausarbeit

Häufig ist die Wertschätzung, welche man vom Partner erfährt, wichtiger als die Aufteilung der Arbeiten selber. Dass sich Paare die zu erledigenden Hausarbeiten fair aufteilen oder unliebsame Arbeiten im Rotationsprinzip machen, kann sich als günstig erweisen. Voraussetzung für ein Gelingen ist jedoch, dass man die Verantwortung abgibt und den anderen die Arbeit auf seine Art ausführen lässt.

Partnerschaftsvertrag

Solche Verträge können eine gewisse juristische, jedoch keine emotionale Sicherheit schaffen. Studien zeigen, dass sich Paare mit einem Partnerschaftsvertrag und Gütertrennung häufiger trennen oder scheiden lassen.

Besuchsrecht

Es gilt, gemeinsam Regeln aufzustellen, wie häufig wer zu Besuch sein darf, wer einen Schlüssel erhält etc.

Frage der Woche

«

Wie klappte das Zusammenziehen mit dem Partner?»

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Noëmi Kern

Redaktorin

Foto:
Heiner H. Schmitt; ZVG
Veröffentlicht:
Montag 14.11.2016, 15:53 Uhr

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