Ein fauchender herrenloser Kater sucht ein neues Zuhuse.

Niemand sucht Niemand

Keiner vermisst diesen herrenlosen Kater. Und es sieht so aus, als ob auch keiner den Streuner haben möchte. Kein Wunder: Er faucht alle an und lässt sich nicht gern streicheln.

Es war mitten in der Nacht. Umständlich suchte ich im Gebüsch die verletzte Katze, die ein Passant gemeldet hatte. Zweimal bereits hatte ich sie gesehen, dann kroch sie hinkend, aber schnell ins nächste Gebüsch. Die Jagd schien aussichtslos. Jedes Mal, wenn ich sie sah, verschwand sie wieder. Langsam wich meine Hilfsbereitschaft dem Ärger: «Katze, ich muss morgen – nein, heute, früh raus. Mein Tag ist voll mit Terminen und ich möchte gerne noch etwas schlafen. Wenn du dir nicht helfen lassen willst, so lass es sein!», sagte ich laut. Wütend packte ich meine Taschenlampe und ging zurück zum Auto. Dann fuhr ich noch ein letztes Mal durch das Quartier. Da lag die Katze auf dem Trottoir. Als hätte sie mich verstanden, konnte ich sie mit einem Handschuh packen und in ein Körbchen verfrachten.

In der Praxis schaute ich sie mir an. Sie hatte sich die Nase aufgeschlagen und ihr Hinterbein war offensichtlich gebrochen. Auch schien sie wild zu sein. Ich konnte sie nur am Nacken anfassen. Nach der Erstversorgung gönnte ich ihr und mir noch etwas Schlaf. Am nächsten Morgen suchten wir in den Vermisstenanzeigen. Niemand schien auf diese auffällig gezeichnete schwarz-weisse Katze zu warten. Es war ein junger Kater. Irgendwer hatte ihn kastrieren lassen, also hatte sich jemand um ihn gekümmert. Weil er sich aber kaum anfassen liess, kam ich zum Schluss, dass er wohl von einem angrenzenden Bauernhof stammte.

Wir nannten ihn Nobody, «Niemand», da sich trotz Nachfragen niemand als Besitzer fühlte. «Zum Glück hat dich wenigstens der Autofahrer bemerkt und angerufen!», meinte ich zum Fauchen, das regelmässig aus dem Käfig drang. Sein zweites Glück war, dass Nobody einen einfach zu operierenden Beinbruch hatte. Seinen Oberschenkelkopf musste ich entfernen und er konnte ohne Schiene oder Verband in seinem kleinen Käfig gesund werden. Wir suchten ein Plätzchen für Nobody, was aber schwierig war. Er musste, falls sich innert zwei Monaten sein Besitzer trotzdem noch finden liess, zurückgegeben werden. Auch war ein fauchendes, scheues, operiertes Etwas kaum die Traumkatze eines Haustiersuchenden. Der Zufall brachte mir eine Kundin, die für ihre Tochter eine Katze suchte. «Sie ist immer ausser Haus, hängt der Karriere nach und geht in den Ausgang. Aber sie liebt Katzen und will unbedingt eine haben!» Ich versuchte der Mutter klarzumachen, dass dies nicht unbedingt ein katzenwürdiges Zuhause war. Dann sagte die Mutter etwas Wichtiges: «Ich suche eine Katze, die viel draussen sein will und sich nicht viel aus Menschen macht. Da meine Tochter im Grünen wohnt, könnte sich eine freiheitsliebende Katze sehr wohlfühlen. Ich wohne gleich nebenan und kann mich ebenfalls um sie kümmern, ist meine Hauskatze doch inzwischen alt.» Mir ging ein Licht auf. «Ich glaube, da hätte ich was für Sie!»Nicht alle Katzen lieben Menschen über alles. Viele bleiben zurückhaltend.


 (Coopzeitung Nr. 09/2014)

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Chantal Ritter

Tierärtztin

Foto:
Alamy
Veröffentlicht:
Freitag 21.02.2014, 14:57 Uhr

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