Rezitiert mit starkem Ausdruck: Dichterin Nora Gomringer (fotografiert im Park Hotel Winterthur).

Nora Gomringer: «Wer überlebt, hat einen Auftrag»

Mit Gedichten aufgewachsen, macht sie nun selber welche und setzt sie eindrucksvoll in Szene – eine Star-Poetin mit Schweizer Wurzeln.

Ein berühmter Dichter als Vater – Eugen Gomringer begründete die Konkrete Poesie – und eine Germanistin als Mutter – da ist schon ein wenig vorgespurt. Doch die Tochter hat das Talent auf bemerkenswerte Weise entwickelt, als Slampoetin ebenso wie als Direktorin eines Internationalen Künstlerhauses. Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer (35) steht an der Frankfurter Buchmesse im Rampenlicht und liest bald auch wieder in der Schweizer Heimat ihres Vaters.

Was haben Sie als Mädchen gelesen – die typischen Kinder- und Jugendbücher?
Meine Mama ist den Klassikern sehr zugetan. Es gab viel Rückert und Heine, aber auch Märchen aus der Badewanne: Meine Mutter, bedeckt von Schaum, die Zigarettenspitze in der einen Hand und in der anderen den Bechstein-Band, las mir vor, während ich vor der Wanne auf dem Teppich sass. Das Bad war in dem alten Bauernhaus auch oft der wärmste Raum. Als ich später selber zu lesen anfing, waren es vor allem Gedichtbände, die mir in die Hände fielen.

Also keine Abenteuergeschichten …
Ich habe ein wenig TKKG gelesen, weil ich dachte, das müsste ich. Viele Jugendliche erliegen dem Druck, den Erwartungen der Gesellschaft entsprechende Bücher zu lesen – aussen bunt, innen erklären sie irgendeine Moral. Richtig viel gelesen habe ich erst mit 17 als Austauschschülerin in den USA. Prosa interessierte mich nicht so sehr und war bei uns zu Hause auch weniger präsent.

Als Sie auf die Welt kamen, war Ihre Mutter fast 40, der Vater über 55. Das ist nicht immer einfach es hält zwar die Eltern jung …
… aber die Kinder macht es alt, ja! Ich bekam das als Kind oft zu hören: So reif und gedank-lich schon so weit, bla, bla … Die Mädchensucht ist ja das Gefallen, und das war sicher eine wichtige Taktik, um neben diesen beiden Eltern zu bestehen. Für die war das Kinderkriegen ja nichts Besonderes mehr und auch nicht sehr, dass ich ein Mädchen war. Ich war halt einfach neben meinen Brüdern ein weiteres Kind, die Nummer acht. Mutter und Vater haben sehr viel gearbeitet in dieser Zeit. Ich war ein sehr mir selbst überlassenes Dorfkind, und die Dorfkin-der – das war eine Erziehungsmaxime meiner Mutter – sollen sich ein wenig langweilen, da-mit etwas aus ihnen wird. Nicht das Kind überbeschäftigen mit irgendwelchen Aktionen! Meine Eltern sind ja jetzt noch mit 74 und 90 voll berufstätig. Das kam uns Kindern insofern zugute, dass da keine Einmischung in Lebenswege passiert. Bei mir hiess es nur: Mach Dein Abitur, der Rest ist uns egal. Das ist in der Jugend sehr, sehr verletzend und schwierig, weil man denkt: Ist alles egal, was ich mache? Interessiert das keinen? Aber am Ende habe ich gemerkt, dass es für mich ganz gut so war. Ich mache das, was ich mache, weil nie jemand gesagt hat: Tu das nicht!

Was hat Sie an der Poesie so fasziniert, dass Sie heute selber Gedichte schreiben?
Ich glaube, das ist die einzige Art, wie ich Sprache verstehe und für mich selbst als Leser ak-zeptiere: eine Sprache, die auf ihre Tragfähigkeit abgeprüft wurde   was das einzelne Wort angeht, die Kombination und die Form. Da ich wohl eine kürzere Konzentrationsspanne habe als andere Leute, fand ich Lyrik stets sehr bereichernd: Eine Nachricht in meist perfekter Form – das reicht mir schon als Gedankennahrung für eine kleine Wegstrecke.

Ausgerechnet den Bachmann-Preis haben Sie nun mit einer Erzählung gewonnen …
Ja, das ist in der Tat ungewöhnlich, aber dieser Text mit dem Titel «Recherche» – für meine Verhältnisse ein Monster von 25 Seiten! – ist um ein zentrales Gedicht herum geschrieben. Und darin ist auch schon die Kernaussage zu finden: Wenn es uns nicht gelingt, einen 13-jährigen Jungen zu halten, wenn wir den verlieren, dann ist bei uns doch irgendetwas total verquer und falsch. Nach dem Wettbewerb bekam ich übrigens Rückmeldungen, dass dieser Text nur gelingt, wenn man ihn laut vorliest. Da sage ich nur voilà – nichts anderes verlange ich: Jede Art Text muss vorgelesen, vorgetragen werden, sonst entgeht einem zu viel.

 
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Von Mutter: Gürtelspange.

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Aus Vilnius: Ding mit Federn.

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Sie reden ausschliesslich Hochdeutsch, obwohl Ihr Vater Schweizer ist – warum?
Mein Vater hat mich oft für die Sommerferien in die Schweiz geschickt. Ich war dann in Frauenfeld bei der Familie des damaligen Postchefs Felix Rosenberg, und die sollten mir ein wenig Schwyzerdütsch beibringen. Zum Glück waren sie reizend und kluge Menschen, denn ich war sehr schüchtern und fand es recht seltsam, dass meine Eltern mich so aussetzten. Mit Schwyzerdütsch wurde es dann nicht so viel. Ich bin schon froh, dass ich es verstehe. Aber dass ich es nicht aktiv nutzen kann, ist für mich eine ganz befremdliche Situation. So wirke ich immer wie die Besserwisserin und in Gesprächsrunden mit so wunderbaren Schwyzerdütsch-Sprechern wie Hazel Brugger und Christoph Simon klinge ich dann wie die Frau, die den Wetterbericht spricht. Das tut mir leid!

Sie sind viel unterwegs, kommen aber seit der Schulzeit stets wieder nach Bamberg zurück. Könnten Sie woanders leben?
Ich kann recht schnell an anderen Orten Glück empfinden und bin ja nur an meinen Laptop gebunden – das ist mein wahrer Aufenthaltsort. Ich bin eher ein virtuelles Wesen, das sich dann manifestiert, wenn es irgendwo eingeladen wird.  Ich könnte überall leben, glaube ich. Aber ich wollte nicht überall leben. Vor allem nicht in jeder Zeit. Bamberg ist viel Mittelalter und 18. Jahrhundert. Vom Krieg fast unberührt, die drittgrösste Fussgängerzone nach Prag und Venedig, Weltkulturerbe – und alles ist so schön, dass es einen fast gruselt.

Wie haben die Bamberger reagiert, als Sie den Bachmann-Preis bekamen?
Die waren alle unglaublich beeindruckt, dass einmal jemand aus ihrer Mitte in der Tagesschau war – das Grösste ever!  Und selbst meine Eltern, die so viel für Literatur und Kunst gemacht haben, werden jetzt nochmals geehrt, weil die Tochter in der Tagesschau war. Dabei gebühren natürlich alle Preise dem Papa, wenn es um das Lebenswerk geht. Nur gab es vor 50 Jahren noch nicht so viele Preise oder Stipendien. Ich falle jetzt in den goldenen Topf.

Leiterin des Internationalen Künstlerhauses in Bamberg und viel gefragte Autorin – um das zu vereinen, müssen Sie wohl sehr fleissig und diszipliniert sein?
Ja, und ich habe keine Texte auf Vorrat in der Schublade. Was ich schreibe, sind fast immer Auftragsarbeiten. Bei den Gedichten sind es dann selbst erteilte Aufträge. Jetzt zum Beispiel sag ich mir: Schreibe 25 Gedichte zum Thema und Phänomen Mode, damit ich die Trilogie beende – Morbus, Monster und Mode. 2017 im Frühjahr soll der Band erscheinen, das heisst, ich schreibe daran von September bis Dezember 2016. Frei assoziiertes Schreiben gelingt mir nicht mehr. Im Moment habe ich einfach nicht die freie Zeit und Gedankenweite. Und deshalb ist alles Schreiben Auftrag. Mir gefällt das.

Sie wirken sehr unerschütterlich – gibt es Dinge, die Sie aus der Fassung bringen?
Jede Art von Fremdenfeindlichkeit und herablassendes Sprechen mit anderen, vor allem mit älteren Menschen. Ungerechtigkeit im Kleinen wie im Grossen. Und der 11. September 2001 – ich war damals sehr nah am Geschehen. Seitdem hat mein Leben eine bestimmte Wendung genommen. Wenn man überlebt, hat man einen Auftrag, und den muss man bewusst wahrnehmen.

Vier Daten im Leben von Nora Gomringer

1980 Geburt in eine Bücher-Familie: Mutter ist Germanistin, Vater Poet und Professor.
2001 Am Leo-Baeck-Institut erlebt sie den Anschlag vom 9. September auf das World Trade Center in New York.
2015 Mit ihrem Beitrag «Recherche» gewinnt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis in Kla-genfurt.
2015 «Peng! Du bist tot!» – Projekt mit Jazz-Drummer Philipp Scholz an der Buch Basel (5. bis 7. November).

Hier geht es zu allen Infos über die Neuerscheinung
Hier gelangen Sie auf die Webseite von Nora Gomringer
Bericht: Bachmannpreis für Nora Gomringer

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Martin Winkel

Redaktor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 05.10.2015, 13:58 Uhr

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