Beim Vorstellungsgespräch gilt es, sich und seinen Nutzen für die Firma optimal zu verkaufen. 

Nur Mut! Werbung in eigener Sache

Um eine neue Arbeitsstelle zu finden, müssen wir uns bestmöglich verkaufen. Das ist nicht jedermanns Sache – doch es ist lernbar.

Coop-Personalchefin Nadine Gembler und ihr Team bearbeiten pro Tag mehr als 450 Bewerbungen.

Coop-Personalchefin Nadine Gembler und ihr Team bearbeiten pro Tag mehr als 450 Bewerbungen.
http://www.coopzeitung.ch/Nur+Mut_+Werbung+in+eigener+Sache Coop-Personalchefin Nadine Gembler und ihr Team bearbeiten pro Tag mehr als 450 Bewerbungen.

Im antiken Griechenland war die Arbeit Aufgabe von unfreien Menschen, nämlich von Sklaven und Dienern. Nach der Philosophie des Aristoteles als etwas Niedriges anzusehen. Ein paar Tausend Jahre später hat sich diese Einstellung grundlegend geändert. Heute definieren wir unseren Wert als Mensch unter anderem auch über unsere Arbeit – und darüber, wie wir in unserem Aufgabenbereich funktionieren. Umso wichtiger ist es, dass wir einer Tätigkeit nachgehen, die uns auch gefällt. Das wäre dann schon das höchste der Gefühle: die berufliche Selbstverwirklichung. Viele aber haben schon Mühe, überhaupt eine Stelle zu finden.

Denn obwohl die Schweiz als eine der stabilsten Volkswirtschaften der Welt gilt, sind auch wir vor Arbeitslosigkeit nicht gefeit. Im Januar dieses Jahres ist die Arbeitslosenquote in der Schweiz auf 3,7 Prozent gestiegen. Es ist dies der höchste Wert seit April 2010. Das sei zwar nicht besorgniserregend, so der Tenor der Wirtschaftselite, doch lässt es aufhorchen. Höchste Zeit also, die eigenen Bewerbungsunterlagen wieder einmal auf den neusten Stand zu bringen.

100 000 Bewerbungen pro Jahr

Nach dem Job-Interview nicht nur abwarten. Ein kurzes Dankes-Mail (am gleichen Tag) gehört dazu.

Nach dem Job-Interview nicht nur abwarten. Ein kurzes Dankes-Mail (am gleichen Tag) gehört dazu.
http://www.coopzeitung.ch/Nur+Mut_+Werbung+in+eigener+Sache Nach dem Job-Interview nicht nur abwarten. Ein kurzes Dankes-Mail (am gleichen Tag) gehört dazu.

Allein bei Coop Schweiz sind im vergangenen Jahr über 100 000 Bewerbungen eingegangen – also rund 455 pro Tag (Annahme: 220 Arbeitstage). «Daraus resultierten rund 5000 Eintritte», sagt Nadine Gembler, Leiterin Personal/Ausbildung national bei der Coop-Gruppe. In anderen Worten: Jedes 20. Dossier führte zur Anstellung. Doch die Wege zum Glück waren unterschiedlich. So gibt es auf der einen Seite die Spezialistenjobs, wie beispielsweise in der Informatik. 

Hier herrscht ein Arbeitnehmermarkt, das heisst: Es gibt mehr offene Stellen als Bewerber. «Diese Schere wird sich in Zukunft noch weiter öffnen», erklärt Gembler. Auf der anderen Seite steht der Verkauf wohl als bestes Beispiel für das, was einen Arbeitgebermarkt definiert. Es gibt mehr Kandidaten als ausgeschriebene Stellen, da der klassische Detailhandel nach wie vor sehr beliebt ist. Was das heisst? Nichts anderes, als dass wir uns mit unserer Bewerbung von der breiten Masse abheben müssen. Die Zeiten, in denen ein 08/15-Dossier zum monatlichen Lohnbeutel reichten, sind längst passé. Denn das Wort «Bewerbung» – und dessen scheinen sich viele nicht bewusst zu sein – hat mit «Werbung» zu tun; es steckt ja sogar im Wort drin. Um eine neue Stelle zu finden, müssen wir also Werbung in eigener Sache machen – uns bestmöglich verkaufen. Doch das ist nicht jedermanns Sache. Das ist mit Aufwand verbunden. Es erfordert, dass wir uns selbstkritisch hinterfragen und die Karten auf den Tisch legen. Doch dafür braucht es ein gewisses Mass an Selbstsicherheit, das wir nicht immer haben; erst recht nicht, wenn wir arbeitslos sind. Hinzu kommt, dass es oftmals eine Weile her ist seit unserer letzten Stellensuche, und wir meist nicht mehr ganz auf dem neusten Stand sind, wie man sich in der heutigen Zeit eigentlich richtig bewirbt.

Undurchsichtiges Netz

Bleiben Sie locker und verstellen Sie sich nicht.

Bleiben Sie locker und verstellen Sie sich nicht.
http://www.coopzeitung.ch/Nur+Mut_+Werbung+in+eigener+Sache Bleiben Sie locker und verstellen Sie sich nicht.

Die einfachste Variante, das denken sich viele, einfach mal das Wort «Bewerbung» bei Google eintippen, «da wird mir dann schon geholfen». Nur steht jetzt die Frage im Raum: Welchen Link dieser über 25 Millionen ausgespuckten Ergebnisse soll ich anklicken? Denn da locken Schlagwörter wie: «Bewerbungsschreiben – so gehts!», «Bewerbungen: in 15 Sekunden zum Erfolg» oder auch «Wir schreiben Deine Bewerbung – individuell und professionell». Es ist unmöglich, hier die Spreu vom Weizen zu trennen – zu unterscheiden, welcher Ratgeber gut ist und welcher nur allgemein Floskeln verbreitet. Davon gibt es viele, das weiss auch Nadine Gembler. Als Personalchefin von rund 43 000 Coop-Mitarbeitenden sieht sie oft Standard-Bewerbungen, welche zu wenig auf die ausgeschriebene Stelle eingehen. «Vor allem in individuelle Begleitbriefe», sagt sie, «wird zu wenig investiert.»

«

In individuelle Begleitschreiben wird zu wenig investiert.»

Nadine Gembler, Leiterin Personal/Ausbildung national bei der Coop-Gruppe

Dabei seien diese oftmals matchentscheidend, ob ein Bewerber zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird oder nicht. «Führen zwei Kandidaten ähnliche Qualifikationen in ihren Lebensläufen auf, dann lesen wir als Nächstes deren Anschreiben», erklärt Gembler. Geht aus diesen nicht hervor, warum sich der Kandidat für die offene Stelle besonders gut eignet, sinken die Chancen, zu einem Gespräch eingeladen zu werden.

«Aus dem Begleitschreiben wollen wir zudem erfahren, warum sich der Bewerber gerade für unsere Firma interressiert», sagt die Personalchefin. Dafür müsse man sich im Vorfeld aber ein wenig mit dem Unternehmen befassen. «Im Internetzeitalter ist das ja ziemlich einfach.» Eine Aussage, die Ina Pohorely, Kursleiterin und Coach beim Verein Job Club, der auch mit dem Amt für Wirtschaft und Arbeit Basel-Stadt zusammenarbeitet, mit Nachdruck unterstützt: «Man findet praktisch bei jeder Firma etwas, das einen interessiert und das man ins Anschreiben verpacken kann. Dieses sollte aber nur in Ausnahmefällen länger als eine A4-Seite sein.»

Weiterhin volle Konzentration

Ihr Gespräch sollte authentisch und nicht gespielt sein.

Ihr Gespräch sollte authentisch und nicht gespielt sein.
http://www.coopzeitung.ch/Nur+Mut_+Werbung+in+eigener+Sache Ihr Gespräch sollte authentisch und nicht gespielt sein.

Ist die erste Hürde übersprungen und man gehört zum auserwählten kleinen Kreis, der zum ersten Vorstellungsgespräch eingeladen wird, dann gilt: weiterhin volle Konzentration! Der Job ist noch lange nicht an Land gezogen. Folgende Anekdote von Coop-HR-Fachfrau Sabrina Füeg zeigt ein absolutes No-Go: «Wir hatten eine Frau zum Job-Interview eingeladen. Es war im Sommer. Die Dame war vor dem Gespräch noch kurz einkaufen gegangen und hatte ihre Tasche mit den Lebensmitteln dabei. Sie fragte uns, ob wir einen Kühlschrank hätten, damit sie diese kalt stellen könne. Das war schon etwas seltsam. Den Vogel hat die Frau dann aber abgeschossen, als sie aus ihrer Tasche lauter Konkurrenz-Produkte hervorzauberte und diese seelenruhig im Kühlschrank verstaute.» Erwähnen müsste man es eigentlich nicht, aber die Dame arbeitet heute nicht bei Coop.

Aber wie macht man es richtig? «Ganz wichtig ist, dass man die Gesprächssituation zu Hause mit jemandem simuliert», sagt Coach Ina Pohorely. Dabei sollen auch die Plätze getauscht werden, will heissen: Der Bewerber soll auch mal die Rolle des Personalers spielen. «Schon Henry Ford hat gesagt: ‹Das Geheimnis des Erfolges ist, den Standpunkt des anderen zu verstehen› – und dieser war mit seinem Automobil-Unternehmen ja ziemlich erfolgreich.» Authentisch soll man sein – «etwas vorzutäuschen bringt nichts.» Ganz wichtig ist, und das betont Pohorely mit Nachdruck: «möglichst auch Gegenfragen stellen, das lockert die Atmosphäre und macht das Gespräch interessanter – auch für die HR-Person. Das Vorstellungsgespräch darf kein Frage-Antwort-Spiel sein. Es soll sich ein offener Dialog ergeben, wie bei einem guten Interview in der Zeitung.»

Nochmals Gas geben

Und danach? Ja nicht Däumchen drehen und einfach warten, sondern am gleichen Tag noch eine kurze Mail schreiben, sich für das Gespräch bedanken und nochmals beteuern, dass man nach wie vor sehr an dieser Stelle interessiert ist. Auf ein gelungenes Erst-Interview folgt oftmals eine Einladung zum zweiten Gespräch. Dieses aber bitte nicht unterschätzen und denken, man habe den Job schon in der Tasche. Viele sind bei diesem «Da-gehts-ja-eh-nur-noch-um-den-Lohn-Gespräch» gescheitert. Jetzt will einem der zukünftige Arbeitgeber noch-
mals so richtig auf den Zahn fühlen. HR-Fachfrau Sabrina Füeg sagt: «Beim zweiten Gespräch möchten wir den Kandidaten noch besser kennenlernen und nochmals seine Motivation für die Stelle spüren.» Ist man dabei erfolgreich, stehen die Chancen gut, den folgenden Satz zu hören: «Sie haben den Job.»

Lebenslauf (CV)

Er ist das Herzstück des Dossiers und wird in der Regel zuerst angeschaut. Die erste Seite ist entscheidend. Wenn diese wie in 90 Prozent der Fälle mit den Personalien beginnt, ist das für den Arbeitgeber nicht besonders spannend und kann bei älteren Stellensuchenden kontraproduktiv sein. Besser ist es, einen Briefkopf mit den Kontaktdaten zu erstellen. Dieser sollte dann auf jeder Seite der Bewerbung erscheinen, also auch auf dem Begleitschreiben – das wirkt professionell.

Die Auflistung der Tätigkeiten und Ausbildungen sollte chronologisch sein. Dabei steht zuoberst, was man zuletzt gemacht hat. Am Schluss der Auflistung kann noch eine Rubrik mit «persönlichen Daten» wie Geburtsdatum, Zivilstand und allenfalls Nationalität aufgeführt werden.
Zusätzlich kann die erste Seite des CV auch dazu genutzt werden, Argumente für sich selber aufzuführen. Dafür eignen sich folgende Punkte: Berufliche Erfolge, Stärken-Schwächen-Profil, kurzes Resümee (roter Faden), Zielsetzung (zum Beispiel vor Einstieg ins Berufsleben oder bei Neuorientierung).

Begleitbrief

Grundregel: Für das Anschreiben sollte eine A4-Seite reichen. Alles, was Aus-bildungen, Tätigkeiten und Ziel-setzungen betrifft, steht schon im CV. 
Erster Abschnitt: Warum interessiere ich mich für den potenziellen Arbeitgeber – was finde ich an der Firma interessant?

Der Mittelteil: Persönliche Motivation darlegen. Warum möchte ich für das Unternehmen arbeiten und weshalb bin ich der richtige Kandidat? 

Ans Ende gehört die Schlussformel: der Hinweis darauf, dass man sich über eine Reaktion freuen würde. Keine Bedingungen stellen oder drängen. Das erweckt den Eindruck, dass man am Verzweifeln ist und den Job unbedingt braucht.

Business-Netzwerke nutzen

Immer mehr Arbeitgeber besuchen auch die Business-Netzwerke Linkedin und Xing, um sich ein besseres Bild eines potenziellen Kandidaten zu machen. Dort hat man die Chance, sich von der Masse abzuheben. Dabei gilt: Auf hohle Schlagworte verzichten. Es bringt wenig, das Profil mit Schlagworten vollzustopfen, die auf den ersten Blick gut klingen. 

Nicht unnötig einschränken. Wenn beispielsweise jemand schreibt, dass er HR-Experte mit Hintergrund in Produktion und Finanzwesen ist, dann legt er sich schon auf einen Bereich fest. Dabei könnte er als Personalfachmann auch in vielen anderen Bereichen arbeiten.
Inhalte pflegen. Das Profil auf Linkedin und Xing immer auf dem neusten Stand halten – auch das Foto.

Es soll ein Dialog sein

Beim unten stehenden Interview handelt es sich um ein gestelltes Bewerbungsgespräch für eine Stelle als Projektleiter PR/Mitgestaltung Geschäftsbericht bei Coop (Hauptvoraussetzungen: Berufserfahrung im Bereich Redaktion und Erfolgsausweis in der Projektleitung) 

Tipps von Ina Pohorely: Coach und Kursleiterin beim Verein Job Club, der mit dem Amt für Wirtschaft und Arbeit Basel-Stadt zusammenarbeitet.

Personalverantwortliche: Uns interessiert natürlich in erster Linie, warum Sie sich für diese Stelle beworben haben. Was hat Sie beim Inserat angesprochen?

Bewerber: Es ist primär der Job-Beschrieb, der mir sofort ins Auge gestochen ist. Ich habe schon in diversen Redaktionen gearbeitet, hatte aber bisher noch nie die Gelegenheit, bei der Erstellung des Geschäftsberichts mitzuwirken. Ich denke, da ist man ganz nah an der Geschäftsleitung. Das fasziniert mich.

Zuerst unbedingt den Bezug zum Unternehmen machen, das die Stelle ausgeschrieben hat. Der Kandidat sollte darlegen, warum er gerne für die Firma Coop arbeiten möchte. Der zweite Teil der Antwort ist positiv, hier merkt der Bewerber an, dass er gerne strategisch mitdenken will.

Wenn wir uns jetzt auf die Anforderungen konzentrieren ... welches ist der Punkt, den Sie am wenigsten erfüllen?

Also am wenigsten Erfahrung habe ich in der Projektleitung. Ich war zwar einmal stellvertretender Projektleiter, das war aber im Marketingbereich.

Hier hervorheben, dass man noch lernen und vertiefen will. Beispiele heranziehen, bei denen das schon gelungen ist.

Welche Schwächen haben Sie sonst noch?

Ich bin eher ein ungeduldiger Mensch und habe einen Hang zum Perfektionismus. Auch sind Zahlen nicht so mein Ding. Aber ich denke, als Redaktor für den Geschäftsbericht sind diese Schwächen nicht so relevant. 

Diese Frage mit einer Stärke beantworten und die Schwäche als Kehrseite der Medaille aufzeigen. Beispiel: Ich arbeite sehr genau, sammle zuerst alle Fakten, bevor ich etwas weitergebe.

Was ist Ihnen bei der Arbeit wichtig?

Zentral für mich ist, dass ich meine Kreativität in einem gewissen Mass ausleben kann und meine eigenen Ideen einbringen darf. 

Spätestens jetzt ist es Zeit, eine Gegenfrage zu stellen. Denken Sie sich in die zukünftige Aufgabe hinein, damit ein Dialog entsteht und die HR-Person das Gespräch nicht allein führen muss.

Und Sie haben das Gefühl, dass diese Stelle die richtige für Sie ist? Einen Geschäftsbericht zu schreiben ist ja nicht so kreativ. 

Ich denke, ein wenig Kreativität würde da nicht schaden und würde das Ganze zum Lesen attraktiver machen.

Aber sicher ist ein Geschäftsbericht kreativ! Es geht darum, den Inhalt so aufzubereiten, dass er gerne gelesen wird. Von Vorteil ist, wenn der Bewerber – als Vorbereitung auf das Gespräch – die letzten Geschäftsberichte von Coop gelesen hat.

Warum sollten wir gerade Sie für diese Stelle in Erwägung ziehen?

Weil ich glaube, dass ich die meisten Anforderungen aus dem Stellenprofil erfülle und mein bisheriger beruflicher Werdegang damit übereinstimmt.

Die Frage leitet das Gesprächsende ein. Zeit, einen Werbeblock in eigener Sache zu starten. Jetzt gilt es nochmals hervorzuheben, wo Sie Ihre Stärken beim zukünftigen Arbeitgeber einsetzen könnten.

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