Die jüngsten Velofahrer sind die eifrigsten Helmträger – dennoch ist die Quote gesunken.

Oben ohne? Viele verzichten auf den Helm

Während 89 Prozent auf der Skipiste einen Helm tragen, verzichtet über die Hälfte aller Velofahrer auf den Schutz. Dafür gibts Gründe.

Im Frühling satteln die Schweizer wieder vermehrt ihre Velos. Aber nur 43 Prozent tragen dabei einen Helm. Das hat die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) 2014 festgestellt. Vor zehn Jahren lag die Tragquote noch bei 34, in den 1990er-Jahren gar unter 20 Prozent. Den Anstieg schreibt BfU-Mediensprecher Daniel Menna nicht zuletzt der Sensibilisierungsarbeit von Helmkampagnen zu, die die BfU gemeinsam mit der Unfallversicherung Suva und dem Verkehrs-Club der Schweiz VCS lancierten. Dennoch verzichtet über die Hälfte aller Velofahrer im Alltag auf einen Helm. «Das ist wohl eine Frage des Outfits und des Komforts», vermutet Menna.

 
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Nur zu 40 Prozent wirksam

Beim Schneesport gehört der Helm mittlerweile zur Ausrüstung wie die Handschuhe – weil er den Kopf schützt und zugleich wärmt. Will man aber auf dem Rad schnell zum Einkaufen oder zur Arbeit fahren, ist ein Helm unbequem: Er ruiniert die Frisur, der Schweiss läuft einem unter der Bedeckung hervor und er ist lästiges Gepäck, wenn man nicht mehr auf dem Velo sitzt. Dennoch: «Der Helm reduziert die Wahrscheinlichkeit einer Kopfverletzung um 40 Prozent», meint Menna. Die Tatsache ist unbestritten: Velohelme verhindern Kopfverletzungen – aber nur in jedem zweiten bis dritten Fall. Pro Velo Schweiz, der Dachverband der Verbände für die Interessen der Velofahrenden, stellt in seiner Faktensammlung zum Velohelm fest, dass trotz gestiegener Tragquote die polizeilich erfassten Kopfverletzungen bei Unfällen nicht gesunken sind. Das mag wie Hohn für alle Helmverfechter klingen. Dass Marianne Fässler (59), stellvertretende Geschäftsführerin von Pro Velo Schweiz, dennoch einen Velohelm trägt, hängt mit ihrem Arbeitsweg zusammen: «Ich muss durch den Wald fahren, oftmals spät abends. Da kann immer etwas passieren: Tiere, die meinen Weg kreuzen, oder ein Ast, der he-runterfällt». Auf keinen Fall dürfe das Tragen eines Helms zu einem falschen Sicherheitsdenken führen, dass Velofahrer sagen, ich habe einen Helm, mir kann nichts passieren. Um wirklich vor Kopf- und Hirnverletzungen zu schützen, muss der Helm richtig sitzen (Tipps Reiter Velohelm). Immerhin haben alle getesteten Velohelme den Kassensturz-Check im letzten Jahr bestanden. Gelobt wurden die Helme in puncto Stossdämpfung. Abzüge gab es bei den Kinnbändern, die sich teilweise von selbst verstellten. Umso wichtiger ist es, den Sitz des Helmes immer wieder zu kontrollieren.

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Der Helm darf nicht zu falscher Sicherheit führen. »

Marianne Fässler, stv. Geschäftsführerin Pro Velo

Gesetz wäre kontraproduktiv

Vor knapp drei Jahren stand im Nationalrat ein Helmobligatorium für alle Velofahrer zur Debatte. Es war aber schnell wieder vom Tisch, weil befürchtet wurde, dass das Velofahren damit unattraktiv werde. Dass sich ein Obligatorium kontraproduktiv auswirkt, zeigte beispielsweise die Einführung der Helmpflicht 1992 in Australien: Schlagartig waren 30 Prozent weniger Velofahrer im Strassenverkehr unterwegs. Das Ausmass des Rückgangs wäre ein Desaster. Wenn mehr Leute auf öffentliche Verkehrsmittel oder das Auto umsteigen, weil sie keine Lust haben, einen Helm zu tragen, gäbe es einen Anstieg an Herz-Kreislauf-Krankheiten als Folge von Bewegungsmangel – eine Belastung fürs Gesundheitssystem. Verkehrswissenschafter Gernot Sieg von der Universität Münster belegte im letzten Jahr mit einer Studie, dass die Kosten einer Helmpflicht summa summarum den Nutzen um 50 Prozent übersteigen. Das Ergebnis zeigt auch, dass die Diskussion um Sicherheit auf dem Velo verkürzt geführt wird. Ein Helm mag helfen, ist aber nicht das Nonplusultra. Tempo-30-Zonen und ein ausgebautes Fahrradweg-Netz hingegen schon eher, sagt Marianne Fässler von Pro Velo. «Ein Helm schützt nicht vor einem Sturz, er verhindert nur eine grössere Verletzung. Wir wollen aber dort ansetzen, wo wir die Sicherheit verbessern können.»

Ein Helmobligatorium für Kinder?

Von April bis Mai zählt die Beratungsstelle wieder an 67 Stellen in der Schweiz, wer einen Velohelm trägt. «Wir sind vor allem gespannt, wie sich die Tragquote bei Kindern unter 14 Jahren entwickelt hat», sagt Daniel Menna, denn die bereitet ihm Sorgen: Waren es 2009 noch 70 Prozent behelmter Kinder, ist die Zahl 2014 auf 60 Prozent gesunken. «Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, stellt sich die Frage nach einem neuen politischen Vorstoss in Richtung Obligatorium für Kinder unter 14 Jahren». 

Velohelm: Tragequote nach Alter

Quelle: Beratungsstelle für Unfallverhütung

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So sitzt er richtig

  • Achten Sie beim Kauf auf das Prüfzeichen DIN EN 1078.
  • Der Helm sollte nicht drücken und nicht wackeln und die Vorderkante zwei Fingerbreit über der Nasenwurzel positioniert sein.
  • Die Y-Bänder müssen auf beiden Seiten festgezogen sein, sodass zwischen Kinn und Band nur noch ein Finger Platz hat.
  • Vor allem bei Kindern empfiehlt es sich, den richtigen Sitz immer wieder zu überprüfen und anzupassen.
  • Sobald der Helm einen harten Schlag abbekommt, etwa wenn er auf den Boden fällt, sollte laut BfU ein neuer her.

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Text:
Stine Wenzel
Foto:
Keystone
Veröffentlicht:
Montag 27.04.2015, 18:53 Uhr

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