Aus einer anderen Zeit: Ford S von 1907, beim Oldtimer-Grand-Prix Safenwil (2014).

Oldtimer: Das muss Liebe sein!

Wer einmal der Faszination für alte Fahrzeuge verfallen ist, kommt kaum mehr davon los. Kein Wunder: Die Schweiz ist ein wahres Paradies für Oldtimer-Liebhaber.

Tapfer tuckert der Ford A die Tremolastrasse empor. Es ist zwar Mitte Juni, aber trüb, nass und kalt wie im Herbst. Unverdrossen trotzt der Oldtimer dem Wetter ebenso wie sein Lenker, und von den 87 Jahren, die er nun schon unter den Rädern hat – der Wagen, nicht der Chauffeur – lässt er sich nichts anmerken. Solche Szenen sind hierzulande jedes Wochenende zu erleben. Von April bis September nutzen Oldtimer-Liebhaber jede Gelegenheit für Ausfahrten, Rallyes oder Schönheitswettbewerbe, «immer häufiger auch in historischer Kleidung», betont Ruedi Müller (68) vom Zentralvorstand des markenneutralen Schweizer Motor-Veteranen-Clubs. Daneben engagiert sich Müller im Dachverband Swiss Historic Vehicle Federation (SHVF) und in neun anderen Vereinen, die sich bestimmten Marken widmen.

Heute noch erschwinglich

Viele davon gibt es längst nicht mehr. Zu den «ausgestorbenen» zählen auch einst begehrte und heute rare Modelle aus Schweizer Manufakturen wie Martini oder Pic-Pic (Piccard-Pictet). In der bunten Vielfalt der hiesigen Oldtimer-Szene lassen sich einige Strömungen ausmachen: Die heissblütigen Italiener etwa oder die britischen Snobs sind ein eigenes Völkchen – so bleiben auch einige Markenclubs oder Vereinigungen mit speziellen Interessen gerne unter sich, etwa die Fans der US-Classic-Cars bei ihren Rockabilly-Veranstaltungen. Es gibt Klassiker wie den Fiat Cinquecento oder VW Käfer, welche in grossen Stückzahlen produziert wurden und so heute noch erschwinglich sind – sogar Vorkriegsmodelle wie der Citroën Traction Avant. Am anderen Ende der Skala sind die «Trailer-Queens»: sündhaft teure Luxuskarossen, oft Einzelanfertigungen, die nur an Ausstellungen zu sehen sind, jedoch nie auf der Strasse. Manche Besitzer, die ihr gutes Stück schonen möchten und es sich leisten können, lassen den Wagen für einige Wochen zu ihrer Sommer-Villa an der Côte d’Azur bringen. Auf derart exklusive Dienstleistungen kann etwa die Kundschaft von Emil Frey Classics in Safenwil AG zählen.

Archiv der Autogeschichte

Doch auch für normale Autofans lohnt sich ein Besuch in Safenwil: Walter Frey hat ein altes Fabrikgebäude in ein Museum verwandelt, das auf drei Etagen die Geschichte der Emil Frey Gruppe und der von ihr vertriebenen Marken dokumentiert. Am 3. September findet hier der 25. Oldtimer-Grand-Prix Safenwil statt. Ebenfalls in Safenwil bietet das vor 20 Jahren gegründete Swiss Car Register eine unvergleichliche Fülle von Dokumenten und Zeitzeugnissen zur Geschichte des Automobils mit Schwerpunkt Schweiz. Eine Art Gralshüter dieser Institution ist Urs P. Ramseier (58), Nachfahre der «Carrosserie Worblaufen F. Ramseier & Cie.», die von 1929 bis 1958 massgeschneiderte Aufbauten fertigte für Edelmarken wie Bugatti oder Talbot-Lago. Eine der Raritäten des Swiss Car Registers ist aber keine Hochglanz-Limousine, sondern ein per Zufall entdecktes Zeugnis des einst florierenden Handwerks: eine Karosserie im Massstab 1:2, einst als Lehrlingsarbeit gefertigt, mit den Jahren verstaubt und ein wenig ramponiert. «Schönheit ist unabhängig vom Zustand», erklärt Ramseier.

Erhalt als kulturelles Erbe

Oldtimer-Besitzer sind in der Regel zugleich Sammler – aus Leidenschaft. «Das ist ein Virus. Ich kenne wenige, die nur einen Wagen haben», sagt Ruedi Müller. Rare Modelle werden heute aber auch als Kapitalanlage gehandelt, und ähnlich wie auf dem Kunstmarkt gibt es Fälschungen. Um dies zu unterbinden, stellt die Fédération Internationale des Véhicules Anciens (FIVA) für geprüfte Veteranen eine Identitätskarte aus. Der vor 50 Jahren gegründete Weltverband der Oldtimer-Clubs hat 2016 zum Jahr des automobilen Erbes erklärt – unter dem Patronat der Unesco. Bis zum Ende der Saison Anfang Oktober gibt es noch viele Gelegenheiten, die Oldtimer auf der Strasse zu sehen. Oder in Museen: Neben dem Verkehrshaus der Schweiz in Luzern gibt es bedeutende Sammlungen in Muttenz BL (Pantheon), Bäretswil ZH (Fahrzeug-Museum Fam. Junod), Romanshorn TG (Autobau), Martigny VS (Fondation Giannada) oder Aigle VD (Fondation Hervé). Und was macht der Oldtimer-Liebhaber, wenn die Saison vorbei ist? «Für den Winter habe ich noch einen Saab 96», sagt Ruedi Müller, «der Schwede ist sich Schnee und Eis gewohnt.»

Einst Neuheiten – heute Oldtimer!

Alte Wochenschaubeiträge zum Genfer Auto-Salon

Kommentare (2)

Danke für Ihren Kommentar

Enthält dieser Kommentar bedenkliche Inhalte?

Der Text wird geprüft und eventuell bearbeitet oder blockiert.

Ihr Kommentar

Bitte vergessen Sie nicht Ihren Kommmentar.

Bitte geben Sie Ihren Namen an.

Pflichtfeld
Bitte geben Sie Ihre E-Mailadresse an.





Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld:

$springMacroRequestContext.getMessage($code, $text)






Bitte beachten Sie beim Kommentieren unsere Netiquette und gehen Sie respektvoll miteinander um.

Martin Winkel

Redaktor

Foto:
zVg, Irène Soder
Veröffentlicht:
Montag 04.07.2016, 00:00 Uhr

Weiterempfehlen:




Login mit Coopzeitung-Profil

schliessen
Fehlertext für Eingabe

Fehlertext für Eingabe

Passwort vergessen?