An 15 Posten können 43 Übungen trainiert werden – Familie Fiechter (v. l. Mario, Leonie, Till und Anita) macht es vor. 

Out-fit

Die Idee entstand in den Sechzigerjahren in Wollishofen bei Zürich. Heute gehört der «Trimm-dich-Pfad» zum sportlichen Nationalgut der Schweiz und feiert 2018 sein 50-Jahr-Jubiläum. 

Während das dichte Buchenlaub die letzten Sonnenstrahlen des Tages einfängt und dabei sein Blattgrün fast schon kitschig zur Geltung protzt, steht Familie Fiechter bereit. Bereit, um sich auf dem Vita Parcours am Waldrand oberhalb von Pratteln BL noch etwas auszupowern. «Hier trifft man uns regelmässig an», sagt Mutter Anita (45), und Vater Mario (44) ergänzt: «Mit der ganzen Familie Sport treiben und dann erst noch in der freien Natur unter diesem schönen Blätterdach … perfekt!»
Unterdessen messen sich der 12-jährige Till und seine zwei Jahre jüngere Schwester Leonie bereits beim Posten mit den blau-rot lackierten Slalomstangen. Nach kurzer Lagebesprechung – welcher Posten zuerst? – verschwinden die vier im Gegenlicht des 1,3 Kilometer langen Rundkurses.Steigung: 30 Meter. Leistungskilometer: 1,6!

Hoher Bekanntheitsgrad

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind die Fiechters nicht die einzige Familie in der Schweiz, die den schönen Frühlingsabend auf einem Vita Parcours ausklingen lässt. Gemäss einer Studie des Sportwissenschaftlichen Instituts (SWI) und dem Bundesamt für Sport (BASPO) aus dem Jahr 2001 sind fast zehn Prozent der Schweizer Bevölkerung mindestens einmal pro Monat auf einem der rund 500 Outdoor-Fitness-Pfade anzutreffen.

Skepsis zu Beginn

Jeder Parcours ist vermessen nach Länge, Steigung und Leistungskilometer. Die Schlusstafel gibt Auskunft über Kalorienverbrauch und Ausdauerfähigkeit. 
Sie eignen sich für alle Altersstufen und beide Geschlechter. 

Jeder Parcours ist vermessen nach Länge, Steigung und Leistungskilometer. Die Schlusstafel gibt Auskunft über Kalorienverbrauch und Ausdauerfähigkeit. 
Sie eignen sich für alle Altersstufen und beide Geschlechter. 
http://www.coopzeitung.ch/Out_fit Jeder Parcours ist vermessen nach Länge, Steigung und Leistungskilometer. Die Schlusstafel gibt Auskunft über Kalorienverbrauch und Ausdauerfähigkeit. 
Sie eignen sich für alle Altersstufen und beide Geschlechter. 

Vor einem halben Jahrhundert war das noch ein wenig anders: Es sei das erste Mal, dass er an der Eröffnung von etwas teilnehme, von dem er nicht wisse, was es sei. Die Worte von Stadtrat Jakob Bauer bei der Einweihung des ersten Vita Parcours am 18. Mai 1968 in Zürich Fluntern strotzten nicht gerade vor Euphorie, seine Skepsis trug er offen zur Schau. Dem Magazin der Weltwoche war die Eröffnung drei Wochen später immerhin eine Kurzmeldung wert: «Eine grosse Lebensversicherungsgesellschaft hat eine beispielhafte Anlage geschaffen – den ersten VITA-Parcours. Eine rund zwei Kilometer lange Waldlaufstrecke, in der verschiedene Positionen eingebaut sind. Auf jedem Posten gibt es eine Tafel mit Bildern und Stichworten, Anweisungen zu einer Gymnastikübung. Der Parcours steht allen offen, die etwas gegen die moderne Trägheit tun wollen.»
1972 war der Begriff Vita Parcours bereits in aller Munde und so beliebt, dass Radiolegende Max Rüeger den Freiluftsport im Sendegefäss «Spott + Musik» von Radio DRS gar in Versform würdigte: «Wer praktisch nur im Büro sitzt und s’Telifon als einzigs stämmt, wer höchstens wäg Bilanze schwitzt und nur dr Chugelschrieber chlämmt, fangt mitem Organismus Striit ah und Parcours darum am beschte Vita ...»
Heute, 49 Lenze nach der Eröffnung des ersten Vita Parcours und kurz vor dem 50-Jahr-Jubiläum, wissen rund 90 Prozent der Schweizer Bevölkerung, worum es sich dabei handelt – eine Quote, die nur wenige Marken in der Schweiz erreichen. Wetten, dass auch Stadtrat Bauer heute wüsste, was ein Vita Parcours ist? 
Was im Kleinen als lokales Experiment begann, breitete sich in Windeseile über das ganze Land aus. Bereits 1973 wurde der 100. Fitness-Pfad eingeweiht und seit 1990 bewegt sich die Zahl der «schönsten Fitness-Center der Schweiz» rund um die 500er-Marke. 
Die Parcours sind in drei Schwierigkeitsgrade eingeteilt: leicht, mittel, schwer. An 15 Posten stehen 43 Übungen zur Wahl. Familie Fiechter ist auf einem «leichten» unterwegs und mittlerweile bei den Ringen angelangt. «Mein Lieblingsposten», quiekt Leonie, während ihr Bruder schon kopfüber in den Seilen hängt und Vater Mario die typisch blaue Tafel mit der Anleitung zur korrekten Ausführung der Übung studiert.

Männerriege als Ideengeber

Bei der Eröffnung des 1. Vita Parcours am 18. Mai 1968 in Zürich Fluntern ging es noch etwas hölzern zu und her.

Bei der Eröffnung des 1. Vita Parcours am 18. Mai 1968 in Zürich Fluntern ging es noch etwas hölzern zu und her.
http://www.coopzeitung.ch/Out_fit Bei der Eröffnung des 1. Vita Parcours am 18. Mai 1968 in Zürich Fluntern ging es noch etwas hölzern zu und her.

Die Idee des Vita Parcours entstand in den Sechzigerjahren in Wollishofen bei Zürich. Im Sommer trainierte die dort heimische Männerriege jeweils im Wald. Dabei bedienten sich die Turnfreudigen der vorhandenen natürlichen «Trainingsgeräte». Zum Einsatz kamen Holzbalken, Baumstämme, Astwerk und was das Waldgut sonst noch zu bieten hatte. Doch die Athleten wollten ihre Übungsstationen nicht immer wieder neu installieren, sondern stehen lassen. Man wandte sich an das Forstamt, zog den Kantonsingenieur hinzu. Als Berater stand den Pionieren Dr. Charly Schneiter, der Sportwissenschaftler der ETH Zürich, zur Seite. Mit der damaligen Vita-Versicherung fand man auch einen Sponsor.
In den folgenden Jahren erfuhr das Konzept des Vita Parcours mehrere Anpassungen. Das aktuell gültige stammt aus dem Jahre 1997 und wurde in Zusammenarbeit mit dem Sportwissenschaftlichen Institut Magglingen erarbeitet und gesamtschweizerisch realisiert. Seit 1998 ist der Hauptsponsor Zürich Versicherung mit an Bord – 2008 wurde der Name in «Zurich vitaparcours» geändert.

Sicherheitsmängel und unmodern

Die verschiedenen Übungen sind in drei Kategorien unterteilt: Gelb steht für Beweglichkeit und Geschicklichkeit, Rot für Kraft und Blau für Ausdauer. 

Die verschiedenen Übungen sind in drei Kategorien unterteilt: Gelb steht für Beweglichkeit und Geschicklichkeit, Rot für Kraft und Blau für Ausdauer. 
http://www.coopzeitung.ch/Out_fit Die verschiedenen Übungen sind in drei Kategorien unterteilt: Gelb steht für Beweglichkeit und Geschicklichkeit, Rot für Kraft und Blau für Ausdauer. 

Vor zwei Jahren erhielt die Erfolgsgeschichte jedoch einen Schuss vor den Bug. «Der Vita Parcours entspricht nicht mehr modernen Ansprüchen an ein Fitnessprogramm», schrieb das Magazin Gesundheitstipp im Sommer 2015 nach einem Test. Fachleute wie der Berner Sportexperte Niklaus Jud (siehe Interview Seite 17) kamen zum Schluss, dass die Intensität der Übungen «eher gering» sei. Viele Parcours wiesen ausserdem Sicherheitsmängel auf. «Bezüglich der Mängel haben wir natürlich sofort reagiert und mit den lokalen Trägerschaften Kontakt aufgenommen», sagt Barbara Baumann, Leiterin der Stiftung «Zurich vitaparcours». Da jedoch alle 500 Parcours im Freien stehen, gebe es keine Garantie, dass diese immer in perfektem Zustand seien. «Ein starkes Gewitter oder Holzschlagarbeiten können genügen, um Schaden an den Geräten und Wegen anzurichten», erklärt Baumann. In Zusammenarbeit mit den lokalen Trägerschaften führe man aber regelmässig Qualitätskontrollen durch. «Zudem arbeiten wir mit der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) zu-sammen.»

Urbanen Trend erkannt

Der Outdoor-Fitnesstrend ist ungebrochen. Je länger je mehr verlagert er sich aber auch in die Städte. An fast jeder Ecke steht mittlerweile eine Streetwork-Anlage oder sieht man ein paar Bootcamper, die sich von einem Drillmeister den letzten Tropfen Schweiss ausquetschen lassen. Dies hat auch die «Stiftung vitaparcours» erkannt. In Zusammenarbeit mit dem Akademischen Sportverband Zürich ASVZ, bootcamper.ch und street-workout.com hat sie die «Zurich vitaparcours Power Station» entwickelt. Auf einer einzigen, kompakten Anlage lassen sich mit dem eigenen Körpergewicht 18 Übungen durchführen. Drei solcher Anlagen gibt es bereits: in Zürich Irchelpark, Zürich EHT Hönggerberg und am Winterthurer Deutweg. Gemäss Barbara Baumann sind weitere Anlagen in Planung. Für sie sei das aber nichts, meint Familie Fiechter, die soeben ihre Runde beendet hat: «Wir bleiben lieber in der Natur auf dem Vita Parcours.»
Ein Reim, an dem Radiolegende Max Rüeger seine Freude gehabt hätte.

Ob noch etwas unsportlich oder fortgeschritten: Auf dem Vita Parcours gilt: jeder, wie er kann und will. 

Niklaus Jud (36), Fitnessexperte und Praxis-Dozent an der Universität Bern.

Niklaus Jud (36), Fitnessexperte und Praxis-Dozent an der Universität Bern.
http://www.coopzeitung.ch/Out_fit Niklaus Jud (36), Fitnessexperte und Praxis-Dozent an der Universität Bern.

Nächstes Jahr feiert der Vita Parcours sein 50-Jahr-Jubiläum. Sind die Übungen auf den Outdoor-Fitness-Pfaden überhaupt noch zeitgemäss?
Wieder, würde ich sagen. Zurzeit findet in der ganzen Fitness-Szene eine Art Revival statt – back to the roots. An der freien Luft trainieren ist in, vor allem auch unter Einbezug des eigenen Körpergewichts. Die Vita Parcours haben sich da dem Zeitgeist angepasst und die etwas veralteten Übungen vor ein paar Jahren neu konzipiert.

Was ist denn der Vorteil der Outdoor-Fitness?
Im Freien sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Treppen, Mauern, Bänke, Äste können ins Training integriert werden. Hinzu kommt die frische Luft und dank der Sonne auch noch eine Dosis Vitamin D.

Birgt es auch Gefahren?
Sicher ist es von Vorteil, wenn das Handy mit dabei ist. Wenn man sich beispielsweise an einem etwas abgelegenen Ort befindet und sich verletzt, kann so in Eigenregie Hilfe organisiert werden. Nicht ausser Acht lassen sollte man die natürlichen Faktoren wie Hitze, Kälte oder auch rutschiger Boden, die auch Gefahren bergen.

Welche Jahreszeiten eignen sich am besten fürs Training an der frischen Luft?
Grundsätzlich alle. Den gesunden Menschenverstand sollte man aber schon einsetzen. Im Hochsommer eignet sich der frühe Morgen am besten dazu, während sich im Winter über Mittag eine optimale Gelegenheit bietet. Im Frühling und Herbst sehe ich da keine Einschränkung.

Welchem Sporttyp empfehlen Sie ein Training auf dem Vita Parcours?
Jedem! Das ist ja auch das Konzept. Bei jedem Posten gibt es Übungen für Anfänger, Fortgeschrittene und den leistungs-orientierten Sportler. Jeder kann sich das herauspicken, was für ihn stimmt.

Und wie oft soll man auf einem Vita Parcours trainieren, damit es leistungsmässig auch etwas bringt?
Das kommt natürlich auch stark auf das Ausgangsniveau an. Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt 30 Minuten pro Tag. Blutige Anfänger sollten aber sicher auch gut auf ihre Körpersignale achten. Wer als Normalsportler drei Mal pro Woche geht, macht sicher keinen Fehler.

Wenn das Wetter einmal nicht mitspielt ... 

Es gibt auch die Indoor-Variante. Vor etwas mehr als einem Jahr hat Coop die Fitnessstudio-Kette «Update-Fitness» übernommen. An über 30 Standorten in der Deutschschweiz kann dort trainiert werden. 

www.update-fitness.ch
43 Übungen auf dem Vita-Parcours
Vita-Parcours in Ihrer Nähe
Infos zur Organisation der Vita-Parcours

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Andreas Eugster

Redaktor

Foto:
Heiner H. Schmitt
Veröffentlicht:
Montag 12.06.2017, 10:00 Uhr

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