Sarah Gasser: Für die Coopzeitung kreierte sie ein kleines, verschneites Städtchen. Ihr Werk zierte am 21. Dezember 2015 das Titelbild.

Papierschreinerin

Sarah Gasser erschafft aus Papier ihre ganz eigenen Welten. Eine anerkannte Bezeichnung für ihren Beruf gibt es nicht. Sie liebt ihn trotzdem – und lebt ganz gut davon.

In ihrem bescheidenen Atelier konstruiert Sarah Gasser eine Wasserversorgung aus Karton.

In ihrem bescheidenen Atelier konstruiert Sarah Gasser eine Wasserversorgung aus Karton.
http://www.coopzeitung.ch/Papierschreinerin In ihrem bescheidenen Atelier konstruiert Sarah Gasser eine Wasserversorgung aus Karton.

Drei Dinge braucht die Frau: Messer, Leim, Papier. Und aus diesem Minimum an Aufwand holt Sarah Gasser (28) ein Maximum an Ertrag heraus. Pflanzen und Tiere, Häuser und Landschaften, Menschen und Maschinen: Wahre Kunstwerke schneidet und leimt sie aus Papier und Karton und kreiert so eine eigene, eigenartige Welt. Die Bezeichnung «Kunstwerk» mag sie allerdings nicht wirklich: «Durch den Begriff ‹Kunst› fühle ich mich im Zusammenhang mit meiner Arbeit nicht angesprochen», sagt Sarah Gasser, die – Mutter aus Malaysia, Vater aus Weinfelden TG – in den USA zur Welt gekommen ist und dort auch die ersten vier Jahre ihres Lebens verbracht hat. Heute lebt sie in Winterthur. Wie ihre Tätigkeit offiziell heisst, weiss sie nicht. Ihr selber gefällt die Bezeichnung Papierschreinerin: Ein Begriff, mit dem weder der Duden noch Google etwas anfangen können – der aber durchaus Sinn macht.

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Die ganze Ausbildung war für mich fast wie der Himmel auf Erden.»

Sarah Gasser (28), Papierschreinerin

«Ich machte alles gern»

Nichtsdestotrotz, in ihrem Werdegang kommt das Wort Kunst immer und immer wieder vor. Nach dem Abschluss an der Pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen besucht sie den einjährigen Vorkurs an der Zürcher Hochschule der Künste und danach drei Jahre den Studiengang Illustration/Fiction in der Abteilung Design & Kunst der Hochschule Luzern. Ihren Bachelor macht sie 2012 im Bereich Illustration. «Die ganze Ausbildung war für mich fast wie der Himmel auf Erden», schwärmt sie heute. «Alles war so inspirierend. Egal, ob im Vorkurs eine Seife schnitzen oder eine Zündholzschachtel abzeichnen oder später in der Stadt Menschen skizzieren oder Geschichten entwerfen: Ich machte einfach alles gern.»

Süchtig nach Pop-ups

Ihre Abschluss-Arbeit ist ein unglaublich kompliziertes, detailreiches Pop-up-Buch. Ein Buch also, aus dem beim Aufschlagen einer Seite Elemente herausspringen und erscheinen, die zuvor dank teils enorm aufwendigen Faltens und Schneidens quasi unsichtbar waren. Das Buch mit dem Titel «10 little treasure hunters» erzählt eine Geschichte im Stile von «Zehn kleine Negerlein» und wurde mit dem Förderpreis der Hochschule Luzern ausgezeichnet. «Seit meiner Bachelor-Arbeit bin ich richtig süchtig nach solchen Pop-ups und überhaupt nach Arbeiten mit Papier und Karton», sagt Sarah Gasser. «Ich mag es, wenn Dinge so aussehen, als wären sie etwas ganz anderes und mit ihnen dann etwas geschieht, das man nicht erwartet hat.»

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Die Arbeit in der Werbung war ein Knochenjob.»

Nach der Schule kam der Schock

Requisiten für den Video-Clip «Vampir us Papier» von Heinz de Specht.

Requisiten für den Video-Clip «Vampir us Papier» von Heinz de Specht.
http://www.coopzeitung.ch/Papierschreinerin Requisiten für den Video-Clip «Vampir us Papier» von Heinz de Specht.

Mit dem Bachelor in der Tasche, macht die frischgebackene Papierschreinerin ein Praktikum in einem Animationsstudio und arbeitet danach Teilzeit bei einer Werbefilmproduktionsfirma. Dort baut sie Einzelteile für Papierkulissen. «Das waren Knochenjobs», erinnert sie sich, «nach der heilen Welt in der Schule schon fast ein Schock.» Doch was sie während ihres Praktikums lernt, bildet einen wichtigen Eckpfeiler ihrer heutigen Arbeit: Während ihrer anschliessenden Tätigkeit als selbstständige Illustratorin macht sie sich einen Namen als Spezialistin für Stop-Motion-Animationen. Dabei werden Bilder von unbewegten Motiven fotografiert, die sich nur wenig voneinander unterscheiden. Hängt man diese Einzelbilder zusammen und lässt sie schnell ablaufen, ergibt sich die Illusion einer Bewegung, ähnlich der, wie wir sie vom Daumenkino her kennen. In der Regel braucht es dafür zwölf Bilder pro Filmsekunde. Sarah Gasser baut die einzelnen Motive, meist aus Papier und Karton. Häufig sind dies ganze Städte oder Landschaften, durch die sich Menschen, Fahrzeuge oder Flüsse bewegen. Eindrucksvoll ist dies in einem Film über die Folgen von Naturkatastrophen zu sehen, den sie mit einem ganzen Produktionsteam für einen Rückversicherer realisiert hat – das aufwendigste Projekt, an dem sie bisher beteiligt war. Die Stop-Motion-Technik ist aber auch für Erklärfilme geeignet, wie dies ihre Arbeit für eine Bank zeigt, in der sie zusammen mit der Animationsfilmerin Andrea Schneider Sinn und Wesen des Projektmanagements aufzeigt.

Experimentieren ist ihr wichtig

Requisiten für den Video-Clip «Vampir us Papier» von Heinz de Specht.

Requisiten für den Video-Clip «Vampir us Papier» von Heinz de Specht.
http://www.coopzeitung.ch/Papierschreinerin Requisiten für den Video-Clip «Vampir us Papier» von Heinz de Specht.

Das Geschäft laufe gut, sagt Sarah Gasser. In ihrem bescheidenen Atelier im Halbparterre eines Winterthurer Altstadthauses liegen die Beweise – auch für den zweiten Teil ihrer Arbeit, digitale Illustrationen aller Art, mit der sie sich gut und gerne die Hälfte ihres Einkommens sichert: Modebilder; Bilder von Tieren, die sie für die Gondelbahn Rotenflue gezeichnet hat; papierene Pflanzen, hinter Glas an die Wand gehängt, als seien sie vor Kurzem erst im Wald gepflückt worden; Fassaden und Bewohner eines verschneiten Städtchens, die vor wenigen Wochen das Titelbild und das dazugehörende Weihnachtsrätsel der Coopzeitung zierten; ein Grill mit allem Drum und Dran, aus dem der Video-Clip von Heinz de Spechts «Vampir us Papier» gedreht wurde. Und dennoch legt Sarah Gasser Wert darauf, nicht nur Auftragsarbeiten umzusetzen, sondern auch experimentell tätig zu sein. Für das Comic-Festival Fumetto etwa, das vom 16. bis 24. April zum 25. Mal stattfindet, setzt sie mit einer ganzen Künstlergruppe in der Kapelle der Hochschule Luzern ein gigantisches Projekt um: die Werkstatt eines fiktiven Spieleherstellers, alles aus Papier und Karton. «Klar, da arbeiteten wir alle gratis, doch da konnten wir experimentieren – und das war für mich ex-trem inspirierend, da habe ich mir sehr viel Wissen aneignen können.» Wissen, von dem ihre nächsten (kommerziellen) Auftraggeber profitieren werden.

 

Mehr zu Sarah Gasser:

Zur Webseite der Künstlerin »
Zur Pop-up-Bachelor-Arbeit »
Zur Stop-Motion-Produktion »
Zum Video «Vampir us Papier»
Zum Fumetto-Projekt »

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Martin Zimmerli

Redaktor

Foto:
Christoph Kaminski
Veröffentlicht:
Montag 07.03.2016, 00:00 Uhr

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