Parkour: Mach dich zum Affen

Mit ihren 23 und 21 Jahren sind sie zwar noch blutjung. Doch in der Parkour-Szene gelten die beiden Basler Kevin Fluri und Chris Harmat als alte Hasen – und gehören zu den Weltbesten.

Mit einem grossen Satz hopst Chris Harmat auf der Basler Claramatte auf eine Mauer. «Freiheit ist unser Ziel beim Parkour», sagt er lachend. «Jedoch nicht wie in Actionfilmen, wo Parkour-Stuntmen spektakulär vor Polizisten oder Gangstern flüchten.» Er und Kevin Fluri wollen einfach etwas «äffle» – wie sie ihre Leidenschaft für Akrobatiksprünge und Saltos nicht ganz unpassend nennen. Trotz ihrer jungen Jahre sind beide schon echte Silberrücken in der Szene und streunen täglich mit einer Horde von bis zu 15 anderen Mitgliedern ihrer «World’s Parkour Family» (WPF) durch Basel.

Chris Harmats Sprungspezialität sind seitliche Dreher, gerne verbunden mit Schrauben.

Chris Harmats Sprungspezialität sind seitliche Dreher, gerne verbunden mit Schrauben.
http://www.coopzeitung.ch/Parkour_+Mach+dich+zum+Affen Chris Harmats Sprungspezialität sind seitliche Dreher, gerne verbunden mit Schrauben.

Actionstreifen wie «Yamakasi» oder «Banlieu 13» weckten bei ihnen die Faszination für Parkour. Darin zeigte Filmemacher Luc Besson (Drehbuch, Produktion) unglaublich spektakuläre Verfolgungsjagden zu Fuss durch den Pariser Vorort Lisses und machte damit die Sportart in Europa populär. «Nach ‹Yamakasi› war klar: Ich will auch so über Mauern und Hausdächer springen», sagt Fluri. Das war 2007. Sein Freund Harmat war damals noch auf Fussball gepolt. Doch schnell wechselte auch er vom Grätschen zum Salto. Harmat: «Beim Fussball wiederholt sich immer dasselbe und es gibt klare Regeln. Beim Parkour setzt dir nur deine Kreativität Grenzen.»

Nach einem Crash-Kurs an der Basler Mustermesse trainierten sie selbst weiter. «Wir schauten Videos und Internet-Clips, um die Bewegungsabläufe zu studieren», erzählt Fluri. Für das Training brauchen sie nichts weiter als ein paar Turnschuhe. Ja, nicht einmal das, wenn das Wetter im Sommer zu heiss ist und sie lieber schwimmen gehen. «Auch beim Baden kann man prima Flips, Twists und andere Figuren üben», sagt Harmat. So kommen sie täglich auf 5 bis 15 Stunden Training. Denn «äffeln» kann man selbst im Ausgang. Böse Verletzungen blieben bisher aus, auch wenn die beiden ohne irgendwelche Protektoren trainieren. «Polster wiegen dich nur in falscher Sicherheit», so Harmat. «Du tastest dich besser geduldig, in kleinen Schritten an dein Ziel heran und springst erst, wenn du sicher bist, dass du die Figur beherrschst.»

Nebst seiner Spezialität Frontflip springt Kevin Fluri den Salto gern auch mal rückwärts. Hier auf der Mauerinstallation der Claramatte in Basel.

Nebst seiner Spezialität Frontflip springt Kevin Fluri den Salto gern auch mal rückwärts. Hier auf der Mauerinstallation der Claramatte in Basel.
http://www.coopzeitung.ch/Parkour_+Mach+dich+zum+Affen Nebst seiner Spezialität Frontflip springt Kevin Fluri den Salto gern auch mal rückwärts. Hier auf der Mauerinstallation der Claramatte in Basel.

Wie gut sie ihr Metier beherrschen, sieht man, als das Duo auf dem schmalen Brückengeländer der Mittleren Brücke in Basel Handstandsprünge und Saltos übt. Schnell lockt das Spektakel eine Traube Schaulustiger an. Man sieht hier an heissen Sommertagen zwar immer wieder Leute in den Rhein springen, aber nicht, dass einer nach dem Salto auch wieder auf dem Geländer landet.

Die ganze Stadt ist für die Parkour-Lausbuben ein einziger Spielplatz. Ihr liebster Trainingsort ist jedoch die Kleinbasler Claramatte, wo sich nebst den Müttern nur Kinder auf dem Spielplatz tummeln. Das scheint, verglichen mit den Pariser Banlieus, doch etwas uncool. Doch Fluri, dem im Parkour-Mekka Lisses eben als Welterstem ein Frontflip über den Kultsprung «Manpower Gap» gelang, winkt ab: «Ich hatte mir die Banlieus ghettomässiger vorgestellt. Dieser Platz hier, die Claramatte, bietet unglaublich viele Möglichkeiten zum Äffeln.» Dann leckt er sich wieder die Hände, streift mit den nassen Fingern den Dreck von den Sohlen seiner Sneakers und rennt los. Senkrecht die Wand hoch, bis die Schwerkraft stärker ist als seine Beine und er mit einem eleganten Rückwärtssalto wieder sicher auf dem Boden landet.

Der Gemeinschaftsgedanke ist beiden Parkour-Athleten sehr wichtig.

Der Gemeinschaftsgedanke ist beiden Parkour-Athleten sehr wichtig.
http://www.coopzeitung.ch/Parkour_+Mach+dich+zum+Affen Der Gemeinschaftsgedanke ist beiden Parkour-Athleten sehr wichtig.

Die umstehenden Kinder fordern staunend mehr. Die Bewunderung ist gegenseitig. «Ich will lieber lernen, ein Kind zu bleiben, als erwachsen zu werden», sagt Harmat. «Wir waren schliesslich alle einmal bewegungsfreudige Affen, die überall hochkletterten und runtersprangen, bis jemand sagte: Dafür bist du langsam zu alt!» Altersgrenzen gibt es für sie keine. Auch nicht in den Nachwuchstrainings, die sie mit ihrer «World’s Parkour Family» organisieren. Fluri: «Wir mussten uns alles mühsam selber beibringen. Heute teilen wir unsere Erfahrung gerne mit motivierten Kindern und Jugendlichen.»

Die Trainings leitet jedoch meist jemand anders aus ihrer gut 15-köpfigen WPF-Crew. Zu oft hüpfen die zwei Top-Athleten, die Parkour seit bald drei Jahren professionell betreiben, rund um die Welt. Sie sind in der Szene das einzige Parkour-Duo, das nicht blutsverwandt ist, und kreieren Tricks und Figuren, die nur zu zweit möglich sind. Aber auch solo gehören sie zu den Weltbesten und räumten einiges an Trophäen ab, bis hoch zum Weltmeistertitel. Streifen oder sonstige Abzeichen für die Meriten sucht man auf ihren Lumpen-Shirts und Jogginghosen jedoch vergebens. Fluri: «Titel sind nur für die Sponsoren und das Vermarkten wichtig. Bei den Wettkämpfen geht es eigentlich mehr darum, sich zu treffen und auszutauschen. Einer gewinnt dann halt.» Harmat ergänzt: «Parkour ist mehr eine Lebenseinstellung als ein klassischer Sport.

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Für die Parkour-Lausbuben Fluri und Harmat ist die Stadt ein einziger Spielplatz.»

Diese Gemeinschaftsphilosophie teilen praktisch alle Athleten dieser knapp 25 Jahre alten, bei uns gar erst zehn Jahre jungen Sportart. So kamen Anfang August 15 Parkour-Cracks aus aller Welt nach Basel, um beim vierten «WPF-Camp» gemeinsam mit über 30 Kindern und Jugendlichen zu trainieren – gratis, nur für die Reisespesen. Ein paar sind noch immer in Basel. Ein guter Ort, um Parkour auszuüben, findet etwa Hollywood-Stuntman Jesse La Flair. Nicht nur wegen der guten Trainingsplätze. So staunte der 28-Jährige über den Applaus, der ihn erwartete, als er über eine Gartenmauer zum Fenster im ersten Stock eines Wohnblocks sprang: «Zu Hause in Los Angeles hätten die Bewohner uns angebrüllt und die Cops gerufen.» La Flairs Stunt-Künste konnte man eben in Will Smiths Sci-Fi-Actionfilm «After Earth» bewundern. Als Nächstes kämpft er dann im Griechenepos «300: Rise of an Empire». «Da mussten wir noch Schwertkampf lernen, bevor wir dramatisch über Mauern herabfallend sterben durften», lacht La Flair. Solche Hollywood-Jobs finanzieren seine Parkour-Reisen: «Bald bin ich wieder blank. Dann muss ein Film her – oder ein paar Werbespots.»

Aus dem Camp haben Harmat und Fluri auch die Idee für ihren nächsten Coup: «Fooly aus Ägypten hat uns eingeladen, mit ihm die Cheops-Pyramiden zu erklimmen und oben auf der Spitze einen Salto zu springen!», freut sich Harmat. Bis die neuste Flause Realität wird, haben die beiden aber auch in Basel noch viele Orte, wo sie den Affen machen wollen. Fluri: «Ich habe auf meinem Handy eine lange Fotoliste mit Hotspots, die wir endlich ausprobieren müssen.»

Parkour ist eine Fortbewegungsart, die meist im urbanen Raum stattfindet. Dabei erhalten architektonische und raumgestaltende Elemente wie Mauern, Geländer, Wände, Stufen, Unterführungen, Stangen oder Randsteine eine völlig neue Bedeutung. Der «Traceur» oder die «Traceuse» (so wird ein Sportler genannt, der Parkour betreibt) wählt einen möglichst effizienten und direkten Weg durch die Hindernisse einer Stadt. Geländer werden mühelos überwunden, Wände in Sekundenschnelle überrannt und Unterführungen übersprungen. «Le Parkour» wurde vom Franzosen David Belle erfunden. Er hat ihn aus der «Méthode naturelle» entwickelt. Diese Methode kannte er von seinem Vater, einem Vietnamveteranen. Noch heute wird sie als Training für das französische Militär benutzt und ähnelt dem hierzulande weit verbreiteten «Vitaparcours».

Es braucht nicht immer eine Häuserschlucht

Weltpremiere dank Teamwork

«Bei zehn brichst du dir das Bein!», ruft Chris Harmat über die Häuserschlucht zu Kevin Fluri. Der steht auf dem Zwischenabsatz einer Aussentreppe, dem Absprungplatz des «Manpower Gaps». Den Kultsprung kennen sie aus Luc Bessons Actionfilm «Banlieu 13», wo Parkour-Pionier David Belle mit dem Satz über die Häuserschlucht den Drogen-Dealern entkommt, die ihn verfolgen. Harmat ist bereits gesprungen und bewertet die Härte der Landung mit achteinhalb, auf einer Skala von eins bis zehn.

Zwischen den beiden klafft eine fünfeinhalb Meter breite, an die 20 Meter tiefe Häuserschlucht. Da blickt Fluri nochmals runter, dann wieder zu Harmat auf dem Flachdach gegenüber. Er hat genug gesehen. Nun drückt Fluri ein paar Liegestützen, putzt die Sohlen, nimmt zwei Schritte Anlauf und springt. Der Frontflip, ein Vorwärtssalto, gelingt ihm ebenso wie die bruchfreie Landung. Arm in Arm bejubeln beide lauthals die Erfolgssekunde von zwei Jahren harter Vorbereitung: Fluri überwand als Erster den Kultsprung der Parkour-Szene mit einem Frontflip. «Die grösste Schwierigkeit war das Mentale. Technisch habe ich den Frontflip ja seit sechs Jahren geübt und die spezielle Situation hier seit zwei Jahren. Aber ohne den Sprung von Chris und seine Eindrücke hätte ich mich wohl nicht überwunden», gesteht Fluri.

Fernsehtipp: Sehen Sie Kevin Fluris und Chris Harmats Abenteuer «Manpower Gap» am 3. September 2013 um 19 Uhr auf SRF2 in der Sendung «Sommer Challenge» (ab 4.9. auf srf.tv/sommerchallenge).

Finden Sie hier weitere spannende Parkour Videos
Zur Webseite der World Parkour Family

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Text:
Oliver Joliat
Foto:
Ferdinando Godenzi
Veröffentlicht:
Montag 19.08.2013, 11:19 Uhr

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